Das ist das Große, und darin kann man nicht leben

Karl Ove Knausgards Bücher sind nicht nur ein Ereignis, sondern vor allem Bücher über das Ereignis, nicht über ein Geschehen, sondern über die Tatsache, dass etwas geschieht, keine Bücher über das Was, keine Bücher über das Wie, sondern Bücher über das Dass.

Da das Ereignis keinen Anfang und kein Ende hat, sondern einfach ist und von keinem Ort her in die Zeit hineinfällt, haben auch Knausgards Bücher außer den ersten und letzten Seiten keinen solchen Anfang und kein solches Ende.

Sie haben keinen Anfang und kein Ende, und daher haben sie auch keine Einführung und keine Auflösung, keine Exposition und keine Konklusion. Sie führen nicht von A nach B, aber sie drehen auch A und B nicht einfach um, wie man es von langweiligen und kindischen postmodernen Spielerein mittlerweile zur Genüge kennt.

Anstatt lineare oder kreisrunde Texte zu sein (Texte, die so tun, als ob sie Texte wären, aber in Wirklichkeit gar keine sind), sind es wirkliche Texte: Texte, in denen alles im Voranschreiten rückwärtsgewandt ist.

Alles an diesen Texten ist reflexiv, so wie alles im Leben reflexiv ist.

Knausgard hat nur ein Thema, es geht ihm um nichts anderes als um das Leben. Man darf das Leben auf keinen Fall verwechseln mit dem Sein, mit der Existenz. Das Leben, anders als die Existenz, lässt sich nicht einteilen in aktiv und passiv, Handeln und Leiden.

Ein reflexiver Text ist weder ein Text, der mit beliebig vielen dazwischen geschalteten Umwegen von A nach B verläuft, noch ist es ein Text, der A und B kreisen lässt und die beiden Pole fortwährend dreht und vertauscht, bis man irgendwann nicht mehr weiß und bis es egal ist, wo A und B sind und was sie bedeuten und wofür sie stehen. Ein reflexiver Text ist ein Text, der von einer nicht genauer bestimmbaren Mitte in zwei entgegen gesetzte Richtungen permanent pulsiert.

Anfang und Ende, Exposition und Konklusion fallen bei Knausgard immer wieder in diese nicht genauer bestimmbare Mitte zusammen, bevor sie sich wieder wie ein stereometrisches Atmen in zwei entgegen gesetzte Richtungen ausbreiten.

Das macht diese Bücher zu Texten nicht nur über das Leben, sondern zu lebendigen Texten. Keine Geschichten, keine Simulationen von Bedeutungszusammenhängen, sondern Animationen von Sinndiagrammen, Verlebendigungen, in denen Plan und Ausführung, Entwurf und Realisierung zwar nicht zusammenfallen, aber wie eine Gerade und ihre Asymptote auf unheimliche Weise enggeführt werden.

Die Bewegung, die diese Texte vollziehen, läuft immer wieder auf sich selbst zurück, aber sie beschreibt keinen Kreis, sondern einen Kreisel, sie hat in ihrer Introvertiertheit eine eigene Dynamik und eine Richtung, und in diesem dynamisch gerichteten Kreisen erzeugen die Texte Sinn statt Bedeutung und zeigen dabei, im selben Moment, was es überhaupt heißt, Sinn zu erzeugen.

Da Knausgard mehr als einen leichten Hang zum Theatralischen hat, ist ihm dieser Kreisel ein Kampf und da ein Kampf nie abstrakt sein kann und da sich der Hang zum Theatralischen bei Knausgard immer nur da äußert, wenn es ihm um sich selbst geht, ergibt sich der unvermeidliche Titel Mein Kampf. Ein Titel, über den man sich nicht weiter aufregen muss, sondern den man ganz einfach ignorieren kann, weil er genauso unvermeidlich wie unoriginell wie egal ist.

***

An das Ende meiner Besprechung des ersten Bandes habe ich noch ein langes Zitat gesetzt, ein ziemlich langes sogar, mit der Begründung, dass kurze Knausgard-Zitate nicht wirken, weil alles Entscheidende bei ihm in einem Rhythmus liegt, der die vielleicht nicht dümmsten, aber auch nicht gerade genialsten Allerweltseinsichten, aus denen die Bücher zusammengesetzt sind, trotz ihrer Trivialität zum Ereignis macht.

Vielleicht muss man aber sogar noch einen Schritt weiter gehen und auf lange, auch sehr lange Zitate ganz verzichten, denn es macht fast gar keinen Sinn mit Knausgard das zu tun, was man sonst gerne tut mit Büchern, die einen begeistern, nämlich seinen besten Freunden (oder wer auch immer gerade greifbar in der Nähe ist) die geilen Stellen vorzulesen. Nicht dass einzelne Textpassagen für sich genommen nicht gut, sogar grandios sein können, aber auch sie ersetzen wiederum nicht die übergeordnete Form, in die diese auf mysteriöse Weise glückenden rhythmischen Teilstücke eingebettet sind.

Ich habe die Angewohnheit beim Lesen von Büchern, die ich mir gekauft habe, alles, was mir am wichtigsten erscheint, mit einem Textmarker anzustreichen. Eine Möglichkeit, sinnvoll über Knausgard zu schreiben, besteht darin, diese Anstreichungen durchzusehen, um sich den Grund und die Bedingungen des Anstreichens ins Gedächtnis zu rufen.

WP_20150609_002

Die erste Anstreichung auf S. 18 erinnert mich daran, dass Knausgards Poetik weder die Tiefe hinter den Phänomenen aufdecken will noch die Oberfläche abfeiert, so wie sie ist. Es gibt hier überhaupt keine emphatische Haltung, sondern lediglich den Versuch, die Welt „so zu sehen, wie sie war“ (S. 164) d.h. wie sie in einem bestimmten Kontext absolut wirkt. Es gibt nichts letztlich Absolutes bei Knausgard, nur Extreme und Übertreibungen, die aber unter bestimmten Bedingungen absolut sind, so und nicht anders. Neben Form und „Rhythmus“ (S. 140) ist „Kraft“ (S. 329) die wichtigste ästhetische Kategorie in Knausgards Werk.

Die Ahnung von Tiefe. Knausgards Realität ist weder eine Eisschicht, auf der man gefährlich oder fröhlich schlittert, noch ein Brunnen, in den man fällt oder aus dem man schöpft. Sie ist eine Membran, eine „Haut“ (S. 166), ohne ein Dahinter, das ihre Eigentlichkeit verbirgt, eine Haut, auf der sich alles abspielt, ohne dass dieses Geschehen eindimensional oder im engeren Sinne oberflächlich ist.

Die nächste Markierung umfasst nur ein Wort: „gleichzeitig“ (S. 21). Das Einzelne für sich gesehen ist bei Knausgard immer banal, aber die Gleichzeitigkeit von Stimmungen, Gefühlen, Situationen, der Rhythmus des Lebens, das ist das Ereignishafte. Auch hier wieder nichts, was sich in der Tiefe verbirgt, sondern das, was in den Zwischenräumen, den Poren der Wirklichkeit, lauert.

„Das Genetische“ von S. 23 verweist auf die Obsession Knausgards mit dem Angeborenen, Gegebenen, dem persönlichen Kern jedes Menschen, der zwar nicht sein wahres Wesen ausmacht, aber doch vom sozialen Entwicklungsprozess ganz und gar unabhängig ist. Es geht nicht darum, die wissenschaftlich gut beschreibbare Sozialität des Lebens wieder durch eine mystische, vormoderne Personalität zu ersetzen, sondern darum, das Leben ganz aus dem dynamischen Kampf zwischen diesen beiden Polen her zu beschreiben. Die politisch relevante Dimension dieses Ansatzes, der erst einmal konservativ klingt, spürt man, wenn man Knausgards Text über Anders Breivik liest. Knausgard leugnet dort nicht, dass Breiviks traumatische Kindheit, sein durch soziale Bedingungen verstärktes psychisches Krankheitsprofil und die Leistungs- und Anerkennungsökonomie unserer Gesellschaft existieren, aber er leugnet, dass sie den Grund für diese Tat liefern. Sein Beharren auf der absoluten Singularität und Zufälligkeit, sowohl des Menschen als auch der Geschichte, schottet auf eine wohltuende Weise ab gegen die langweiligen, hilflosen und letztendlich zynischen Erklärungsversuche, die uns die Diskursöffentlichkeit im Anblick unerklärlicher Taten meistens anbietet.

„Geduld“ (S. 29) ist bei aller Suchtwirkung sowohl eine Eigenschaft, die Knausgards Leser brauchen, als auch der Motor seiner Beschreibungen. Das zeigt auch, dass die Texte entgegen ihrer reinen Oberflächenwirkung immer wieder Metaliterarisches enthalten, d.h. Sätze erzeugen, die sowohl auf das Erzählte als auch auf sich selbst, das Erzählen und seine Bedingungen verweisen. Angesichts der Unkonventionalität und der extremen biographischen Ähnlichkeit des Erzählten zum Erlebten fragen sich Rezensenten immer wieder, was das eigentlich Literarische an diesen Texten ist. Die Existenz von Metaliterarischem, wäre meine Antwort.

Zu diesen metaliterarischen Signalen gehört auch das obsessive Herumreiten auf der „absoluten Präsenz“ bestimmter Personen, z.B. des Boxers, der auf einer Party Knausgards schwangere Frau durch einen kräftigen Fußtritt aus dem eingeschlossenen Badezimmer befreit, während Knausgard selbst tatenlos und beschämt in der Ecke steht (S. 42). Absolute Präsenz ist eine annähernd gute Beschreibung der Texte selbst, die ganz oder fast vollständig ohne Metaphern, Tropen, Symbolik und Abweichungen von der Normalsprache auskommen. Zugleich gibt es die Dimension des „unablässigen Fortsehnens“ (S. 35), des ziellosen Vorandrängens, des Nieankommens. Wie man so vollständig im Moment sein kann, wie die Schauspieler sagen, und doch ständig was anderes will, wovon man schon jetzt weiß, dass es nicht befriedigen kann, das muss man erst einmal schaffen in einem literarischen Text.

Knausgard (die literarische Figur, denn über den echten weiß ich nichts und er interessiert mich auch null), Knausgard, ist weder ein Schwärmer noch ein Fatalist. Um es in den wunderbar antiquierten Begriffen der klassischen Ästhetik auszudrücken: Er ist weder naiv noch sentimentalisch. Es geht also weder darum, die Existenz zu bejahen noch sie aufgrund einer träumerischen Ersatzwirklichkeit zu verlassen. Knausgard ist weder Realist noch Idealist. Er ist, wie ich schon in meiner Besprechung von Band 1 behauptet habe, Naturalist. Knausgards Texte sind weder Ausschlachtungen des schrecklichen noch Ausmalungen eines besseren, anderen Lebens, sondern Berichte davon, was es heißt „mich durchzuschlagen“ (S. 53), sich einzuleben ohne zu denken (S. 94), „es durchzustehen“ (S. 17) und „verweilen, durchhalten, durchhalten“ (S. 256). Eine von Knausgards Lieblingsbeschäftigungen besteht darin, auf den Balkon zu gehen (den auf der Ostseite, wo ihn möglichst wenige Menschen sehen), weder in die Weite noch in die Nähe, sondern in die Halbdistanz zu schauen, und – zu rauchen.

Was kann ich noch schreiben, nach dem ich all das gelesen habe? Das ist die sauerstoffarme Ausgangslage jeder Schriftstellerin, die sich am Anfang des Schreibens befindet. Eigentlich ist es ganz einfach: Es geht darum, die relevanten fundamentalen Gegensätze auszumachen, die gleichzeitig gelten, aber miteinander „unvereinbar“ (S. 121, S. 316) sind, die aber trotzdem irgendwie miteinander vereinbart werden oder zumindest ausgelebt werden müssen, was in einer Welt, in der jede Entscheidung falsch oder zumindest anfechtbar ist, immer wieder aufs Neue zu „unwiderruflichen“ (S. 90) Ereignissen führt – ja, das Leben besteht aus der mehr oder weniger zufälligen Aneinanderreihung solcher Unwiderruflichkeiten – und all das gilt es aufzuschreiben, wobei das Aufschreiben eher ein Hinterherschreiben ist, das in seinen größten Momenten in einem trügerischen, aber dennoch unvermeidlichen „Gefühl von Unbesiegbarkeit“ (S. 92) das Leben überholen will, ohne es je zu können. Und weil das alles eigentlich so einfach ist, ist es in Wirklichkeit alles so ziemlich schwierig.

Auf S. 350 steht dann der vorerst letzte Satz, den ich angestrichen habe:

WP_20150609_004

Über Samir Sellami

istinalog.net
Dieser Beitrag wurde unter Ich, Kunst, Leben abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s