Curtain Call.

In den letzten zwei Wochen haben zwei für mich sehr prägende amerikanische Medienfiguren das Ende ihrer Tätigkeit verkündet. Jon Stewart, den in Deutschland einige kennen, verfolge ich seit zehn Jahren, Andrew Sullivan, der hier weniger bekannt ist, seit fünf. Als ich, noch als Teenager, das erste mal die Daily Show sah, war ich wie vom Platz gefegt. Brutal komische, scharfsinnige Gesellschaftskritik in einem – für deutsche Verhältnisse – irrsinnigem Tempo.  (Denn Tempo ist eh die Crux des deutschen Fernsehens. Auch Harald Schmidt in den goldenen Jahren 99-03 (Das letzte mal, übrigens, dass ich deutsches Fernsehen geschaut habe und dabei nicht ständig mitdachte „Mensch, für deutsches Fernsehen eigentlich doch ganz O.K.“) war nicht wirklich schnell. Das ist übrigens auch mein Tipp für die noch nicht so gute Sendung von Jan Böhmermann: Gleiche Menge Material produzieren, 10 – 15 min weniger Sendezeit. Das wird der Kracher! (Warum ruft mich eigentlich niemand an, fragt mich solche einfachen Sachen und zahlt mir dann was dafür?)) Nicht nur verpasste ich ab da keine Folge mehr, ich zog mir auch alte Folgen aus früheren Jahren rein. Stewart mit den Nachrichten von gestern war immer noch besser als die deutschen Komiker mit den Nachrichten von heute.

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Auf den Blog von Andrew Sullivan stieß ich sehr viel später, in einer Phase, als ich eine Erweiterung meines intellektuellen Gesichtsfeldes dringend vonnöten hatte. Völlig saturiert von den linken Plattitüden, die man im Theaterbetrieb zur Stärkung der eigenen Selbstgewissheit um sich schmeißt, war es befreiend, jemanden zu lesen der einem Konservativismus eben nicht nur als Angst und Hass, sondern als philosophisches Projekt erklären kann, der sich nicht auf Sockel stellt um seine völlig unüberraschenden „Meinungen“ in die Gegend rauszuplärren, sondern stattdessen auf immerwährender Suche ist, und zusammen mit seiner enorm intelligenten Leserschaft einen Diskussionsraum schafft, in dem die stärksten Argumente für jede Seite eines jeweiligen Themas zur Sprache kommen können. Es ging nie darum, fertig abgepackte Informationen abzuliefern, sondern Türen zu öffnen um weiter zu lesen, weiter zu denken, und ein Nachmittag mit diesem Blog konnte sich ins unendliche ausdehnen.

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Und obwohl ich sowohl Stewarts Show als auch Sullivans Blog über Jahre – man muss wirklich völlig ironie- und distanzierungsfrei sagen – obsessiv verfolgt habe, obwohl mir beide Formate mir eine ganze Welt und viele weitere tolle Leute erschlossen habe, denen ich ebenfalls weiter folge, bin ich nicht besonders traurig, dass sie aufhören. Ich bin ihnen, gerade weil ich sie so obsessiv verfolgt habe, gerade weil sie mich so inspiriert haben, entwachsen. Und ich weiß nicht, ob man allen Dingen irgendwann entwächst, oder ob, und das ist meine Vermutung, das etwas speziell mit Journalismus zu tun hat. (Auch das was Stewart gemacht hat war ja Journalismus.) Ob nicht die Beschäftigung mit dem Täglichen, dem Neuen, den Nachrichten immer irgendwann an eine Grenze stößt. Ob es nicht eine Grenze an Tiefsinnigkeit und Erkenntnis gibt, über die selbst der beste, monatelang recherchierte Magazinartikel nicht drüber kommt. Wahrscheinlich nicht mal ein ganzes Buch zu einem aktuellem Thema drüber kommt. Und wenn das so ist, was macht man dann damit? Sich zurückziehen, ins Kloster gehen, schweigen, dicke, ältere Bücher lesen, oder etwas neues schaffen, der Welt etwas entgegenstellen, statt sich ständig mit ihr zu beschäftigen? Und ich hab ja all das auch vor, gleich nachdem ich die vierzehn Tabs mit Artikeln durch habe, die ich noch lesen will.

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