mother nature is secretly a dude

Mein Alter Ego Ivory hat letzte Woche beim ersten Mülheimer Zukunftslabor der EG F KA diese Lecture-Performance gezeigt. Es geht um den Klimawandel, Ökologie ohne Natur, Technologie, Akzelerationismus, Schönheitsoperationen und Trash-TV. Die wunderbare Elena Friedrich hat die Kamera gemacht. Ivory und ihre Schwester Conica gibt es demnächst wieder live zu sehen bei „feelings from the future“ am 3., 4., 5, und 7. Juni im Ballhaus Ost Berlin.

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Das Zukunftslabor: https://promlab.wordpress.com/
Timothy Morton: http://ecologywithoutnature.blogspot.de/
Das akzelerationistische Manifest: https://istinalog.net/2013/06/24/beschleunigungsmanifest/

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Guten Tag. Mein Name ist Ivory. Ich habe ich ein wenig zurecht gemacht, wie ihr seht. Ich habe mich so zurechtgemacht, weil ich mit euch über Natur sprechen möchte. Und wo man von Natur spricht, da ist die unschuldige Schönheit nicht weit. Hier ist eine. Das hier ist die junge Sarah Howes. Es ist 1994 und sie ist 15 Jahre alt. Sie sitzt auf ihrem Bett, blättert in einer Zeitschrift und träumt von der Welt. Sie blickt kurz auf als jemand, ihre Mutter, ihr Vater, ihr Freund ein Foto macht und diesen Moment für immer einfriert. Bald wird sie sich daran machen, die Welt zu erobern, auf die einzige Art, die sie sich vorstellen kann. Sie bricht die Schule ab. Sie ändert ihren Namen in Alicia Douvall. Sie nimmt eine Barbiepuppe mit zu einem Schönheitschirurgen und sagt ihm: So möchte ich aussehen. Im Laufe von 15 Jahren wird sie über 330 kosmetische Eingriffe an sich vornehmen lassen. Sie lässt sich 12 mal die Augen Operieren. 12 Mal die Nase. 16 mal die Brüste. Sie lässt sich das Gesicht einmal komplett runternehmen und wieder aufsetzen. Sie lässt sich die Zehen einzeln brechen und neu platzieren um die Perfekten Füße in Sandalen zu haben. Sie möchte ihre Rippen entnehmen lassen, bis ihr der Chirurg sagt, dass das nicht geht. Zum Teil ist es ein Eingriff pro Woche. Sarah Howes war ein hübsches Mädchen. Alicia Douvall sieht an schlechten tagen so… und an guten Tagen so aus. Ich begegne Alicia Douvall als ich Anfang des Jahres meine Freizeit damit verschwende, Celebrity Big Brother UK kucken. (Bitte keine kritischen Nachfragen jetzt!) Das Thema dieses Jahr ist verwunschener Märchenwald. Da ist sie wieder die Natur. Für Alicia, ist das weder die erste Reality-Show noch die letzte. Sie ist ein sog. Glamour Model, die britische Variante weiblicher Trashprominenz und als solche auf Reality-Shows für ihren Lebensunterhalt angewiesen. Ich erfahre in dieser Sendung zwei sehr interessante Dinge über Alicia Douvall. Zum einen das, was ich euch schon erzählt habe, dass sie der neue Mensch ist, Homunculus, Frankenstein, ein Weiblichkeits-Cyborg, und zum anderen, dass sie ein sehr intensives Verhältnis zur Natur hat. Sie lebt vegan, und steht jeden morgen früh auf um Mandelmilch für ihre Kinder zu machen. Künstliche Muttermilch ist für sie „Man made synthetic shit“. Dabei ist sie doch selbst inzwischen „Man made synthetic shit“. Die ganze Welt ist „man made synthetic shit“. Nun wird man vielleicht gemerkt haben, dass Alicia Douvall nicht die hellste ist. Sie ist ein wandelnder Blondinenwitz. Aber ich stehe auch als wandelnder Blondinenwitz, aus Solidarität mit ihr. Denn die Dummheit von Alicia Douvall ist in diesem Fall ein Instrument der Erkenntnis. Weil sie eben keine Mittel hat, ihre Widersprüche diskursiv zu maskieren. Weil ihre stumpfe Dummheit unsere eigenen Widersprüche krass und schmerzhaft auf den Punkt bringt. Natürlich kann mir die Akademikermutter die veganen Kuchen backt und teure Flugreisen unternimmt ihre Widersprüche eloquenter auflösen als sie das kann. Die Tatsache ist, dass wir als Menschheit eine expandierende, durch und durch technologische Unternehmung sind, und uns selbst den Konsequenzen dieser Feststellung entziehen, indem wir den Kontakt zu einer Natur suchen, die es so nie gegeben hat. Das was wir ein natürliches Gleichgewicht nennen, ist immer 1. Ein Gleichgewicht des Schreckens. Lebewesen die andere Lebewesen verdauen. 2. Nur auf Zeit. Natur ist nie ein stabiler Hintergrund gewesen, eine Umgebung, eine Umwelt, auf der sich die menschlichen Geschicke ausbreiten können. Und jetzt wo wir selbst durch den Klimawandel die Wechselhaftigkeit und Unberechenbarkeit der Natur derart beschleunigt haben, dass wir sie auch im Großen wahrnehmen können, wird uns das bald schrecklich offenbar. Was wir als stabile Natur sehen, ist in Wirklichkeit ein eingefrorenes Still aus einem Horrorfilm, der langsam aber sicher wieder auf 24 Bilder pro Sekunde kommt, dann wahrscheinlich noch schneller wird, bis der Film irgendwann schmilzt. Sobald ich wirklich in Kontakt trete zur Umwelt, hört sie auf Umwelt zu sein und wird Welt wie alles andere auch, sie zerfällt in Pflanzen, Tiere, Gase, Flüssigkeiten, Geröll. Und das Zusammenwirken dieser Teile geschieht zwar in einem System, aber nicht nach einem Plan. Die Evolution hat keine Spitze, sie hat keinen Inhalt und kein Ziel. 99% Prozent aller Arten die die Evolution hervorgebracht hat, sind bereits ausgestorben. Und die 1% die noch existieren, werden auch alle irgendwann aussterben. Es gibt keine Natur. Was es gibt sind kohlenstoffbasierte Lebensformen, die in komplexen Systemen mit sich gegenseitig und den nicht lebendigen Materialien auf diesem Planeten interagieren. Die sogenannten Naturvölker, also die wirklich in dem Vermeintlichen Einklang leben, den wir suchen, wenn wir mal einen Campingtrip machen, beschreiben ihre „Natur“ nicht als stabilen, nährenden Grund, sondern als einen sich ständig wandelnden Schwindler. Die „Natur“ der „Naturvölker“ sind keine grünen Hügel, sondern sehen viel mehr aus wie das hier: […]

Das ist das Verhängnis von Alicia Douvall: Sie sieht nicht, dass ihre Vorstellung von Natur genauso künstlich ist, wie ihre Vorstellung von Weiblichkeit es früher war. Die Natur auf ein Podest zu heben, und sie aus der Ferne zu verehren, tut der Umwelt die Gewalt an, die das Patriarchat der Frau angetan hat. „Die Natur“ genauso wie „Die Frau“ ist nie wirklich bei uns, besonders nicht, wenn wir uns versuchen ihr zu nähern, da die Distanz ja erst die Faszination und die Anziehung erschafft. Die hässlichen, krummen, perversen Seiten der Biosphäre sind aus dieser Distanz ebenso nicht sichtbar wie hässlichen, krummen, perversen Seiten der Frau. Die Distanz wird nie Aufgelöst, die Sehnsucht wird nie aufgelöst, und während wir diesem Phantasma verliebt hinterherstolpern, geht das „materielle Fundament“, aus dem wir diese Träume bauen den Bach runter. Ich höre jetzt Widerspruch: Aber es gibt doch viele Menschen, die gerade aus einer Verehrung für die Natur heraus versuchen, die Natur zu bewahren. Das stimmt. Aber es sind viel weniger als die, die ihre Apathie in Umweltfragen hinter dem schönen Gefühl verbergen. Die Leute die bei Shell oder der deutschen Braunkohle arbeiten, hassen die die Natur? Nein. Sie denken die Natur ist so groß, erhaben und weit weg, dass ihr treiben ihr eigentlich nichts anhaben kann. Und sie können ihre Arbeit deswegen weitermachen, weil die Meisten, die ihre Produkte nutzen, das eben auch denken. Aber es gab noch nie eine Natur, und jetzt gibt es sie weniger denn je. Es gibt kein Ökosystem auf der Erde, das nicht unter schwerwiegendem menschlichem Einfluss steht. Die einzige „unberührte“ Natur die es noch gibt, ist die, die wir uns explizit entschieden haben nicht zu berühren. Nationalparks. Nature Drag. Und selbst die sind besudelt, weil wir die Arten und Weisen, in der wir der Biosphäre unseren Stempel aufdrücken, gar nicht mehr Überblicken können. Fremde Bakterien aus aller Herren Länder, verstreut durch den Internationalen Handelsverkehr, Aerosolpartikel, überschüssiges CO2, alles durchweht diese Landschaft, sitzt schon tief in dieser Landschaft drin, von der wir uns einbilden sie als letzte Bastion gerettet zu haben.

Wenn wir zurück zur Natur wollen, rennen wir ins nichts. Natur ist nichts, was uns vor dem Zusammenbruch der Biosphäre retten kann. Wenn die Natur für uns je eine Heimat gewesen wäre, dann hätten wir als Spezies nicht die Karriere gemacht, die wir gemacht haben. Wenn man etwas über uns sagen kann, dann ist es, dass wir uns noch nie eingefügt haben. Wir waren von Anfang an nicht nur eine weitere Affenart. Nein, diese Affenart ist ein Ereignis, vergleichbar mit einer Eiszeit oder einem Meteoriteneinschlag. Das erste was passiert, als unsere frühesten Vorfahren, Homo Erectus, sich vor zwei Millionen Jahren in der Savanne auf die Hinterbeine stellen, ist dass die Megafauna verschwindet. Ganz Afrika war damals völlig überbevölkert von riesigen Raubtieren. Bärenhunde, Säbelzahntiger, gigantische Hyänen. Aber diese Monster konnten uns alle nicht das Wasser reichen. Unsere Vorfahren waren intelligent, kooperativ, konnten in schlechten Zeiten wirklich alles fressen und hatten einen Wurfarm der ihnen als erste Spezies überhaupt erlaubte, aus der Ferne anzugreifen. Ich erspare euch jetzt diese Szene aus 2001, wo der Affe einen Knochen wirft, und der Knochen dann zur Weltraumstation wird, aber im Prinzip ist es das.

Überall wo die Menschen Fuß fassen, und die Menschen fassen Überall fuß, verschwindet die Megafauna. Die Elefanten in Europa, die Riesenkänguruhs in Australien, alle weg. Nein, diese riesigen Raubtiere sollen sich nicht da rumtreiben, wo meine Kinder spielen und ihre vegane Mandelmilch trinken. Weg mit ihnen, weg! Noch vor der Sesshaftwerdung, vor der Landwirtschaft und lange vor der Industriellen Revolution sind die Menschen eine Geologische Kraft.

Aber auch zwei Millionen Jahre später wollen wir das immer noch nicht begreifen und die Verantwortung wollen wir erst recht nicht übernehmen. Wenn man sich die Verheerungen und Umwälzungen ansieht, die die Menschheit von Anfang an losgetreten hat, mutet es fast schon wie Spott an, dass historisch gesehen die meisten menschlichen Gesellschaften sich als konservativ begreifen. Als Erhalter und Bewahrer. Auch die Pioniere sehen sich als Gefäß der Tradition. Die „Entdecker“ der neuen Welt trugen die Bibel bei sich. Der erste Mensch auf dem Mond hatte eine amerikanische Fahne dabei. Deswegen wird der Kapitalismus, diese Kraft, die laut Marx (ihr könnts inzwischen mitsingen) alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige entweiht, vor allem von Politikern vorangetrieben, die dabei auch von Familie und Mittelstand und Werten schwafeln. Nick Land, einer der Vorväter der Akzelerationimus, der mal ein Philosoph war und jetzt ein Untoter ist im K-Space und damit eine noch merkwürdigere Figur als Alicia Douvall oder ich hier in meinem Kleid, schreibt: „Der Kapitalismus hat keine äußere Grenze, er hat das Leben und die biologische Intelligenz verschlungen und neues Leben und eine neue Stufe der Intelligenz erschaffen, die weit über menschliche Erwartungen hinausgehen.“ Wie sollten wir das bloß aushalten ohne uns mit den Räucherstäbchen zu betäuben die da sind Familie, Werte und Natur?

Es geht also nicht darum, dass Prometheus noch gefesselt wäre, nein, die Fesseln sind weg, sie waren noch nie da, aber er hat es nicht geschnallt. Er stapft durch die Gegend und weiß nicht was er tut. Ohne es zu merken ist er selbst ein Riese geworden und seine Flamme ein Flächenbrand. Und ob seiner Größe ist er auch der einzige der den Flächenbrand löschen kann, aber das wird nicht geschehen solange er noch die Augen geschlossen hat und von seinen Fesseln und dem Vogel träumt.

Ich habe vorher auf eine imaginäre Frage aus dem Publikum geantwortet, und ich weiß nicht, ob ich sie zufriedenstellend beantwortet habe. Was ist mit den Menschen, die an eine Natur glauben und sich aufrichtig für sie einsetzen? Die Frage der Blondine aus dem Horrorfilm: was um Himmels willen sollen wir denn tun?

Wenn wir anerkennen, dass es keine Natur gibt, dann machen wir damit das ökologische Problem nicht kleiner, sondern größer. Es gibt keinen Kontakt, kein Gefühl, keinen Kompass, nichts was wir wiederentdecken können, das uns intuitiv zur Lösung des Problems führt. Es gibt keine Rückkehr in den Urzustand der biologischen Subsistenzwirtschaft. Selbst wenn man das Label „Natur“ akzeptiert, ist Landwirtschaft nichts Natürliches. Landwirtschaft ist der Beginn des technischen Zeitalters, eine Umwälzung, gegen die unser Massaker an der Megafauna ein Kinderspiel war. Eine Rückkehr zur Subsistenzwirtschaft, die Jahrtausende lang, für all die Menschen, die sie nicht aus Eskapismus und Lifestyle betreiben haben, Leid, Entbehrung und Abstumpfung bedeutet hat ist nicht nur nicht wünschenswert, sondern auch nicht möglich. Timothy Morton, einer der wichtigsten Vordenker einer neuen Ökologie (und wem solltet ihr das glauben als einem Mann mit Sockentitten und Perücke?), und der Mann, bei dem ich 90% dieses Vortrags geklaut habe, schreibt in seinem Buch „Hyperobjects“, dass wir Menschen in eine Phase der Doppelmoral, der Schwäche und der Lahmheit eingetreten sind, nicht weil uns unsere Moral abhandengekommen ist, sondern aufgrund der Komplexität der Lage in die wir uns manövriert haben. Der Klimawandel ist ein sogenanntes wicked problem: Ein Problem, dass man komplett verstehen kann, für das es aber keine rationale Lösung gibt. Er ist sogar ein super wicked problem: ein wicked problem bei dem die Zeit davonrennt, für das es keine zentrale Autorität gibt und wo die, die die Lösung gleichzeitig die Verursacher des Problems sind. Morton in Anlehnung an Kierkegaard: Gegenüber dem super wicked problem sind wir immer im Unrecht. Mandelmilch oder Kuhmilch. Botox oder nicht. Prius oder SUV.

Was um Himmels willen sollen wir tun? Es bleibt uns nichts anderes übrig als unser Unrecht, unsere Doppelmoral, unsere Lahmheit und unsere Schwäche ernst zu nehmen. Wir sind Prometheus, aber wir sind nicht Zeus. Das ist auch die Linie, die das akzelerationistische Manifest beschreitet. Der Schlachtruf, die Zukunft zurückzuerobern und eine neue technische Hegemonie der Linken aufzubauen, wird begleitet von Strategien, bestehende Strukturen umzufunktionieren, statt sie zu zerstören, und immer weiter auf der Suche zu sein nach den besten Möglichkeiten in einer komplexen Welt zu handeln. Das ist die größte Stärke des Manifests, nicht die Raumfahrtsehnsucht oder das kunstvolle Dissen anderer Bewegungen, sondern dass es die „Büroarbeit“, das austarieren, das abwägen, das in den Gegebenheit sich verhalten ins Zentrum stellt. Im revolutionären Überschwang den Schreibtisch umschmeißen, das kann jeder. Sich an den Schreibtisch setzen und dort die nötige Arbeit machen, das ist weit weniger sexy.   Je weiter die Katastrophe voranschreitet, desto lauter werden die quasireligiösen Erklärungsmodelle von der verletzten Natur und ihrer „Rache“ werden. Desto stärker werden wir, ich beziehe euch jetzt einfach mit ein, die differenzierte und prometheische Sicht der Dinge hochhalten. Wenn wir akzeptieren, dass wir die gerechte Strafe für unsere Verbrechen an der „Natur“ einfahren, dann können wir nur einmütig in die Auslöschung marschieren, denn einen Frieden mit der Natur haben wir nie gehabt.

Eine Frau wie Alicia Douvall sollte für die technologische Erweiterung ihres Körpers keine Buße am Altar der biologischen Landwirtschaft tun müssen. Wir sollten nach einer Welt streben, in der es keine Scham mehr darüber gibt, Teil einer technologischen Spezies zu sein. In der niemand sich mehr schämt vor „man made synthetic shit“. In der wir die Technologie zur Lösung unserer wichtigsten Probleme nutzen, und nicht, um uns von diesen Problemen abzulenken. In der jemand wie Alicia sich nicht nur die Lippen aufspritzen lassen kann, sondern auch das Gehirn. Um mehr zu erfahren, mehr zu begreifen, um sich besser zurechtzufinden in einer immer komplexeren Welt.

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