Das Herz von Berlin

Unweit meiner Wohnung gibt es einen Asia-Imbiss. Er ist von innen klein, dunkel und etwas schmuddelig, rote Wände, Drachen, Buddhas, Winkekatzen. Serviert wird dort austauschbares Thai-Viet-China-Essen. Aus einigen Postern an der Wand, die in fremder Sprache, aber mit lateinischen Buchstaben geschrieben sind, lässt sich schließen, dass die Inhaberin wohl Vietnamesin ist. Mit schnellen, strengen Augen wacht sie über ihre wechselnden Stammgäste, diese typische Westberliner Mischung aus Handwerkern und Arbeitslosen, die nie kommen um etwas zu essen, sondern wegen des Bieres und der zwei Glücksspielautomaten, die am Eingang stehen. Aus strategischen Gründen kann sie kein Deutsch. Doch, natürlich, sie kann Begrüßung und Verabschiedung, sie kann die Zahlen, „Zum Mitnehmen oder hier essen?„, „Bitte„, „Danke„,  viel mehr aber nicht. Und das nicht weil sie nicht die Fähigkeit dazu hätte. Nein, ich meine das ist ihr Mittel, um ihre Kunden unter Kontrolle zu halten. Jedes Belabern, jedes Anpumpen ist von vorne herein unmöglich. Als ich das erste Mal da war, fragte ich sie, ob ich mit Karte zahlen könne. „Speisekarte?“ – „Nein, ob ich hier mit dieser Karte zahlen kann?“ – „Speisekarte?“ Ich hinterlegte meinen Personalausweis und ging um die Ecke Bargeld holen.

***

Die Kinder der Inhaberin sind komplett assimilierte Charlottenburger Gymnasiasten. Siebte oder achte Klasse. Makelloses Deutsch, makellose Klamotten, makellose Haare.  Wenn man sie am frühen Nachmittag mit ihrer Mutter essen sieht, dann gibt es natürlich nicht das Thai-Viet-China-Zeug, das den Gästen aufgetischt wird. Sie essen gemeinsam aus einer großen Schüssel, in der nichts als Wasser, Ingwer und Koriander zu sein scheint. An den Nebentisch, wo ich gerade Nasi-Goreng oder etwas ähnliches zu mir nehme, wankt ein großer Mann in einem noch größeren, fleckigen, beigen Trenchcoat. Statt den Trenchcoat zu öffnen, und mir seinen nackten Körper zu präsentieren, was ich bei seinem aussehen jetzt erwartet hätte, zeigt er auf mein Getränk und murmelt irgendwas von „Coke„. Bevor er seinen Satz zu Ende bringen kann hat die Inhaberin ihn mit einem ihrer zwölf deutschen Wörter, einem lauten „STOP!“ abgewürgt. Etwas beömmelt zieht er wieder von dannen.

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Als ich den Laden das nächste mal um die Mittagszeit betrete ist großer Betrieb. Einer der Handwerker, erkennbar an der blauen Hose, spielt mit hängendem Kopf an beiden Spielautomaten gleichzeitig. Ein anderer Handwerker, der kurz vor mir hereingekommen ist fragt ihn „Sachma Heinz, wat machste denn da?„. Heinz schaut auf „Bestell dir n Bier Alter, jeht auf mich heute.“ – „Wat n los?“ – „Kalle hat mir fünf Euro jejebn, die sollick hochspieln. Allet über 50 darf ick behalten. Ick bin schon uff 160.“ Der andere nimmt sich ein Bier aus dem Kühlschrank. Neben dem Kühlschrank sitzt, etwas gedrängt, die Inhaberin und starrt gebannt auf einen neuen Flachbildschirm, auf dem sich mehrere Männer gegenseitig mit Samuraischwertern zerteilen. „Aber dit macht doch jar keen Sinn. Wieso spielste denn auf zwei Automaten gleichzeitig? Da haste doch doppeltet Risiko.“„Hör ma zu“ Heinz ist schon etwas betrunken, versucht aber seinen gegenüber so fest in die Augen zu nehmen, wie es geht „Ick weiß in der Rejel wat ich tue.“„Naja, ick saje mal so: Suae quisque faber fortunae.“ sagt der andere und nimmt den ersten Schluck von seinem Bier. Aus meinen fast vergessen Lateinkenntnissen reime ich mir zusammen, was das wohl heißen mag: Jeder ist seines Glückes Schmied.

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Kalle ist inzwischen auch mal kurz vorbeigeschneit, um zu sehen, was mit seinem Geld los ist. Kalle hat wehende weiße Haare und eine Stimme, von der, wohl aufgrund exzessiven Tabakkonsums, nur noch Reste zu vernehmen sind. „Allet jut, allet jut. Die 50 jehören mir, den Rest kriegst du.“„Ick schulde dem Peter ja auch noch 40 vom letzten mal, aber dann haick noch juten Jewinn jemacht“ „Sie nur zu, dass de beizeiten auszahlst“. Bei 250 enstcheidet sich Heinz, dass man Fortuna jetzt wirklich nicht mehr reizen sollte und lässt sich auszahlen, an beiden Automaten gleichzeitig. In zwei sich überkruezenden Stahlen von 2-Euro-Stücken schießt der Gewinn auf den Boden. Das Samurai-Massaker auf dem Flachbildschirm geht weiter. Die Inhaberin rührt sich nicht. Die Münzen klirren. Der Strahl aus dem rechten Automaten wechselt zu 1-Euro-Stücken, weil die 2-Euro Stücke leer sind. Aus dem Hinterzimmer erscheint ihr Mann, den ich noch nie gesehen habe, er hat ein Gesicht wie ein alter Piranha, er hebt langsam den Zeigefinger und sagt „Dooooh hass Glück dooooh…..!“ und ich, längst wieder über ein Rindfleisch-Curry gebeugt, komme mir für ein paar Sekunden vor wie in einem Tarantino-Film kurz vorm Shootout.

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Mit einem Mal fangen die Maschinen beide bedrohlich an zu tuten. Rote Schrift leuchet auf. „Insufficient cash reserves„. Kein Geld mehr im Kasten. Heinz und der andere heben die Münzen mit den Händen auf den Tisch und fangen an zu zählen. Es sind nur 120. „Da musste jetz einfach die Betreiberfirma anrufen. Dit Jeld steht dir ja rechtlich zu.“ Die Inhaberin schickt ihren Sohn das Telefon holen. Heinz findet an der Seite eines der Automaten einen Aufkleber mit der 0800-Nummer einer Phoenix-Westermann Spielautomaten KG. Er diktiert dem Kleinen die Nummer und nimmt dann selbst den Hörer in die Hand. Knacken. Tuten. Nichts. „Da is nüscht.“ – „Wie, da is nüscht?“ – „Na hör mal selber!“. Der Kleine hat inzwischen schon auf seinem IPad ergoogelt, das es die Phoenix-Westermann Spielautomaten KG seit drei Jahren nicht mehr gibt. „Seit drei Jahren schon nicht mehr, und trotzdem habt ihr dit Teil noch hier stehn!?“ Heinz ist fassungslos. 120 Euro. Macht 50 für Kalle, 40 für letzte Woche und 30 für ihn. Ihm schießen die Tränen in die Augen. Der Andere verzieht anteilnehmend das Gesicht. Der Mann der Inhaberin klopft ihm auf die Schulter „Doooh hass Pech dooohh….! Doooh hass Pech…!“

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Ich frickele och an meinem Handy rum, als mir die Inhaberin ein Bier vor die Nase stellt. Als ich aufblicke sehe ich, dass alle anderen auch ein neues Bier haben. Der Kleine trinkt aus einer Fanta. „Haus!“ sagt die Inhaberin mit einem leichten Lächeln und einem festen Nicken.

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Suae quisque faber fortunae.

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3 Antworten zu Das Herz von Berlin

  1. blub schreibt:

    wunderschön. :)

  2. Erik Tiden schreibt:

    Schön zu lesen! Aber als Du uns das erzählt hast, haben wir und Bauchmuskelkrämpfe angelacht. Du solltest ab und zu Kleinkunst machen.

  3. Pingback: Silvester in Babylon | Istina

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