Die Ungeprügelten und die Nicht-Gemeinten

Für die Menschen, von denen ich weiß oder annehme, dass sie sich hin und wieder auf ISTINA verirren, mag meine Reaktion auf den Leitantrag der CSU zur „Deutschpflicht“ wenig enthalten, was sie nicht eh schon wussten. Da ich niemandes Intelligenz beleidigen will, verweise ich auf den Schluss, in dem ich eine heitere Anekdote aus meiner sportlichen Kindheit erzähle. Sie steht in einem gewissen Zusammenhang zu Einstellung & Verhalten, die durch solcherlei Manöver erhalten und regelrecht provoziert werden. Natürlich lohnt sich auch das Geschwafel davor, dass ein paar unnötige Metaphern, den ein oder anderen gutartigen Gedanken und ein paar höfliche Beleidigungen enthält.

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Im Ausland zu leben heißt unter anderem, von Zeit zu Zeit der plötzlichen Konvulsion der eigenen Tränensackmuskeln beizuwohnen, das Kinn wie in einem Kälteschauder kurz nach rechts und links auszucken zu lassen und die pyramidal zusammengeführten Fingerspitzen für einige lange Sekunden fest auf beide Schläfen zu drücken, bis es schmerzt.

Der aktuellste Anlass, derart unnatürlich verkrampft vor dem Bildschirm zu sitzen, starr vor Verwunderung, was jetzt schon wieder abgeht im Land, wo die Zitronen nicht blühen, ist der sogenannten Vorschlag der CSU zur hauseigenen Schland-Pflicht für Kanaken. Ja, Kanaken, denn Schweden und Franzosen können ja wohl kaum gemeint sein von diesem revolutionären Entwurf, das nur ein Genie von Rasse & Schlag eines Jean-Baptiste Colbert hat ausbrüten können.

Pflicht? Zwang? Bitte nicht hysterisch werden. Natürlich war alles ganz anders gemeint. Es soll ja nur „angehalten“ werden, nicht gezwungen, wie der auch sprachlich stets geniale Wolfgang Bosbach aus der Hochdeutsch- und Hochkulturmetropole Köln im Deutschlandfunk zum Besten gibt. Wie dieses Anhalten genau aussehen soll und was das Ganze in einem Leitantrag verloren hat, der unter anderem auch Kriterien dafür entwirft, was für Bayern ein guter und was ein schlechter Neigschmeckta ist, das verrät uns Bosbach natürlich nicht. Nur, dass natürlich niemand vorhat, in Familien einzudringen, zu kontrollieren und Zwang auszuüben. Das wäre ja auch nicht durchsetzbar, erläutert Bosbach. Warum dieser Zusatz, frage ich mich, und worum geht es hier eigentlich? Darum, dass etwas nicht durchsetzbar ist, oder darum, dass etwas falsch, hirnrissig und menschenverachtend ist?

Was mindestens genauso abturnt wie die lächerlichen Rettungsversuche eines Wolfgang Bospach, sind die der Beschwichtigung durch die Damen & Herren Journalisten und Integrationsexperten. Bei Adrian Kreye, den ich eigentlich sehr mag, lese ich irgendein Gefasel von wegen, die CSU habe ein Problem erkannt. Nein, die CSU hat kein Problem erkannt. Im Problemerkennen, zumindest wenn es um Integrationspolitik geht, hat diese Partei vergleichsweise wenig Kompetenzen. Im Problemeproduzieren dagegen einige. Genauso strange ist der Vergleich mit Frankreich, das, so Kreye, traditionell eine harte Linie fahre, „weil sich das Sprachgewirr der einheimischen Kulturen wie der Korsen und Bretonen und die sprachlichen Einflüsse der Eingewanderten sonst kaum kontrollieren ließe.“ What? Oh ja, die Korsen und Bretonen, crazy, dieses Sprachgewirr. Und die unkontrollierbaren Massen an Einwanderern erst mit ihren die öffentliche Ordnung störenden Busch-und-Hinterland-Sprachen wie Bambara und Arabisch. Wer wirklich einen Sinn für Sprachgewirr bekommen will, der gehe mal auf den Wikipedia-Eintrag zu Indien und klappe rechts oben den Katalog mit den 23 Amtssprachen des Landes aus.

Also, wie dieser Satz durch das gut bezahlte Lektorat der SZ-Redaktion kommen konnte, ist mir völlig schleierhaft. Genauso schleierhaft ist mir wie eine vermutlich intelligente Frau wie Seyran Ates ebenfalls im DLF ungestört sagen kann, dass die Ziele des Antrags ja eigentlich begrüßenswert seien, allein der Weg dahin sei etwas ungeschickt gewählt. Nein, Seyran Ates, an dem Antrag ist alles scheiße: Weg und Ziel. Und er ist auch nicht nur schlecht, sondern gut gemeint, sondern schlecht und schlecht gemeint. Kann man das nicht einfach mal so sagen? Was ist da so schwierig? Warum ruft mich eigentlich niemand mal an und fragt solche einfachen Dinge und zahlt mir ein paar Euro dafür?

Immer sind es Nuancen und Details, die darauf hinweisen, auf welchem vorsintflutlichen Stand diese Debatten eigentlich ablaufen. Die Kritiker mögen dabei nicht ganz so schlecht sein wie die für diesen Fall schuldigen CSU-Banausen, aber man dürfte doch auch mal ein bisschen mehr von ihnen erwarten. Zum Beispiel die Erinnerung daran, wie in unserem glorreichen Schulsystem potentiell begabte Schülerinnen aufgrund ihres sprachlichen Entwicklungsstands im Alter von 9 Jahren wegghettoisiert werden.

Aber offensichtlich ist dem wirtschaftsbesoffenen Deutschland der soziale Klassenerhalt des mediokren Nachwuchses hellhäutiger Softwareentwickler wichtiger als die Nutzung dieser intelligenten, aber sprachlich vorübergehend im Rückstand befindlichen Arbeitsressourcen. (Das typische Schema humanistischer Barbarei ist hier am Werk: Systematische Reduktion des Menschen auf einen ökonomischen Faktor, solange ihm diese Reduktion nicht selbst zu Gute kommt.)

Selbst im oben zitierten Frankreich, nicht gerade berühmt für dezentrale Solidarität und Empathie fürs Regionale (zumindest insofern es nicht um den Erhalt schützenswerter Kochrezepte geht) – selbst in Frankreich wird ja jetzt wieder Bretonisch, Korsisch, Katalanisch und sogar Baskisch gesprochen und gelehrt. Und auch in deutschen Schulen lernt man jetzt wieder Plattdeutsch und sagt alemannisch Gedichte auf. Dagegen habe ich nichts, im Gegenteil. Je mehr Babel, desto besser.

Aber die Sprachen, die der CSU-Entwurf strukturell diskriminiert, sind keine Seefahrerdialekte, sondern Weltsprachen wie Türkisch, Arabisch und Russisch. Sprachen, die nicht nur einem hyperregionalen kulturellen Gedächtnis fröhnen, sondern den Zugang zu völlig anderen kulturellen Dimensionen ermöglichen. Sprachen, die kognitiv andersartige Anforderungen stellen. Sprachen mit zum Indogermanischen komplementären grammatischen und idiomatischen Strukturen, die auch die Verkehrssprache des jeweiligen Landes kreativ bereichern können.

Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schmerzlich es ist, die Sprache eines Teils der eigenen Familie nicht sprechen zu können. Eine komplette Welt ist mir dadurch ziemlich verschlossen geblieben. Für mich wäre der schulische Support beim Arabischlernen so mindestens das Geilste gewesen, was diese Institution für mich hätte tun können, anstatt mich im Deutschunterricht, auf dem ich mich immer wieder tapfer freuen wollte, mit reaktionären Plattitüden zu langweilen, die ich mir später sehr mühsam wieder abtrainieren musste.

Aber die Förderung einer bestimmten Form der Sprachenvielfalt steht natürlich nicht hoch im Kurs in einer Partei, die uns im 21. Jh. statt dem Tempolimit mit einem strunzlächerlichen Straßenbenutzungsentgelt für fremdländische Autofahrer beglückt. So wird weiter limitierend gedacht und geredet – statt mal zur Abwechslung über das öffnende Potential einer bestimmten Sprachenvielfalt, von mir aus auch aus ökonomischer Sicht, wenn es immer nur so geht mit dem Überzeugen.

Solche Vorschläge, jenseits der Limitierung, für eine fröhliche Koexistenz oder gar die schulische Förderung von Sprachen, die „längst zu Deutschland gehören“, erscheinen uns irgendwie wahlweise absurd oder unrealistisch, wenn sie denn überhaupt mal zum Ausdruck kommen. Das hat einen einfachen Grund, nämlich den, dass sich keine/r der Damen und Herren CSU-Banausen, aber auch wenige, zu wenige der Kritiker hier wirklich für Sprache interessieren.

Stattdessen nehmen sie die Öffentlichkeit in die diskursive Gefangenschaft einer Aufmerksamkeitsblase, die sich pompös als Sprachdebatte aufbläst. Aber weder haben wir es hier mit einer Debatte zu tun noch mit einer, die von Sprache handelt. Eine Sprachdebatte aber, die weder aus Sprache noch aus Debatte besteht, ist am Ende gar nichts. Und die Frage ist berechtigt, warum über dieses Nichts so viele Worte verloren werden. Aber das Problem ist, dass die Urheber dieses Nichts auch die Machtinhaber sind. Und durch einen wohlbekannten alchimistischen Vorgang sind sie in der Lage ihr Nichts in einen Eimer voller hirnloser Verbalscheiße zu verwandeln, den sie dann über denen auskippen, die nicht nur dafür sorgen müssen, die Fäkalien loszuwerden, sondern dabei auch noch sachlich und unaufgeregt bleiben sollen.

***

Eine persönliche Anekdote zum Abschluss, die mit der Gruppe der Nicht-Gemeinten zu tun hat, die in diesen Kontexten immer wieder eine Rolle spielen. Die Nicht-Gemeinten, zu denen auch ich gehöre, sind in diesem Fall entweder die, die trotz störender Muttersprache gut genug Deutsch können, um ein effizienter Teil der bundesrepublikanischen Arbeitswertschöpfungskette zu werden. Oder die, die trotz der Möglichkeit einer störenden Sprache zu Hause mit der Exklusivität des Deutschen gesegnet waren (mein Fall). Die Machtinhaber sind oft fleißig bemüht, diese Unterschiede gutmütig zu betonen. Aber sie unterschätzen dabei die Übergriffigkeit der Zuschreibung, vielleicht deshalb, weil ihnen selbst zumindest die Aufmerksamkeit eingeräumt wird, bestimmte Zuschreibungen entweder von sich zu weisen oder als unanständig zu diskreditieren. Den Nicht-Gemeinten steht dieses Recht aber oft nicht zu.

Als ich im Alter von 19 Jahren mit meinem Opa auf den Fußballplatz ging, um mir ein Kreisligaspiel anzuschauen, traf ich einen älteren Schiedsrichter, bei dem ich als junger Nachwuchsschiedsrichter ca. 4 Jahre lang recht regelmäßig im Keller saß, um komplizierte Regelfragen zu diskutieren. Der Typ, Mathe-Lehrer an einer Grundschule, sogar Rektor, wenn ich mich richtig erinnere, kannte mich also schon eine Weile und wer mich ebenfalls kennt, wird wissen, dass ich an diesen sogenannten Regelabenden nicht zu denen gehörte, die im Stillen ihr Weizenbier tranken und hofften, nicht drangenommen zu werden. Er fragte mich also in der Präsenz meines Großvaters, der ihn ebenfalls gut kannte, die beiden waren früher mal Nachbarn gewesen, was ich denn jetzt so lernen wolle, das Ganze in einer bereits verdächtig väterlichen und um syntaktische Einfachheit bemühten Tonlage. Und ich: Studieren. Und er: Ah, in Heidelberg? Und ich, nein in Berlin. Und er, ah so weit weg, hast du nichts in Heidelberg gefunden? Und ich: Nein, ich wollte nach Berlin. Und er: Ah, ok, aber du wirst doch wohl nicht dieses Bachelor machen wollen. Und ich: Es gibt keine andere Möglichkeit, alle machen jetzt dieses Bachelor. Worauf er das Gesicht verzog und endlich auf die Idee kam zu fragen, was ich denn eigentlich studieren wolle. Und ich: Literaturwissenschaft. Woraufhin er wieder das Gesicht verzog und antwortete, nicht in einer Stimme, in der man zu Kindern oder Ausländern spricht, sondern in einer, mit der man zu ausländischen Kindern spricht: Na ja, da wirst du aber Probleme mit der deutschen Sprache haben. Woraufhin mein Opa und ich ziemlich perplex waren. Und obwohl ich ihm natürlich eigentlich meinen Bratwurstsenf ins Gesicht hätte schmieren sollen, antwortete ich: Na ja, du weißt schon, dass ich hier geboren und aufgewachsen bin. Und er abschließend: Ach, das heißt doch nichts, schau dir doch die Türken an, wie lange die hier sind und was die im Deutschen zusammengurken.

Aber klar, Türken, die wie ich so ganz ok Deutsch können, hatte er da sicher nicht gemeint.

Über Samir Sellami

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Eine Antwort zu Die Ungeprügelten und die Nicht-Gemeinten

  1. jochenkr schreibt:

    Super Beitrag. Es liegt ja in der Natur der Konservativen, die Deutschtümelei und andere Traditionen zu erhalten. Und die sind nun mal an der Macht. Aber ich glaube, es weht ihnen doch ganz schöner Gegenwind ins Gesicht. Auch dank solcher Artikel, die den Zynismus deutlich anprangern. Im Bezug auf die Sprache, wollen die Konservativen natürlich die deutsche Sprache erhalten und fördern. Ohne zu wissen, wie das gehen soll.

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