From Compton to Congress. Kendrick Lamars neues Album „To Pimp a Butterfly“

That’s crazy man. In my opinion, the only hope that we kinda have left is music and vibrations, lotta people don’t understand how important it is. Sometimes I be like, get behind a mic and I don’t know what type of energy I’mma push out, or where it comes from. Trip me out sometimes. 

Das höre ich am Ende von »To Pimp a Butterfly«, Kendrick Lamars neuem, vorgestern erschienenen Album, als ich eigentlich denke, dass nach so viel genialer Intensität nichts mehr kommen kann, aber dann doch noch was kommt – ein fulminantes, aus Interviews gebasteltes Totengespräch mit Tupac, in dem Kendrick seine eigenen prophetischen Ambitionen mit dem Street Wisdom der 1996 ermordeten Raplegende kontrapunktiert. Zu diesem Zeitpunkt liegen 75 Minuten dichtester Musik, Poesie und Vibration hinter mir, die wohl das beste sind, was die guten Kräfte des Hip Hop seit Madvillainy (2004) produziert haben.

Im Vergleich zu Kendricks letztem Album, das seinen Ruhm begründete, ist To Pimp a Butterfly sperriger, philosophischer, aufs erste Hören weniger einprägsam. Kein Song, der als Easy-Listener einschlägt. Aber auch keiner, der beim ersten Hören erstmal abstößt und das sagt schon viel, denn das passiert mir eigentlich bei jedem Album sonst.

Nach dem versifizierten und in vielschichtige West-Coast-Beats gesetzten Coming-of-Age-Roman good kid, m.A.A.d. city nun also eine Sammlung von erzählerischen Prosagedichten, skandiert von Sounds und Geräuschen, angereichert mit Zitaten aus der Ahnenreihe afroamerikanischer Geschichte, regelmäßig unterbrochen von Acapella-Einlagen, die das Erbe der Spoken Word-Tradition aufrufen. Die Überfülle an Einfällen, Verweisen, spielerischen Audio-Gimmicks, weirden Tricks und kleinteiligen Collagen wirkt nie im Geringsten aufgesetzt und Kendrick lässt das von ihm zusammengescharte Material derart vibrieren, dass aus Sinnlichem Übersinnliches wird. In Gil Scott-Herons Worten, der das Album wie ein halbsichtbares Gespenst bespukt, könnte man leicht abgewandelt sagen: He has more than the five senses. He has more than books can teach.

Und mit seinen tausend Sinnsensoren ruft er sie alle herbei: George Clinton, Michael Jackson und Michael Jordan, Martin Luther King und Kunta Kinte, Toni Morrison und Oprah, Mandela, Obama, Wallace Thurman und Rosa Parks – die Liste ließe sich beinahe unendlich fortsetzen. Man kann das hören, wie man einen Pynchon-Roman liest: man spürt die spielerisch ausgebreitete materielle Schwere der Geschichte, des Archivs, man muss den Verweisen im Einzelnen nicht folgen, aber wenn man es tut, wird man fast immer belohnt.

Die Anmerkungen auf genius.com lesen sich daher auch wie ein Pynchon-Wiki – so erfährt man zum Beispiel, dass die zweite Single-Auskopplung des Albums „The Blacker the Berry“, ein Song über rassistisch motivierten Selbsthass und Gewalt innerhalb der afroamerikanischen Community, als dreizehnter Song des Albums auf den Dreizehnten Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung anspielt, der das gesetzliche Ende der Sklaverei besiegelte. Es lebe die vernetzte Kollektivarbeit…

Trotz solcher Anspielungsenigmatik ist das Hören von Butterfly keine Übung in fortgeschrittener Hermeneutik für Promotionsstudenten mit zu viel Freizeit. Was das Album zum deepen Genuss macht, ist die Tatsache, dass Kendrick bei allem Ausgreifen in die Weltgeschichte nicht vergessen hat, wo er herkommt. In fast jedem andern Zusammenhang würde ich Leute beleidigen für das, was ich gerade gesagt habe, aber es ist halt einfach so. Once upon a time/ In a city so divine/ Called West Side Compton/ There stood a little nigga/ He was five feet something. Aus dieser glaubwürdigen Verankerung in der Hood heraus sind die Verweise auf den Fergusonkomplex, die Geschichte der Sklaverei („King Kunta“), die aktuelle amerikanische Politik („Hood Politics“), die Psychologie der neureichen schwarzen Celebrities („Wesley’s Theory“) nie steril abstrakt, sondern singulär universal. So werden in “Hood Politics” Politiker zu verfeindeten Gangs, zu den Demo-Crips und Re-Bloodli-Cans, und Obama – keine falschen Illusionen – ist der Bandenführer.

In der nerdigen Leichtigkeit, mit der sich Kendrick durch alles, was wichtig ist, navigiert, perfektioniert das Album, was Ta-Nehisi Coates in einer begeisterten Kolumne schon über good kid gesagt hatte – It doesn’t talk, it just kinda is. Das gilt natürlich nicht nur für die Texte, sondern umso mehr für den Sound. Wie das Vorgängeralbum ist auch Butterfly mehr Gesamtkunstwerk denn Kompilation von unabhängigen Songs, auch wenn das Album durch kein einfach wiedererkennbares Narrativ zusammengschürzt wird. Überraschend für mich ist die 100prozentige Abwesenheit elektronsicher Musik in einem Musikkunstwerk, das seine brennende Aktualität in jedem Moment beweist und selbstbewusst ausstellt. Stattdessen schöpft Kendrick aus der überströmenden Vielfalt von Musik mit afrikanischen Roots: der Hip Hop der späten 80er, Funk, Soul, Gospel, Reggae, Free Jazz. Lamars Flow entwickelt sich dabei weiter vom konventionellen Rap weg – und nähert sich den rhetorischen Salven des Spoken Word und dem rhythmisch verschobenen Fluss des Jazz. Lamar, dieser Rap-Superheld, ausgestattet mit extremen Talenten und einem missionarischen Rettungsauftrag, hat viele Gewänder – in einem erweist er sich als der Miles Davis (oder Charlie Parker?) des Rap, der eine neue Art des Sprechgesangs schafft, den man als Free Rap bezeichnen könnte, der eine doppelte Befreiung proklamiert: stilistisch und sozialpolitisch.

Wie in jedem echten Rap-Produkt, das die Liebhaber als real bezeichnen, steht in Butterfly nicht das Leben im Zentrum des Interesses, sondern das Überleben. Bitches, Money, Fame und Bling Bling waren mal eine popkulturell bedingt wirksame Geste gegen die Unsichtbarkeit afroamerikanischer Kultur in der us-amerikanischen Wohlstandswirklichkeit, aber längst ist daraus ein iterativer Habitus geworden, den schon kartoffelige Grundschüler von New Jersey bis Wanne-Eickel locker draufhaben. Kendrick sieht sich selbst als Überlebender seiner von in den Alltag einsickernder Gewalt bestimmten Kindheit und Jugend, die schon in good kid realistisch und kreativ verarbeitet statt kitschig überhöht und heroisiert wurde („The Art of Peer Pressure“). Generell ließe sich das als sozialpolitischer Slogan über das Album schreiben: besseres Überleben statt heroische Opferung. Daher auch am Ende der zentrale, angemessen größenwahnsinnige Verweis auf Mandela, in dessen Legacy Kendrick sich einreiht.

So sinniert Lamar in I über die Verbesserungspotentiale des little life we got left. Die abgegriffene Metapher von der Raupe, die sich als Schmetterling entpuppt, wird neu erobert in dem großartigen Gedicht, das das Album beschließt, in der der gepimpte Schmetterling aus dem Überlebenskampf der Raupe aufsteigt:

But having a harsh outlook on life
the caterpillar sees the butterfly as weak
and figures out a way to pimp it to his own benefits
Already surrounded by this mad city
the caterpillar goes to work
on the cocoon which institutionalizes him

In Hood Politics“ schließlich verbindet sich das Zentralthema des Überlebens mit der Schuld des Überlebenden:

The evils of Lucy was all around me
So I went running for answers
Until I came home
But that didn’t stop survivor’s guilt
Going back and forth
Trying to convince myself the stripes I earned
Or maybe how A-1 my foundation was
But while my loved ones was fighting
A continuous war back in the city
I was entering a new one

Das Ende von “Hood Politics” bringt auf den Punkt, was Kendrick das ganze Album über beschäftigt – sein eigener kreativer und ökonomischer Aufstieg, der an den Kriegszuständen daheim nichts ändern kann, seine Schuldgefühle angesichts dieser Ohnmacht, die Heuchelei seiner Empörung, aus der sich ja letztlich auch sein Erfolg speist: I’m the biggest hypocrite in 2015 („The Blacker the Berry“). 

Die letzten Lines von „Hood Politics“ leiten direkt über in meinen absoluten Lieblingstrack auf dem Album: „How much a Dollar cost.“ Kendrick knüpft darin in einem energetisch vorantreibenden Flow an sein Storytelling aus good kid an, vor allem an das Meisterwerk „The Art of Peer Pressure“. Unterstützt von den New Orleans-Größen James Fauntleroy und James Isley (all das kann man auf genius.com nachrecherchieren), erzählt er die Geschichte wie er als neuer Kendrick in seinem neuen Auto von einem Obdachlosen um eine Dollarnote gebeten wird. Kendrick will dem Typen nichts geben, erklärt, warum er das auch sonst nicht tut. Der Obdachlose lässt nicht locker, zitiert aus Exodus 14 (die Episode mit Moses und dem Meer) und entpuppt sich am Ende als – Gott. Interessant ist dabei nicht nur, wie das antike Thema der Gestaltwerdung der Götter ins Amerika des 21. Jahrhunderts gebeamt wird – sondern auch, dass Gott ein ziemlich eloquenter, aber verarmter Typ geworden ist, der irgendwo cracksüchtig in der Gosse abhängt.

Trotz der Offenbarung am Ende bleiben Kendricks Botschaften letztlich immer komplex und seine Anspielungskünste entlassen die Hörerin nie in vollständig gefällige Transparenz. Es bleibt immer ein Rest an Irritation, Offenheit, Kontingenz, Enigmatik. Dennoch hat das nichts mehr mit der symmetrischen Ambiguität von allem und jedem zu tun, die uns von den Nachwehen der Postmoderne nach wie vor eingetrichtert wird. Eine von Kendricks Spezialitäten ist die Konfrontation gegensätzlicher oder komplementärer Perspektiven, die er mit verstellten Stimmen auf einzelne Strophen verteilt. Lamars Stimmenimitation ist aber mehr als bloße Parodie, wie etwa bei Das Racist. So vollzieht er den Übergang von anämischer Ironie zu energetischer Übertreibung, von einer Logik des Entzugs zu einer Logik der hyperbolischen Überbietung.

Statt der verknöcherten Methode einer Entzauberung von Machtstrukturen, lautet Kendricks Ethik: Multiplizierung der Perspektiven + positive Affirmation klarer Haltungen. Die Welt ist krass komplex, diese Komplexität muss man aushalten. Die Kunst darf sie nicht reduzieren, sondern muss sie aus ihrem persönlichen Zugriff noch weiter steigern. Aber genau aus dieser engagierten Analyse der komplexen Lage gewinnt man wirksame politische Entscheidungen. The loudest nigga in the room that’s a complex/ Let me put it back in a proper context.

Kendricks Antwort auf Ferguson ist nicht das Rausbrüllen von Neo-Black-Panther-Parolen, sondern die Kontextualisierung der historisch und strukturell festzementierten Gewalt. Kontextualisierung bedeutet aber nicht Abschwächung. Die Gegenattacke folgt auf den Punkt mit entfesselter Kreativität, kritischer, aber entschiedener Blackness (I love myself), geschichtsbewusster und zukunftsgerichteter Musik, einfacher Schönheit, sinnlicher Vibration. Mit seiner nerdigen Eleganz erinnert uns Kendrick wie im Vorbeigehen an das, was wir immer schon wissen sollten, aber zu oft vergessen: dass komplexe Kunst nicht elitär sein muss. Es bleibt nur zu hoffen, dass ihm viele folgen werden und auf dem Weg from Compton to Congress nicht vergessen, wo sie herkommen.

Über Samir Sellami

istinalog.net
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