Karl Ove Knausgård: Naturalismus that kicks ass!

TLTR – Für alle, die das notwendige Geschwalle am Anfang liebevoll überspringen wollen: Lest das lange Zitat am Ende, es lohnt sich!

Naturalismus ist kein neues Phänomen in der Kunst, aber vielleicht eines der spannendsten, die es zu erneuern gilt. Wenn es stimmt, dass eine der wichtigsten Aufgaben des zeitgenössischen Denkens die Neubestimmung des Begriffs »Natur« ist, wie etwa Levi Bryant behauptet, dann wird auch die künstlerische Form von dieser Renovierung beeinflusst sein und an ihr teilhaben müssen.

In meiner panegyrischen Besprechung von Boyhood habe ich schon ein paar Dinge dazu gesagt, jetzt habe ich das nächste Ding vor mir liegen, was mich diesen Neuen Naturalismus, der da im Umlauf ist, abfeiern lässt: Karl Ove Knausgård, Sterben, den ersten Teil seiner Autofiktion Mein Kampf. Natürlich hat der Titel gerade bei Hatern in diesem Land Unverständnis hervorgerufen und Knausgård das Label eines billigen Provokateurs verpasst. Das ist aber eines der zwei großen Missverständnisse, die sich, soweit ich sehe, um sein Mammutwerk (6 Bände à 600 Seiten) gebildet haben. Denn vieles an diesem Buch regt zum Widerspruch an, aber wenig, oder gar nichts, zum Widerstand. Knausgård erzählt sein Leben, die rekonstruierte Erinnerungsvision seiner Herkunft, in der er immer noch lebt, und er erzählt sie als einen Kampf, vor allem einen gegen seinen auf ganz normale Weise übermächtigen Vater. Und es ist eben nicht nur ein Kampf, sondern seiner, im Doppelsinne dieses Pronomens: Ein Kampf, den er führt, und ein Kampf, den er sich nach und nach aneignen muss – wie ein Objekt des Besitzes. Diesen schwierigen, allmählichen und immer bedrohten Triumph über die eigenen Heimsuchungen, nachzuverfolgen – das ist es, was diese Lektüre so ungemein bewegend macht.

Das zweite Missverständnis besteht in der Behauptung, es handele sich hier um einen Werther des 21. Jahrhunderts. Na gut, es geht um einen energischen und empfindsamen, männlichen, talentierten Charakter, der sich in die Welt der Dinge träumt. Der die Welt unters Mikroskop hält. Der leidenschaftlich liebt. Es gibt sogar eine Szene, in der unmissverständlich bedeutungsvoll Brot geschnitten wird, so wie Lotte, von Werther bestalkt, Brot an ihre Geschwister verteilt. Aber während bei Goethe das Pathos regiert, die (vermeintliche) Überhöhung jedes Phänomens ins Bedeutungsvolle, Symbolische, regiert bei Knausgård das Bathos, die (wiederum vermeintliche) Degradierung der Phänomene ins Reale, Natürliche, der Fall in den Abgrund oder besser: der Aufprall auf den Boden der Tatsachen. Und dieser Boden ist dreckig. Komplex, ungeordnet und unübersichtlich. Voller Pisse und Scheiße, Alkoholsucht und Niedertracht, mittelpreisiger Emotion und mutlosem Aufbegehren. Auf Werthers Boden, wir erinnern uns, herrscht ein Gewimmel (Szene: Werther liegt im Gras, holt sich zwischen den Zeilen einen runter, beobachtet dabei eine Ameisenhorde und plappert pantheistisches Zeugs in den Romanhimmel). Aber dabei ist, dem ästhetischen Prinzip der Klassik gemäß, eine Einheit in der Mannigfaltigkeit, eine beruhigende Harmonie, ein ordnendes Urbild am Werk.

Aber Knausgårds Projekt ist auch kein Anti-Werther, es ist ganz einfach überhaupt keiner. Alles, was er will, ist diese dichte Beschreibung seines Kampfes, die trotz der extremen Nähe der »Figuren« zu Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten fast nie ethnologisch und voyeuristisch wird. »Die Welt verstehen, heißt, einen bestimmten Abstand zu ihr einzunehmen.« Knausgårds Ziel ist die Offenlegung, aber nicht die Zerstörung seiner Figuren, die Trabanten seines Kampfes. Es geht nicht darum, Masken wegzureißen, zu entzaubern, heimzuzahlen. Trotz der angestauten negativen Energie, die aus vielen Passagen spricht, ist das Buch an kaum einer Stelle, auch nicht gegen den Vater, ein Akt literarischer Vergeltung. Alles, was Knausgård will, und da ist er dann doch wieder Goethe sehr nah, ist schreiben. Etwas Einzigartiges, Durchdringendes, Niedagewesenes schreiben.

Und es ist ihm gelungen. Der Atem ist lang, der Rhythmus energisch. Ein Schreiben, dem es ums Ganze geht. Kein herausragender Stil auf der Satzebene, aber diese elegante, fast anmutige Auslegung der Gedanken und der Rhythmus, in dem die Szenen ineinandergefaltet werden, sind unwiderstehlich. Die zahlreichen bodenständigen Reflexionen, die den Roman bevölkern, sind mit einer Tugend geschrieben, die ich so eigentlich nur von Tolstojs Krieg und Frieden kenne: mit einem absolut trittsicheren common sense, der aber nie die Komplexität, die Schwierigkeit, die Ungewissheit, die Brüche in allem runterspielt. In einer dieser reflexiven Passagen heißt es:

Alles muss sich der Form unterordnen. Ist ein anderes Element der Literatur stärker als die Form, etwa der Stil, die Handlung, die Thematik, gewinnt eins von ihnen die Oberhand über die Form, ist das Ergebnis schwach. Deshalb schreiben Autoren mit einem markanten Stil so häufig schwache Bücher. Deshalb schreiben auch Autoren mit einer markanten Thematik so häufig schwache Bücher. Damit Literatur entstehen kann, muss das Markante in Thematik und Stil niedergerissen werden.

Wow. Knausgård scheint viel gelesen zu haben, aber er ist nicht das, was man einen belesenen Autor nennen könnte, kein homme de lettres, der exquisite Kulturtheorien mit historischem Spezialwissen verknüpft, der Pastiches schreibt auf galante Autoren des 16. Jahrhunderts, der intertextuelle und metapoetische Fäden spinnt. Aber diese Reflexionen sind nicht nur aufgrund ihrer Ehrlichkeit bestechend, sondern haben Substanz. Wo sonst findet man eine so effiziente Unterscheidung der ästhetischen Elemente wie hier: Der Inhalt ist das Medium der Erfahrung, der Stil das Medium der Veranlagung und Übung. Aber allein die Form ist das Medium der Entscheidung. Sie entscheidet und an ihr entscheidet sich alles. Guter Stil, schlechtes Buch, wie oft hat man diese Erfahrung nicht schon gemacht.

***

Warum Naturalismus? Knausgårds Projekt besteht nicht in der Verzauberung des Alltags, nicht im selbstgewählten Wechsel der Perspektive. Nicht er lässt neues Licht auf die Dinge scheinen, sondern die Dinge werfen neue Schatten auf ihn. Diese Alltagspoesie will keine lyrische Schönheits-Op, weil sie das ewig gleiche Faltengesicht der Welt echauffiert. Zwar ist jedes noch so kleine Objekt in seiner Umgebung besetzt, mit Erinnerungen, Ängsten, Hoffnungen und spritzihaften Projektionen. Aber diese Erinnerungen sind nicht selbstgewählt, sondern kommen als Erynnien der eigenen Vergangenheit, als Heimsuchung. Was folgt ist der Prozess einer Autospektion, die, wie es in Bretons Nadja heißt, nicht von der Frage Wer bin ich? ihren Ausgang nimmt, sondern eben von der Frage: De quoi suis-je hanté, Wovon werde ich heimgesucht?

So dringt Knausgård umso tiefer ein in die Infrastruktur des Lebens, man könnte sagen des Alltagslebens, wenn man nicht beim Lesen dauernd vergessen würde, dass es sich hier um einen Alltag handelt. Es ist ein Projekt der Verfolgung, eine Wirklichkeitsjagd, die der Komplexität der Dinge nachfühlt, der notdürftig zusammengebastelten Natur, in der wir alle leben, den vieldimensionalen Konstellationen zwischen Wille, Gefühl und Idee, zwischen Belebtem und Unbelebtem, zwischen Erwartung, Erfahrung und Ignoranz. Mysterium und Geheimnis verschwinden nicht restlos bei dieser Jagd, sondern erscheinen in der Mitte der Welt, nicht an den Rändern, den Himmelspforten und Höhleneingängen. Das Enigmatische erscheint nicht als Topfaufsatz des Realen, das in von unten aufsteigendem lyrischem Dampf gar gekocht wird. Es erscheint inmitten der Realität, inmitten des Einfachsten, Banalsten, des Immergleichen. Und damit dies gelingt, bedarf es einer künstlerischen Form, und die ist die Frage einer Haltung, einer Einstellung zum gesamten Material, das es zu bearbeiten gilt. Der Naturalismus ist nicht, wie uns so oft weißgemacht wird, ein Verzicht auf eine literarische Form, sondern eine Entscheidung für eine Form.

Da dieser Post jetzt schon wieder viel länger geworden ist als geplant, gibt es keinen Grund, ihn nicht noch länger werden zu lassen. Als ich meinen dänisch-mexikanischen PhD-Kollegen fragte, was er von dem Teil hält, rief er mit skandinavischer Begeisterung aus: »Oh yeah, it’s addictive.« Oh ja, das ist es. Und um das zu erfahren, muss man natürlich eine längere Passage lesen. Zum Beispiel diese:

Bei US Video ging rund um die Uhr ein kontinuierlicher Strom von Männern ein und aus, und da ich hier seit fast einem Jahr wohnte, konnte ich in neun von zehn Fällen erkennen, wer hinein- und wer vorbeigehen würde. Fast alle hatten die gleiche Körpersprache. Sie gingen im Allgemeinen die Straße hinunter, und wenn sie die Tür öffneten, geschah dies mit einer Bewegung, die wie eine natürliche Fortsetzung der vorherigen aussehen sollte. Sie waren so sehr darauf bedacht, sich nicht umzuschauen, dass einem gerade das ins Auge fiel. Sie strahlten die Anstrengung aus, die Normalität aufrechtzuerhalten. Nicht nur, wenn sie sich hineinschoben, sondern auch, wenn sie wieder herauskamen. Die Tür ging auf, und ohne stehen zu bleiben glitten sie fast auf den Bürgersteig heraus und verfielen in diesen Gang, mit dem sie den Eindruck vermitteln wollten, sich schon zwei Häuserblocks ununterbrochen in dieser Weise bewegt zu haben. Alle Altersgruppen von sechzehn bis jenseits der siebzig waren vertreten, und die Besucher stammten aus allen Gesellschaftsschichten. Manche sahen aus, als gingen sie im Auftrag eines anderen dorthin, andere kamen auf dem Heimweg von der Arbeit oder am frühen Morgen oder zum Abschluss eines Abends in die Stadt. Ich selbst war zwar nie hingegangen, wusste aber durchaus, wie es dort aussah: die lange Treppe nach unten, das tiefgelegene, zwielichtige Kellerlokal mit der Theke, an der man bezahlte, die Reihe schwarz lackierter Kabinen mit Fernsehbildschirmen, die zahlreichen Filme, unter denen man wählen konnte, je nachdem, welche sexuellen Vorlieben man hatte, die schwarzen Kunstlederstühle, die Toilettenpapierrollen auf der Ablage daneben.
August Strindberg behauptete einmal in seinem tiefsinnigen, geistig verwirrten Ernst, die Sterne am Himmel seien Löcher in einer Wand. Manchmal musste ich an seine Worte denken, wenn ich den nie enden wollenden Strom von Seelen betrachtete, die diese Treppenstufen hinabstiegen und sich in die Dunkelheit der Kellerkabinen setzten, um zu onanieren, während sie hermetisch abgeriegelt war, und eine ihrer wenigen Möglichkeiten, aus ihr herauszuschauen, diese Luken waren. Was sie dort sahen, erwähnten sie anderen gegenüber nie, es gehörte zum Unaussprechlichen, war unvereinbar mit allem, was zum normalen Leben gehörte, und die meisten, die dorthin gingen, waren ganz normale Männer. Aber das Unaussprechliche galt nicht nur im Verhältnis zur Welt oben, es prägte sie vielmehr auch dort unten, jedenfalls ihrem Verhalten nach zu urteilen, der Tatsache, dass keiner von ihnen mit dem anderen sprach, keiner den anderen ansah, den solipsistischen Bahnen, in denen sich alle zwischen der Treppe, den Regalen voller Filmen, der Theke, der Kabine und erneut der Treppe bewegten. Sie konnten die Augen nicht davor verschließen, dass diesen Vorgängen auch etwas grundsätzlich Lächerliches eigen war, Männer, die mit heruntergelassenen Hosen in ihren Kabinen hockten und ächzten und stöhnten und an ihrem Glied zogen, während sie Filme von Frauen sahen, die mit Pferden oder Hunden schliefen, oder von Männern, die es mit einer Vielzahl anderer Männer trieben, aber auch keine Rücksicht darauf nahmen, da wahres Lachen und wahre Begierde unvereinbare Größen sind, und die Begierde hatte sie dorthin getrieben.

Über Samir Sellami

istinalog.net
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3 Antworten zu Karl Ove Knausgård: Naturalismus that kicks ass!

  1. jochenkr schreibt:

    Super Rezension! Bin nur Leser, könnte die Erzählungen von „Mein Kampf“ nicht so beschreiben wie Sie. Ich würde Ihnen gerne zwei Fragen stellen: 1. Die englische Übersetzung ist doch eine Katastrophe, oder? Ich bleibe bei der deutschen. 2. Wissen Sie, wann der 5. Teil endlich in deutscher Fassung erscheinen wird?
    Viele Grüße
    Jochen

  2. Samir Sellami schreibt:

    Lieber Jochen,
    vielen Dank für die positive Rückmeldung. Die erste Frage kann ich nicht beantworten, da ich nur die deutsche Übersetzung kenne, die mir sehr gelungen erscheint. Mich würde aber interessieren, warum du die englische für eine Katastrophe hältst. Ich könnte mir vorstellen, dass sie gewisse syntaktische Eigenheiten des Norwegischen, die im Deutschen teilweise schön fremdartig klingen, zu stark assimiliert. Auch zur zweiten Frage bleibt mir nur die Vermutung: Frühjahr oder Herbst 2015. Der Luchterhand-Verlag scheint den üblichen Rhythmus von Fortsetzungserfolgen zu pflegen: Jedes Jahr ein neuer Band.

  3. jochenkr schreibt:

    Danke für deine Antwort! Oh je, 2015… Aber nun kenne ich dank dir den Verlag. Ich habe alle 4 Ausgaben bereits zwei Mal gelesen – hab die Bücher jeweils auf Englisch und auf Deutsch. Meinem Geschmack zufolge liegt es nicht an der Syntax. Ob er die norwegische Sprache ins Englische assimiliert, das könnte sein. Doch finde ich, dass er es nur versucht und dabei scheitert. Sicher schreibt Knausgård etwas fremdartig, vor allem in den Passagen, die in den Achzigern handeln. Doch im Englischen kommt es sehr altbacken daher. In einem einzigen Satz benutzt er die Verben: „I craned my neck … who trundled in the same direction … and the crying abated … the plumbing in the wall gurgled…
    Jonathan Franzen, Philipp Roth oder T.S. Eliot benutzen diese Wörter nicht in ihren modernen Beschreibungen. Aber das ist nur meine Meinung, andere halten den Übersetzer Don Bartlett für ein Genie :-) http://www.theparisreview.org/blog/tag/don-bartlett/

    Alles Gute für dich, ich freue mich auf neue Beiträge deines Blogs!
    Jochen

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