Fundstücke aus Wolfgang Herrndorfs letztem Roman

Im Rowohlt-Verlag ist der letzte Text Wolfgang Herrndorfs erschienen, den der Autor selbst zur Veröffentlichung freigeben wollte. Der unvollendete Roman versammelt ein paar Episoden aus dem Leben von Isa, die Herrndorf-Leserinnen aus Tschick bestens in Erinnerung haben. Bilder deiner großen Liebe ist keine Tschick-Fortsetzung. Es ist eine von Herrndorfs Freunden Kathrin Passig und Marcus Gärtner zusammengestellte und herausgegebene Kompilation aus Szenen, Situationen, Träumen der „verrückten, hellsichtigen Isa“, wie es im Klappentext heißt. Es ist ein Buch mit starken und schwachen Sätzen, zusammengeflickt aus schroffer Schönheit und brach liegenden Poesieanfängen. Anders als die meisten Rezensenten behaupten, handelt es sich nicht um ein großes Romanfragment. Nichts in Haltung und Stil dieses Stücks weist auf die Notwendigkeit der Fragmentform hin. Hätte Herrndorfs Gesundheitszustand es zugelassen, hätte er an dem Buch weitergearbeitet, an der Sprache gefeilt, am Timing der Situation und Dialoge. Er hätte das Buch fertig geschrieben. Die Fetischisierung des Unfertigen, die Stilisierung des fragmentarischen Charakters zur metaphysischen Notwendigkeit, dort, wo physische Kontingenz die Ursache ist, bringt niemandem was. Das schmälert den Wert dieses kleinen Stücks Literatur und die Erfahrung, die man mit ihm haben kann, in keinster Weise. Herrndorfs Bilder deiner großen Liebe. Ein unvollendeter Roman, Berlin 2014, ist keine große, vollendete Literatur. Aber es ist große, unvollendete Literatur. Ich habe ein paar Sätze abgetippt.

***

Und da habe ich unter den Büschen geschlafen und geträumt, dass ich unter Büschen schlafe und träume, und morgens, beim ersten Licht und Tau, bin ich schnell zurück durch das Fenster gestiegen und heimlich in meinem Bett erwacht. Das habe ich mir nicht eingebildet. Dafür gibt es auch Beweise. Und seitdem gibt es zwei Welten, die dunkle und die andere. Das ist jedenfalls meine Meinung, und ich muss wohl nicht dazusagen, dass die Ärzte anderer Meinung sind. (14)

***

Aber dass es da keinen Unterschied gibt, kommt mir seltsam vor. Obwohl es so ist. Außer die Zeit macht einen Unterschied. Aber das stimmt nicht, denke ich, und ich denke, dass das falsch ist, was ich denke, und dann denke ich, dass mein Denken falsch ist und immer falsch gewesen ist, und ich schreie. (20)

***

Bloß warum wir als Kinder alle so viel Angst vor dem Irren gehabt haben, weiß ich nicht mehr, denn wir wussten ja gar nicht, was das ist, ein Irrer. Und heute, wo ich es weiß, weiß ich auch, dass wir gar keine Angst hatten vor ihm. Sondern vor etwas anderem, von dem wir noch lange nichts wussten. (64)

***

»Soll das ein Witz sein? Natürlich war er im Fernsehen! Er war so beliebt im Fernsehen, dass sogar drüber nachgedacht wurde, einen eigenen Sender für ihn zu machen, Rudi TV. Wo er dann eine eigene Talkshow hätte kriegen können. Oder eine Quizshow. Quizshow wäre ihm sogar noch lieber gewesen, mit dem Hund von Günther Jauch zusammen. Aber weil er es trotz vieler Mühe nicht geschafft hat, korrekt sprechen zu lernen, also richtig zu sprechen, nicht nur wie ein Hund oder ein Mongo, wo die Leute auf dem Sofa sitzen und mit dem Finger auf den Fernseher zeigen und über ihn lachen, wollte er das nicht. Und deshalb hat er nur Werbung gemacht, wo ihn ja auch viele Leute geschätzt und kennengelernt haben.«
Er denkt nach und sagt: »Und wofür hat er Werbung gemacht?«
»Für alles Mögliche, hauptsächlich Sheba.« (71)

***

            »Wo kommst du denn her?«
»Von da.«
»Und wo willst du hin?«
»Da«. (90)

***

Geht man durch die Tür, dann geht man in die Alltagswelt mit ihren Gewohnheiten und ihrem Schmutz. Steigt man aus dem Fenster, gelangt man in einen Raum wie in seinem eigenen Innern. (97)

***

Unendlich viele Sterne, und ich frage mich, ob es wirklich unendlich viele sind, und wenn ja, ob abzählbar viele oder überabzählbar. Abzählbar, würde ich schätzen. Das Weltall ist grenzenlos, aber endlich, folglich ist es auch die Zahl der Sterne, und während ich nachdenke und hochschaue in die unendliche Kleinheit und Enge über mir, schreie ich. Ich stehe fünf Minuten auf der Stelle und schreie, der Boden fällt auf mich, und ich schreie und schreie, bis der Blick durch das Fenster zum Nachthimmel mich davon überzeugt, dass es doch überabzählbar viele sind, und zwar, weil alles andere nicht zum Aushalten wäre, und deshalb sind es überabzählbar unendlich viele Sterne über mir. (105-6)

***

»Dann verpass ich eben was. Ich werd’s überleben.« (110)

***

Vor der Balustrade erklärt ein Panoramabild die Berge. Ich lese die Namen. Der schönste Berg heißt Thannenkoppe. Er hat eine Spitze, auf der Schnee liegen könnte. Im Dunst ist nur unterschiedlich blaues Blau zu sehen. Alles gleißt wie der Himmel.
Von der Balustrade bis zur Kante sind es zwei Meter. Ich gehe mit ganz kleinen Schritten vor, schiebe die Stiefelspitzen bis vor an die Abrisskante und einen Zentimeter darüber. Mich schwindelt nicht. Und da stehe ich dann. Ich sehe durch die glasklare Luft in das Tal hinab, das so transparent scheint wie die Luft darüber, als habe man Durchsicht auf etwas darunter, und darunter ist nichts.
Und wie ich hinunterschaue, habe ich das Gefühl, dass ich das alles kenne. Dass ich das alles schon einmal gesehen habe, die Spielzeugbäume und -autos, ich weiß nicht mehr, wo, aber ich weiß, dass ich das alles schon einmal erlebt habe, dass ich genau hier schon einmal genau so gestanden und den gleichen Gedanken gehabt habe, nämlich den Gedanken, diesen Gedanken schon einmal gehabt zu haben, und dass ich genau diesen Gedanken jetzt wieder habe, und in diesem Moment ist plötzlich klar, dass das keine Erinnerung an diesen Gedanken ist und auch keine Erinnerung an eine frühere Erinnerung und auch kein Déjà-vu, sondern dass das einfach das ist, was geschieht, dass das mein Leben ist.
Der Abgrund zerrt an mir. Aber ich bin stärker. Ich bin nicht verrückt. … Ich bin dieselbe. (128)

*****

Keine Fragmente aufbewahren, niemals Fragmente veröffentlichen. Niemals Germanisten ranlassen. Freunde bitten, Briefe etc. zu vernichten. Journalisten mit der Waffe in der Hand vertreiben.
(Aus Herrndorfs Testament, 1. Juli 2013)

Über Samir Sellami

istinalog.net
Dieser Beitrag wurde unter Hors Catégorie, Kunst, Love abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s