Der Fall Griechenland: Von einer Politik, die Krankheit und Tod heranzüchtet

(CC) Eric Vernier / flickr

(CC) Eric Vernier / flickr

Panayota Gounari ist Professorin für Angewandte Linguistik an der University of Massachusetts in Boston. In einem Artikel von 2014, der Zeit vor Syriza, schreibt sie über Griechenland als Expermentierfeld einer neuen Phase global organisierter neoliberaler Politik. Sie analysiert die Situation als Ausdruck einer neuen Form der sozialen Nekrophilie, die an traditionelle Formen kolonialer Politik und faschistischer Ideologie anschließt, und belegt ihre Thesen an zahlreichen Beispielen und Daten. Trotz der veränderten politischen Lage halte ich viele ihrer Punkte nach wie vor für gültig, nicht nur für Griechenland. Die Zukunft des Landes und mit ihr diejenige Europas hängt davon ab, ob die Öffentlichkeit in der Lage sein wird, sich gegen die zunehmend aggressive Nekropolitik der Eliten zu behaupten, die unsere Gesundheit, unsere Leben und unseren Lebensraum nachhaltig und systematisch zerstören. Ich habe Panayotas Text, den ihr hier im Original lesen könnt, mit ihrem Einverständnis ins Deutsche übersetzt.

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Panayota Gounari
Neoliberalismus als soziale Nekrophilie. Der Fall Griechenland
März 2014

Nimm die 600 Euro, die du bei mir findest, um deine Krankenversicherung zu bezahlen. Die Miete habe ich gestern bezahlt. Liebe Tochter, es tut mir Leid, ich konnte nicht noch mehr Elend ertragen, nur um ein warmes Essen auf den Tisch zu stellen – ein blutiges Essen. Sorge dafür, dass unsere Tochter studiert und lasse sie nie alleine. Sie soll das Haus bekommen, dass wir im Dorf haben.

Dies ist die Selbstmordnotiz einer 50-Jährigen an ihren Ehemann. Letzte Woche sprang sie von einer hohen Mauer in Kreta, Griechenland, und liegt seitdem in kritischem Zustand im Krankenhaus. Sie ist ein weiteres Opfer der sich verschärfenden Finanzkrise, die seit 2008 die Grenzen des griechischen Volks austestet. Dem griechischen Statistikamt zufolge kam es seit Beginn der Krise zu einem Anstieg der mit der Sparpolitik verbundenen Suizidrate um 43%. Nicht-offizielle Quellen schätzen die Anzahl auf 4000 Tote bisher.

Griechenland ist das jüngste und historisch einzigartige neoliberale Experiment im globalen Maßstab. Im ganzen Land marschiert die neoliberale Offensive festen Schrittes voran, und wenn Chile „das Laboratorium ihrer frühen Phase war, ist Griechenland das einer noch weitaus heftigeren Implementierung.“[1] Was gerade in Griechenland geschieht, kann man am besten als „Einschrumpfung eines Landes“[2] bezeichnen, mit der Folge tiefschürfender Umwälzungen seines sozialen und ökonomischen Gefüges. Griechenlands Wirtschaft ist seit 2007 um beinahe ein Drittel geschrumpft, die Schulden sind unkontrollierbar geworden. Durch unerbittliche Sparmaßnahmen, umfassende Privatisierungen, Kürzungen in den anfälligsten Sektoren der öffentlichen Bildung und Gesundheit, den anhaltenden Vorgang der Deindustrialisierung und den Verlust an Souveränität, scheint es, als würde „Griechenland aus diesem Prozess als ärmeres Land hervorgehen, mit verringerter Produktionsbasis, eingeschränkter Souveränität und einer politischen Klasse, die sich mit geradezu neokolonialen Formen der Aufsicht abfindet.“[3]

Ich streife durch Schnappschüsse in den Nachrichten: trübe Gesichter, verzweifelte Augen, wütende Blicke, Frustration und vor allen Dingen: Angst. Athen verwandelt sich nach und nach in einen Friedhof der Lebenden. Die Verwandlung der Stadt, als zugleich physischer und symbolischer Raum, ist ein Schock für das Auge. Der öffentliche und fürs Volk bewohnbare Raum wird zerstückelt und parzelliert in „zur Vermietung“ stehende verwüstete Geschäfte, bröckelnde Fassaden, Wohnungsfenster und Balkontüren, die „zur größeren Sicherheit“ hinter Eisengittern verbarrikadiert werden, Betten aus Pappkartons, bei denen sich die Habseligkeiten obdachloser Menschen finden: eine alte schmutzige Decke, zu große, ausgelatschte Turnschuhe, Plastikblumen, leere Wasserflaschen, hart gewordenes Brot. Verschiedene Gebiete der Stadt führen das zerfallende soziale Gefüge spürbar vor Augen, während mehr und mehr Griechen zum Kreis derjenigen aufschließen, die Zygmunt Bauman als „menschlichen Abfall“[4] bezeichnet hat: Arbeitslose, verarmte Arbeiter, Immigranten, all die Ausgestoßenen und Verlierer des „ökonomischen Fortschritts“, Beuteopfer ungezügelter neoliberaler Politik, „notwendige Verluste“ und, mit den Worten des griechischen Premierministers Samaras, Opfer einer „Erfolgsgeschichte“ auf dem Weg zur Privatisierung und zum großen Ausverkaufs des Staatsbesitzes und der Souveränität Griechenlands.

Griechenland hat sich radikal und gewaltsam in ein Land „verworfenen Lebens“ verwandelt, das sich im gigantischen Mülleimer des globalen Kapitalismus wiederfindet. Als Zeugin dieser neuartigen Form sozialer Nekrophilie, die jeden Zentimeter menschlichen Lebens, Arbeitsraum und Öffentlichkeit bei lebendigem Leib verzehrt, zucke ich zusammen bei den Worten „Opfer“, „Rettung“ und der Verklärung der griechischen Situation durch ihren Premier Andonis Samaras zur „Erfolgsgeschichte“. Wessen Opfer und wessen Rettung? Wer gewinnt, wer verliert? Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache.

Die Arbeitslosenquote steigt momentan auf 30%, das ist der Prozentsatz von 1961. Als Vergleichsgröße: 1929 lag die Arbeitslosenquote in den USA bei 25%, 2001 in Argentinien bei 30%. Mehr als 70 Prozent der Arbeitslosen sind seit mehr als einem Jahr ohne Beschäftigung. Nach dem Verlust monatlicher Sozialhilfezahlungen und der Krankenversicherung sind die meisten von Wohltätigkeitsleistungen abhängig. In diesen Daten sind weder junge Menschen enthalten, die zum ersten Mal einen Job suchen, noch unversicherte Angestellte oder Teilzeitarbeiter. Seit 2011 stieg die Arbeitslosenrate um 41%, bei den 15- bis 24-Jährigen liegt sie bei 51,1%. Das bedeutet eine Verdopplung in nur drei Jahren[5] und ist Negativrekord eines Land der Eurozone.[6]

Das Rezept von IWF und EZB fördert Wohlstand im globalen Finanzkasino, während 31% der Griechen gemäß Eurostat (2012) im Armutsrisiko leben. Diese Zahlen stellen Griechenland in der Armutsstatistik an siebte Stelle unter den 27 EU-Staaten. Genauer gefasst: 28,7% der Kinder und Jugendlichen bis 17 Jahre, 27,7% der Bevölkerung von 17-64 Jahren und 26,7% der Über-65-Jährigen leben an der Armutsgrenze.

Der Anstieg der Kinderarmut liegt bei 11,8%. Damit liegt die Anzahl armer Kinder im Jahr 2011 bei 465000.[7] Der griechische Sozial- und Wohlfahrtsstaat ist als Folge drakonischer Renten- und Lohnkürzungen, massiven Entlassungen und der Verletzung von Besitz-, Arbeits- und Tarifverhandlungsrechten kollabiert. Alle Tarifverträge sind mit dem 14. Mai 2013 ausgelaufen und durch individuelle Verträge ersetzt worden, die die Arbeiter zu den Geiseln ihrer Arbeitnehmer machen. Das Grundeinkommen stürzte um 500 Euro in den Keller (400 Euro bei den Jüngeren) – ganz zu schweigen von rückwirkenden Lohnkürzungen um 22% (32% bei den Jüngeren) im Februar 2012.

Im März 2013 kündigte die Regierung zusätzliche Rentenkürzungen um bis zu 20% an. Der Allgemeinen Konföderation der griechischen Arbeiter zufolge (2012) führen neue von der Troika diktierte Maßnahmen voraussichtlich mindestens zu einer 35-prozentigen Verschlechterung der Situation von Arbeitnehmerinnen und Rentnern. So haben beispielsweise seit Anfang 2011 113268 Menschen ihre Telefonanschlüsse abbestellt, um ihre Ausgaben zu verringern. Bei einer 19-prozentigen Steigerung der Stromkosten leben momentan 350000 Menschen in Athen ohne Elektrizität. Die Mittelklasse wird durch zusätzliche Vermögenssteuern ausgebeutet, die jetzt als Folge neuer Steuern und auferlegter Bußgelder in ihren eigenen Häusern „Miete bezahlen“. Die Lebensqualität für das griechische Volk verschlechtert sich zunehmend radikal.

Das neoliberale Experiment, wie es aktuell in Griechenland durchgeführt wird, züchtet Zerstörung und Tod heran und birgt Resonanzen mit Formen „sozialer Nekrophilie“. Unter sozialer Nekrophilie verstehe ich die offen organisierte Anstrengung vonseiten des einheimischen politischen Systems und der ausländischen neoliberalen Zentren, ökonomische Strategien und Austeritätsmaßnahmen einzusetzen, die in der physischen, materiellen, sozialen und finanziellen Zerstörung von Menschen resultieren: eine Politik, die den Tod befördert, sei er physisch oder sozial. Das Ziel der anhaltenden kapitalistischen Offensive in Form der neoliberalen Doktrin ist die symbolische und physische Zerstörung der anfälligsten Gesellschaftsschicht. Auf diese Weise soll die ganze Gesellschaft in einen maroden Zustand versetzt werden, um nie dagewesene Austeritätsmaßnahmen durchzusetzen, die den bereits international privilegierten Klassen noch mehr Profit verschafft.

Erich Fromm, Philosoph der Frankfurter Schule, Sozialpsychologe und Psychoanalytiker, stellt sowohl eine Metapher aus dem Bereich der Psychiatrie bereit als auch die Analyseinstrumente für eine verdinglichte Marktgesellschaft, die dazu gezwungen wird, den Tod zu lieben – und zwar ihren eigenen. In seinem einschlägigen Werk Anatomie der menschlichen Destruktivität (1973) definiert er Nekrophilie als

das leidenschaftliche Angezogenwerden von allem, was tot, vermodert, verwest und krank ist; sie ist die Leidenschaft, das, was lebendig ist, in etwas Unlebendiges umzuwandeln; zu zerstören um der Zerstörung willen; das ausschließliche Interesse an allem, was rein mechanisch ist. Es ist die Leidenschaft, lebendige Zusammenhänge zu zerstückeln.[8]

Im Fall des griechischen neoliberalen Experiments stehen jedoch, über die Zerstörung um der Zerstörung willen hinaus, echte ökonomische Interessen auf dem Spiel. Im Kasinokapitalismus wird gewettet und spekuliert, und das Spiel in Griechenland ist für Banken und andere größere Finanzinstitutionen eröffnet. Soziale Nekrophilie kann hier aufgefasst werden als Verfallszustand, als materielle und soziale Verkümmerung der Gesellschaft und als Zerstörung des sozialen Gefüges, aus der den Armen Krankheit und Tod erwächst, als das Ergebnis einer durch konkrete politische Entscheidungen absterbenden Ökonomie, von der ausschließlich die großen Banken und multinationalen Konzerne profitieren. Die Liebe zum Tod und eine Politik der sozialen Nekrophilie kann in Griechenland an zwei Phänomenen verdeutlich werden, a) dem Aufstieg des Faschismus und b) dem schockierenden Anstieg von Krankheit, Selbstmord, Sucht und der Verbreitung ansteckender Erkrankungen seit dem Beginn der Krise.

Faschismus im Vormarsch

In seiner Anatomie der menschlichen Destruktivität[9] präsentiert Fromm Nekrophilie als Produkt faschistischen Denkens, am Beispiel der spanischen Falangisten und ihrem Schlachtruf „Lang lebe der Tod“. Der Faschismus findet seinen Ausdruck sowohl in Reden und Politik der Regierung als auch im Aufstieg der Neo-Nazi-Partei Goldene Morgenröte. Die Liebe zum Tod in Griechenland wird aktuell von diesem Aufstieg der Goldenen Morgenröte repräsentiert.

Im Kontext der griechischen Krise zeichnet sich eine neue Form politischer Herrschaft ab, ein erneuertes Modell des Faschismus oder ein weiteres Beispiel für „Proto-Faschismus“.[10] Die gewählte griechische Regierungskoalition hat systematisch gegen die griechische Verfassung verstoßen und die Grundsätze der parlamentarischen Demokratie durch die Ausbildung eines „Zweitsystems“ zur Gesetzgebung ins Wanken gebracht. In der unterschiedslosen und regelmäßigen Anwendung „rechtlicher Notverordnungen“ umgeht die Regierungskoalition das griechische Rechtssystem, um Privatisierung und den Ausverkauf des öffentlichen Sektors einfacher durchsetzen zu können. Zudem herrscht eine institutionalisierte Instabilität: Gesetze ändern sich permanent und viele Gesetze werden rückwirkend zur Abstimmung gebracht und geltend gemacht.

Neben den anhaltenden Verstößen gegen die Verfassung ist das Schwinden der Öffentlichkeit zentraler Bestandteil des griechischen Proto-Faschismus. Die seit 2009 sich abzeichnende Landschaft ist nicht zu weit entfernt von einem Totalitarismus, wie ihn Hannah Arendt beschrieben hat:.

Totalitäre Herrschaft drosselt nicht bloß bürgerliche Freiheiten oder vernichtet wesentliche Freiheiten… Sie zerstört die einzige wesentliche Vorbedingung für alle Freiheiten, nämlich die Fähigkeit zur Bewegung, die ohne Raum nicht existieren kann.[11]

Nicht nur wird die Bewegungsfreiheit gehemmt und/oder untersagt, wie z.B. im Fall der Demonstrationsverbote im Zentrum Athens bei offiziellen Besuchen der Troika, eine Praxis, die an die Sperrstunden während der deutschen Belagerung in den 40er Jahren erinnert. Zusätzlich wird die tatsächlich stattfindende Bewegung kontrolliert, mithilfe erhöhter Überwachung und überall in Athen installierten Kameras. In der nekrophilen Situation operiert das federführende System mit der Überzeugung, dass der einzige Weg, ein Problem oder einen Konflikt zu lösen, über Zwang und Gewalt führt, sowohl symbolisch als auch materiell. Eine solche Sicht scheitert für gewöhnlich daran, andere Optionen ins Auge zu fassen. Dies erklärt auch die seit 5 Jahren exponentiell zunehmende Gewalt vonseiten des Staates, die sich in der Zerschlagung von Protesten äußert, in der Kriminalisierung von abweichenden Meinungen und Aktivismus, der Misshandlung festgenommener Demonstranten sowie in präventiven Festnahmen angesichts jedweder Form von Mobilisierung.

Neben der symbolischen Gewalt, die sich in ökonomischer, politischer und diskursiver Form äußert, werden die Schritte in Richtung Militarisierung und Autoritarismus immer entschlossener. Zu diesem Zweck und im Verbund mit massiven Entlassungen im öffentlichen Sektor gibt der griechische Staat mehr Geld für Anstellung und Ausbildung von Sicherheits- und Ordnungskräften aus. Noch interessanter sind die engen Banden zwischen der Polizei und der Neo-Nazi-Partei Goldene Morgenröte, deren Mitglieder Hitler und die Militärjunta von 1967 nostalgisch verehren. Die Goldene Morgenröte – mittlerweile als kriminelle Organisation registriert – beteiligt sich an der Durchführung „paramilitärischer Operationen, die systematisch Migranten, Linke und Homosexuelle angreifen.“[12] Achtzehn ihrer Parlamentsmitglieder waren bereits inhaftiert, einige Parteimitglieder in gewaltsame Übergriffe, illegalen Waffenbesitz und sogar Mord verstrickt, wie im Fall des brutal und mit Todesfolge zusammengeschlagenen Pakistanischen Immigranten Shehzad Luqman und des kaltblütigen Mordes an Pavlos Fyssas, einem jungen, linken, anti-faschistischen Aktivisten und Rapper.

Durch ihre fortschreitende Entwertung, Verunglimpfung und Herabwürdigung wird die „Öffentlichkeit“ zu Gunsten des Privaten abgeschafft. Ein klares Zeichen dafür ist die anhaltende Dämonisierung von Beamten im öffentlichen Dienst, Lehrern an staatlichen Schulen, Universitätsprofessoren und Ärzten, die für das öffentliche Gesundheitssystem arbeiten. Sie werden allesamt als faul und inkompetent dargestellt, was ihre ununterbrochene Evaluierung notwendig macht, und sobald sie es nur wagen zu widersprechen, droht ihnen das Damoklesschwert der Ermittlung. Alles „Öffentliche“ ist dem Verfall preisgegeben, als Folge von drastischen Kürzungen öffentlicher Gelder, Stellen und Hilfen. Auf diese Weise entsteht ein fruchtbarer Ort für Korruption und gewalttätigen Wettbewerb.

Öffentlichen Schulen fehlen Bücher und Unterrichtsmaterial. In vielen Gegenden im Norden Griechenlands bleiben Kinder an kalten Tagen zu Hause, da die Schulen es sich nicht leisten können, die Klassenzimmer zu heizen. Lehrer leiden unter verheerenden Kürzungen ihrer Löhne, Universitäten können kaum noch ihre Grundbedürfnisse decken, Kürzungen bei Labormitarbeitern und Hilfspersonal behindern den angemessenen Arbeitsablauf an den Instituten.

Körper im Verfall

Es ist ganz einfach. Du hast Hunger, dir wird schwindlig davon und du schläfst es aus,

sagt die Mutter eines 11-Jährigen, der in seiner Schule unter Hungerattacken leidet.[13]

Nekrophilie äußert sich körperlich in der Art und Weise, wie der menschliche Körper degeneriert und von Krankheit, Mangelernährung, Drogenmissbrauch, HIV und Suizid gezeichnet wird. In jeder Ecke sieht man Obdachlose; kleine Slum-Gemeinschaften überall in Athens Innenstadt. Läuft man nach Süden, Richtung Zentrum, warten Tausende in Schlangen auf Essen aus Suppenküchen, die über 30000 kostenlose Mahlzeiten am Tag austeilen. Unzählige Menschen stehen an für die womöglich einzige Mahlzeit des Tages. Willkommen in der Schlange des „menschlichen Abfalls“.

Die griechische Regierung, die seit dem Beginn der Krise 2008 die Rolle des ausführenden Organs von IWF und EU übernommen hat, bewies ihren ausgesprochenen nekrophilen Charakter, und dies ganz ohne Scham. Immer mehr Kinder fallen in Schulen als Folge von Mangelernährung in Ohnmacht; beschämende Kürzungen in öffentlichen Krankenhäusern führen dazu, dass Patienten ihr eigenes Verbandsmaterial und Medikamente von externen Apotheken erwerben müssen, sofern sie öffentlich zugelassen sind. Menschen ohne Krankenversicherung mit ernsten Erkrankungen haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Malaria, eine Krankheit, die vor 40 Jahren offiziell ausgerottet wurde, hatte 2012 ihr Comeback, als Fälle im östlichen Teil von Attika und auf dem Peleponnes gemeldet wurden.

Die steigende Suizidrate (um bis zu 43%) setzt Griechenland weltweit auf Platz eins bei den Selbstmorden der letzten fünf Jahre. Neue Fälle von Depression und psychischen Krankheiten sind alarmierend. Eine aktuelle Studie der Universität Ioannina fand heraus, dass jeder Fünfte mit finanziellen Problemen ernsthafte psychopathologische Symptome aufweist. Die HIV-Rate an Neuinfektionen stieg innerhalb kürzester Zeit um 200% an.[14] Gleichzeitig kommt es zu drastischen Kürzungen für psychiatrische Kliniken, öffentliche Rehabilitationszentren und andere soziale und wohltätige Einrichtungen, während das Establishment versucht, angreifbare soziale Gruppen wie HIV-positive Frauen, Drogenabhängige und psychisch Kranke „auszumerzen“.

Bei einer Preiserhöhung von 40%, die die Regierung auf Heizöl geschlagen hat, sind Tausende Haushalte während des Winters kalt geblieben. Immer mehr Menschen kehren zu Holzöfen zurück, deren unkontrollierter Gebrauch einen giftigen Smog über Athen verursacht hat. Die Zerstörung der Körper geht Hand in Hand mit der Zerstörung der Umwelt: Griechischer Boden ist der Verwüstung ausgesetzt, als Folge der Überbenutzung von Bodenschätzen im Namen des Profits. Große Waldgebiete wie der Skouries-Wald in Halkidiki verwandeln sich in riesige Bergbaulandschaften, in denen private Firmen den natürlichen Reichtum des Landes ausbeuten und dabei den Boden, die Luft und das Wasser verseuchen.

Angesichts der radikalen Verschlechterung der Lebensbedingungen ist es eine schwierige und herausfordernde Aufgabe, die mangelnde Bereitschaft des griechischen Volkes zum organisierten Widerstand in den letzten fünf Jahren zu erklären. Fast ist es, als ob man sich mit dem Tod, der überall lauert, versöhnt hätte; die Menschen gewöhnen sich nach und nach an das Entsetzen. Die anfänglichen Demonstrationen – Versammlungen auf Plätzen, Proteste und andere Formen zivilen Ungehorsams – konnten nicht in eine besser organisierte und konsistentere Struktur übertragen werden, trotz lokaler Siege und der Existenz einer Bewegung, die täglich an und auf vielen Fronten und Ebenen kämpft. Die mächtigen Eliten benutzen den ursprünglichen Schock und die Lähmung, um Angst zu verbreiten, durch das, was Naomi Klein als „Schock-Strategie“ bezeichnet hat. Die Ausnutzung schockierender Ereignisse in Form von Naturkatastrophen, ökonomischen Problemen und politischen Unruhen für ihre Geschäftsinteressen ist eine verbreitete Praxis der Eliten und bietet Gelegenheit, die Ökonomie angreifbarer Staaten aggressiv zu restrukturieren. In diesem Sinne werden öffentlicher Widerstand und abweichende Meinungen durch symbolische und materielle Einschüchterung und Gewalt zerschlagen, von „Katastrophen-Diskursen“ der Medien hin zu den sehr realen Phänomenen von Folter und Unterdrückung.[15]

Schocks helfen dem System bei der Implementierung einer antisozialen und schädlichen Politik, gegen die sich Bürgerinnen normalerweise auflehnen würden. Als ganzes Land in Schockstarre zu sein, schreibt Klein, bedeutet, seine narrative Struktur zu verlieren, nicht verstehen zu können, an welcher Stelle in Zeit und Raum man sich befindet. Schockzustände auszunutzen ist einfach, weil Menschen in ihnen verwirrt und angreifbar sind. Sie sind ihrer lebendigen Instrumente, sich und ihre Stellung im soziopolitischen Gefüge zu verstehen, beraubt. Menschen werden zu unbelebten Dingen und der Markt wird zum Leben erweckt. Während Menschen nach und nach ihre Menschlichkeit abhanden kommt und die Regierung ihre Sozial- und Wohlfahrtsfunktionen aufgibt, werden die „Märkte“ zum neuen Bezugspunkt, um den Menschen sich kümmern und sorgen sollten, als handele es sich um lebendige Wesen.

Ungeachtet ihrer Leblosigkeit erlangen Märkte im neoliberalen Diskurs eine Seele und einen Charakter. In offiziellen Regierungsreden lässt sich ein interessantes Phänomen beobachten, das von den loyalen Mainstream-Medien reproduziert wird: das fortlaufende Bestreben, den Märkten menschliche Eigenschaften zuzuschreiben. Der „Markt“ als Substantiv, Subjekt oder Objekt, wird als übergreifende Autorität dargestellt, oberhalb und jenseits von allen, als Wesen, dessen Glück und Zufriedenheit garantiert werden muss – eine weitere Erscheinungsform von Nekrophilie, da Menschen sterben müssen, damit Märkte leben können. Der Anthropomorphismus des Marktes in den Mainstream-Medien wird deutlich in Formulierungen wie „die Märkte zeigten sich heute zufrieden“, „der Markt kämpft“, „wir müssen die Märkte überzeugen“, „wir müssen die Märkte besänftigen“ oder „lasst uns abwarten und sehen, wie die Märkte reagieren“. Die „Reaktionen“ des unsichtbaren Marktes legitimieren „menschliche Opfer“, da alle „Gefühle des Marktes“ von ansteigenden sozialen Austeritätsmaßnahmen abhängen, die einen großen Teil der produktiven Bevölkerung Griechenlands auf die Müllkippe der Arbeitslosigkeit verbannen. Je mehr menschliche Eigenschaften den Märkten zugeschrieben werden, desto mehr Menschen werden ihrer menschlichen Substanz beraubt. Es scheint, als ob das System Menschen enthumanisieren müsste, um den Markt humanisieren zu können, und sie dann möglicherweise in die neue Marktgesellschaft rehumanisieren zu können – als ein neues Volk, dem jegliche Form von Handlungsmacht entzogen worden ist.

Im Bestreben des griechischen Volks, seine verlorene Geschichte wiederzufinden und in kollektiver Anstrengung „eine narrative Struktur wiederzugewinnen“[16], sind zwei Erfordernisse sehr wichtig: die Befähigung zu bewusstem Ungehorsam und die Füllung des Konzepts der Hoffnung durch ein realistisches und durchführbares politisches Projekt. Mit den Worten Erich Fromms mag „die Fähigkeit zu zweifeln, zu kritisieren und ungehorsam zu sein“[17] an diesem Punkt der Geschichte alles sein, was zwischen der Zukunft dieses Landes und ihrem Ende steht. Kritisches und radikales Denken bildet notwendigerweise den Kern der Artikulation eines politischen Projekts und einer Erzählung gegen die kapitalistische Nekrophilie. Vermengt mit der Liebe zum Leben vermag es den Kampf auf eine neue Stufe zu heben. Anstatt sich von Reformierung und Korrektur der aktuellen Situation gefangen nehmen zu lassen, sollten die Menschen danach streben, sich das, was noch nicht ist, vorzustellen, nach ihm zu verlangen und hart daran zu arbeiten, dass es Wirklichkeit wird.

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[1] Hall, S., Massey, D. & Rustin, M. (2013): After Neoliberalism: Analyzing the Present. In: Dies. (Hg.): After Neoliberalism? The Kilburn Manifesto, London: Soundings, S. 12.

[2] Sotiris, P. (2012): The Downsizing of a Country (http://greekleftreview.wordpress.com/2012/09/17/greece-the-downsizing-of-acountry/)

[3] Ebd.

[4] Bauman, Z. (2005): Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne. Hamburg: Hamburger Edition, S. 4.

[5] INE GSEE/ADEDY (2012): Greek economy and employment: Yearly Report 2012. Athen.

[6] Eurozone Unemployment Reaches New High (8.1.2013). BBC (http://www.bbc.co.uk/news/business-20943292)

[7] Greek National Committee of UNICEF (2003): State of Children in Greece 2013. Athen.

[8] Fromm, E. (1974): Anatomie der menschlichen Destruktivität. Reinbek: Rowohlt, S. 373.

[9] Ebd.

[10] Giroux, H. (2008): Against the Terror of Neoliberalism Politics Beyond the Age of Greed. Boulder: Paradigm Publishers, S. 21-2.

[11] Arendt, H. (1955): Ursprünge und Elemente totaler Herrschaft. München-Zürich: Piper, S. 466.

[12] http://www.theguardian.com/world/2014/feb/02/greece-goldendawn-new-party-banned-polls)

[13] Alderman, L. (17.4.2013): More Children in Greece are going Hungry. The New York Times.

[14] Henley, J. (15.5.2013). Recessions can hurt but Austerity kills (http://truthout.org/%20http:/www.theguardian.com/society/2013/may/15/recessions-hurtbut-austerity-kills)

[15] Naomi Klein (2007): Die Schock-Strategie: Der Aufstieg des Katastrophen-Kapitalismus, Frankfurt/M.: Fischer.

[16] Edmonds, L. (26.4.2013): „Is Greece in Shock?“ Naomi Klein tells Enet how her bestseller The Shock Doctrine relates to Greece. (http://www.enetenglish.gr/i=news.en.article&id=766)

[17] Fromm, E. (1993): Über den Ungehorsam und andere Essays. München: dtv.

Über Samir Sellami

istinalog.net
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Eine Antwort zu Der Fall Griechenland: Von einer Politik, die Krankheit und Tod heranzüchtet

  1. alphachamber schreibt:

    Mit Verlaub, intelligent geschrieben, aber inhaltlich ungelehrt – das Merkmal der progressiven Ideologen und Linken. Anstelle langer Critique des Essays, halte ich diesen Link dagegen.
    https://huaxinghui.wordpress.com/2015/06/29/kapitalistische-scheren-und-wunder/

    Griechenland ist ein souveräner Staat – souveräner als die BRD. Im Westen leiden wir alle unter dem US Imperialismus, Deutschland mehr als andere, gewissermaßen als besetzte Verlierer. Der große Unterschied liegt im Menschen und seiner Kultur. Griechenland ist korrupt wie der mexikanische Zoll mit übermäßiger, ineffektiver und chaotischer Bürokratie. Das wurde den Griechen nicht aufgezwängt und ihre erbärmlichen Wirtschaftsstrukturen haben nichts, null mit „Neoliberlaismus“ zu tun. Die Griechen leiden – wie die meisten Gesellschaften – unter ihren eigenen Attributen, die, wiederum wie auch bei uns andere ausnützen. Der Unterschied ist, dass die BRD die größeren Reserven hat.
    Wo ist die Lösung, die m a c h b a r e Antwort der Sozial-Aktivisten? Für sie dient Greichenland nun als Beweis des „kapitalistischen Übels“ – trotzdem braucht jeder sein Geld um Brötchen und IPhones zu bezahlen.
    Nette Grüße aus Hong Kong

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