Wie in einem Dampfbad aus gehäkelten Rosenblüten

Was ist noch schlimmer als die Translation eines französischen Kunstfilms in Synchro-Deutsch? Die Übertragung literarischer Schriften aus Arabien in die deutsche Sprache.

Ich wünschte und glaube auch, dass die Short Stories von Zakaria Tamer aus Syrien, einem modernen Klassiker der arabischen Literatur, der Hammer sind, aber der Genuss bleibt beim Lesen seines Erzählungsbands „Frühling in der Asche“ leider nur virtuell. Es mag schwieriger sein, literarisch aus dem Arabischen zu übersetzen als aus dem Englischen, aber warum zur Hölle muss ein arabischer Text immer so klingen, als sei ein senil gewordener Thomas Mann in ein Dampfbad aus gehäkelten Rosenblüten gesprungen?

In der Nacht war Rinda gestorben, und der Korsar hatte sich niedergebeugt und leidenschaftlich ihren kalten Mund geküsst. Dabei hatte er die Stimme des zornigen Windes gehört, überzeugt, dass Rinda jetzt auf dem Meeresgrund liege oder vielleicht ein Leichnam sei, der auf der Wasseroberfläche treibe. Doch sie hatte ein gutes Herz gehabt und hatte ihn nicht verlassen, sondern ihn auf geheimnisvolle Weise ans Ufer geleitet.

Hatte gehabt!? Das hatte ich das letzte Mal an der Kaisers-Kasse in Berlin-Friedenau gehört gehabt.

An sich macht der Übersetzer seine Sache ja gar nicht so schlecht. Ich erinnere mich jedenfalls, dass in Ghassan Kanafanis „Männer unter der Sonne“, einem der wichtigsten Bücher der arabischen Literatur überhaupt, ganze Passagen einfach nicht übersetzt wurden, und Nagib Mahfouz‘ (Nobelpreis 1988) „Geschwätz auf dem Nil“ klang, als ob der Übersetzer seinen Text beim Kacken auf Band gesprochen hätte. Trotzdem: Die Übersetzungen stammen aus dem Jahr 1987, solange ist das nicht her, und sie vertrügen eine gehörige Entschmockungskur.

Eigentlich folgen alle Erzählungen in „Frühling in der Asche“ einem einheitlichen Muster: Sie beginnen mit einer naiven, mythologisch, idyllisch, orientalisch gefärbten Exposition, um sich dann in unerwartet unsymbolischer Gewalt zu entladen. Gewalt in ihrer äußersten Form, sozial und staatlich organisiert, individuell grausam in die Tat umgesetzt, verstümmelnd, tödlich, irreversibel. In einer Erzählung fährt ein Zug über einen kleinen Jungen. Der Junge wird zur Behandlung abtransportiert, die Beine bleiben auf den Schienen liegen. In einer anderen trifft ein bitterarmer Typ, der gerne mal einen Raki trinkt, ein Schaf, das ihm sieben Eimer voll Gold verspricht. Er geht zurück nach Hause, erzählt seiner Frau davon; erst glaubt sie nichts, dann reden sich beide in Rage, schmieden Pläne für die Zukunft. Abu Fahd kehrt zurück zu dem Ort, an dem er das Schaf treffen soll, wird aber auf dem Weg dahin von einem anderen Besoffenen abgestochen. Während der Besoffene neben dem sterbenden Abu Fahd hustet und kotzt, endet die Erzählung:

„Sieben Krüge voll Gold“, hörte er das Schaf sagen.
Viel Gold regnete herab; es glänzte wie eine kleine Sonne. Dann entfernte sich die Stimme allmählich.

Man kann nur vermuten, dass diese Brüche von Märchensimulation zur Splatter-Wirklichkeit im Original auch stilistisch nachvollzogen werden. Im Deutschen sind diese Brüche aber wie gesagt nur virtuell zu erfahren, nicht wirklich sinnlich zu erleben. Muss ich wirklich „des Nachts“ schreiben, und müssen Leute, die etwas häufig tun, „es pflegen zu tun“? Und Leute, die etwas können, müssen die es unbedingt „vermögen“? Arabisch ist eine extrem ökonomische Sprache und funktioniert weitgehend parataktisch, warum wimmelt es dann im Text vor umständlichen Nebensatzkonstruktionen und warum werden zwei Sätze, die im Arabischen wahrscheinlich durch ein kaum wahrnehmbares „und“ verbunden sind, nicht mal durch einen Punkt getrennt?

In Zeiten, in denen teigige Wohlstandsbratzen aller Altersklassen auf die Straße lechzen, um von der Horde geschützt auf sogenannte Werte abzuwichsen, die sie nicht einmal buchstabieren können; und in Zeiten, in denen den Advokaten der Betroffenen nichts anderes einfällt, als den dämlichen Slogan, „Islamismus hat ja nichts mit dem Islam zu tun“, durch die Gebetsmühle zu drehen – in solchen Zeiten wäre es schön, wenn wir ein paar mehr authentische Übersetzungen aus dem Arabischen hätten.

Bis es so weit ist, müssen wir uns anderswo umschauen. Zum Beispiel auf dem großartigen Blog „Arabic Literature in English“.

Über Samir Sellami

istinalog.net
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2 Antworten zu Wie in einem Dampfbad aus gehäkelten Rosenblüten

  1. 500woerterdiewoche schreibt:

    Das Übersetzen literarischer Texte ist halt eine Kunst für sich, und zwar im Wortsinn: Man kann Literatur nicht adäquat übersetzen, ohne selbst Literatur zu verfassen. Das „pflegen“, „vermögen“ etc., das hier bemängelt wird, ist bestimmt eine inhaltlich korrekte Übersetzung, aber stilistisch eben vermutlich weit vom Original entfernt (nicht, dass ich die Sprachkenntnis hätte, mir das Original zu erschließen… leider). Ich habe manchmal das Gefühl, dass das ein ganz allgemeines Problem unserer Wertschätzung von Übersetzungen ist: Dass wir sie als technische Dienstleistung empfinden statt als Kunst. Schade, denn es gibt so furchtbar viel gute Literatur, die sich die meisten nur via Übersetzung erschließen können.

  2. Philipp schreibt:

    Hab neulich von mahfouz „die Kinder unseres Viertels“ gelesen und hatte dasselbe Gefühl, sprachliche Eleganz der übersetzung geht gegen null!

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