Nihilismus oder Konzession?

Beim Durchstreifen meiner in der Auflösung begriffenen Bücherregale stoße ich auf einen Text von Botho Strauß, schlage die erste Seite auf und lese im Anfang rum:

Der alte Schnee trägt noch die Masken der großen Wehe, die vor kurzem die Türen und Wege zufegte. [What!?] Auf dem weißen See sitzen die Angler vor ihren Eislöchern wie Gaukler, die ihre Kunststücke vergaßen. [Hm, not bad] Es wird auf nichts hinauslaufen. [Uh la la] All diese Seiten, Einsprengsel eines nie erzählten Romans, werden auf nichts hinauslaufen, wie das Leben selbst, Abschnitt und Stückwerk vom Endlosen.

Ach ja, der Nihilismus. Nach wie vor eine große Versuchung. Vieles spricht für ihn, wenig dagegen. Die Fluchtmöglichkeiten sind gering und die Aussichten märchenhaft, daher schwach: Religion, Kapitalanhäufung, Fitness, Kunstblase. Liebe, ok… ist aber dann doch nicht genug für ein Zusammenleben mit den meisten. Solidarität, schon eher, aber irgendwie zu abstrakt ohne konkretes politisches Ziel oder übergeordnet kollektives Interesse.

Dazu kommt aus intellektueller Sicht, dass der Nihilismus auch gar keine so einfache Haltung ist, wie man vielleicht glauben könnte. Nihilisten wurden lange öffentlich geächtet, akademisch ignoriert und leben in geschlossenen Gesellschaften auch heute noch gefährlich. Das Argument, man mache es sich mit dem Nihilismus allzu leicht, greift also nicht. Oder wenn überhaupt, dann nur in einer Plüschtiergesellschaft wie der BRD 2014, die ja wohl global gesehen eher die Ausnahme als die Regel ist.

Dazu kommt aus historischer Sicht, dass der Nihilismus nicht irgendwo im luftleeren Space schwebt, sondern an einem schmutzigen Haken in einem mäßig gekühlten Raum mit der Aufschrift Geschichte hängt. Frei zur Fleischbeschau und Weiterverarbeitung zusammen mit anderen vor sich hin modernden Oberkeulen wie Idealismus, Realismus und Kritizismus. Auch von ihm gibt es zeitgenössischere und weniger zeitgenössische Varianten und es bleibt die Aufgabe von Intellektuellen, den Nihilismus wie alles andere immer wieder auf die Schlachtbank-Höhe der Zeit zurückzuwuchten.

Die Welt, die der arme Botho Strauß ertragen muss, ist restlos entzaubert, ein trostloses Tableau fossiler Tätigkeiten: Gaukler, die ihre Kunststücke vergessen haben, Liebende, die ihre Briefe nicht zu Ende schreiben, Gesellschaftsagenten, die zu allem eine Meinung und zu nichts eine Haltung haben.

Aber was hat Strauß dem so entgegenzusetzen? Verwunderung vor dem Unergründlichen, Beschwörungen unauflösbarer Geheimnis, schöne aber fleischlose Sätze, Vergnügen an der Versenkung ins Menschheitsarchiv.

Botho Strauß ist und bleibt der große Zeitgenosse unter den deutschen Gegenwartsautoren, nicht nur sein Theater, auch seine seismografische Prosa [ächz] fängt scheinbar mühelos [Doppel-ächz] die Erschütterungen des Heute [uhhh] und die Vorbeben des Zukünftigen [arrrrgh] ein.

Entgegen solcher Behauptung der pathosbesoffenen Spiegel- und Weltredakteure vom Klappentext ist der Strauß-Nihilismus aber alles andere als zeitgemäß, denn es ist ein Nihilismus der Existenz: Da stehe ich, ich armer, bemitleidenswerter, zu allem Überfluss auch noch denkender Mensch, und es ist alles eitel, und ich habe keinen anderen Trost als die einsame Landschaft.

Die große Herausforderung des zeitgenössischen Nihilismus ist aber nicht der Existenz-Nihilismus, sondern ein Nihilismus der Gattung. Nicht dass das menschliche Leben keinen Sinn ergibt, lautet die Katastrophenmeldung, sondern dass es bald vorbei sein wird mit diesem Leben. Und das nicht im Sinne eines expressionistischen Weltuntergangsszenarios, einer letztendlich reinigenden Auslöschungsphantasie, einer entfesselten Atomwaffenorgie, sondern als konkrete, benenn- und kalkulierbare Gefahr der sukzessiven und verschränkten Zerstörung der essentiellen Überlebensgrundlagen.

Die aktuellste und tiefgründigste Ausformulierung eines solchen Nihilismus der Gattung findet sich in Ray Brassiers Buch Nihil Unbound. Enlightment and Extinction. Extinction, Auslöschung, ist das Schlagwort, das auch in so interessanten wie hierzulande unbekannten Projekten wie denen von Claire Colebrook und Elizabeth Povinelli immer weiter ins Zentrum rückt. Den Nihilismus nicht mehr hermeneutisch als Sinn- und Bedeutungskollaps zu begreifen, sondern realistisch als vom Leben selbst sich aufdrängende „Perspektive“, das ist heute die Herausforderung, und das macht die nihilistische Fragerichtung wieder oder immer noch zu einer wichtigen intellektuellen Herangehensweise.

Wer sich also mit dem Nihilismus nicht zufrieden geben will, dem kann es nicht genügen, ihm durch intellektuelle Taschenspielertricks zu entfliehen. Seit zwanzig Jahren lebt und schreibt Botho Strauß in der menschenleeren Uckermark. Dies ist der Rand, von dem aus er auf die Gesellschaft schaut. So lautet der Aufmacher eines FAZ-Feuilletons. Aber was auch immer der einsame Botho mit seinem Spazierstock, den er sich in Portugal hat anfertigen lassen, im Einzelnen für tolle Sachen denken und sagen mag, die ganze Anlage ist von vorneherein falsch.

Natürlich kann man von der Uckermark aus auf die Welt schauen, die Frage ist halt nur, was man dabei zu sehen bekommt. Überhaupt ist das ganze Sichtbarkeitsparadigma fragwürdig. Ein Intellektueller zieht sich aus der korrumpierten Geschäfts- und Smartphonewelt zurück, um Zugang zu den tiefer liegenden Gesellschaftsstrukturen zu bekommen. Aber hat er auch Kontakt zu ihr? Käme es nicht vielmehr darauf an, die sogenannte Gesellschaft von innen zu betasten als sie von außen zu beschauen?

Die Aufgabe, einen aktuellen zeitgenössischen Nihilismus im Kontakt mit dem, was gerade los ist und demnächst los sein wird, zu formulieren, bleibt unverzichtbar. Aber sie ist nur die eine Seite des Lebens. Auf der anderen steht ein großes Fragezeichen und es ist nur klar, welche Antworten gar nicht gehen: Religion, Kapitalanhäufung, Fitness, Kunstblase…

Anstelle zu versuchen dem Nihilismus zu entfliehen, sollten wir ihn auf den neuesten Stand updaten, um ihn dann umso spektakulärer ignorieren zu dürfen. Vielleicht ist der Nihilismus die einzige korrekte Sicht auf die Realität – und trotzdem reicht er nicht aus. Dieses Und trotzdem hat keiner so wirkungsvoll rausgeprustet wie der olle und unerreichte Materialist Lukrez.

Das fünfte Buch seines De rerum natura entfaltet die materialistische Kosmologie und holt dabei aus zum Rundumschlag gegen alle Ewigkeits- und Welterlösungstheorien, seien sie platonisch, stoisch oder skeptisch. Alles nüschtig. Alles vergänglich. Alles zerfällt einmal, bald vielleicht, zu Staub. Die Sprache wird von ihrer göttlichen Bedeutung zum Aushilfsinstrument der Verständigung runtergestuft. Aber aus dieser nihilistischen Stimmung, in der nichts sagbar erscheint, schwingt sich der Text hoch zu seiner selbstbewussten und hyperbolischen Rhetorik und zum entscheidenden Satz: Sed tamen effabor! Und trotzdem sprech‘ ich es aus!

Dieses resolute Und trotzdem ist für mich gerade die Losung des vielversprechendsten Ansatzes, den Resolutionen des Nihilismus, der sich heute stärker, konkreter und universeller als je zuvor als unausweichbare Realität ankündigt, noch eins draufzusetzen. Er enthält auch den Keim zu einem Programm gegen die vorletzte Variante des Nihilismus, die immer noch im Zeichen der Sinnentzauberung steht: der Postmoderne.

Alle postmodernen Nihilismen sind bekanntlich angetreten, Einheitlichkeit, Identität und Homogenität zu zerstören und alles zur Differenz zu erklären. So weit, so gut. Aber das Bild, das dabei von den Differenzen selbst gezeichnet wird, ist wiederum homogen. Einheitlichkeit und Gleichförmigkeit werden so nur in kleinen Teilen abgeschafft, in größeren Teilen aber lediglich an eine andere, schwieriger zugängliche Stelle verschoben. Im analytischen Raster der Dekonstruktion, v.a. amerikanischer Prägung, aber auch hin und wieder bei Derrida & Co. löst sich alles noch so Gefügige auf in endlose Differenzen. Aber diese Differenzen werden tendenziell in ihrem gegenseitigen Verhältnis unterschiedslos, sie werden alle untereinander gleich.

Das Scheitern der Postmoderne besteht demnach nicht darin, dass sie uns keine neuen Ideale, Visionen und Handlungsmaximen in Aussicht stellen konnte. Sondern vielmehr darin, dass sie keine nachhaltigen Konzepte ausgearbeitet hat, die die Differenzen, auf denen sie zu Recht rumreitet, zu bewerten und zu gewichten versucht. Keine Konzepte, die sich dort zum Trotzdem-Sprechen durchringen, wo die kritische Analyse ein offenes Feld ausdifferenzierter Unsagbarkeit hinterlassen hat.

Was wir brauchen ist also ein Denken, das in einem ersten Schritt den Nihilismus so zeitgemäß und unbestechlich wie möglich zu formulieren versucht, um ihn in der Folge rechtmäßig ignorieren zu dürfen. Man könnte dieses Denken im Ausgang von Lukrez als Denken der Konzession bezeichnen. Ein Denken, das dem übermächtig erscheinenden Nihilismus Zugeständnisse macht, ohne sich ihm ganz zu ergeben.

Konzessionismus klingt im Schatten der Brüllgewitter von Büchner, Bakunin, Nietzsche und dem stilleren Nachzügler Strauß wie lauwarme Suppe. Aber es ist die eigentlich radikalere Position. Reaktionäre Weltbeobachtelei aus der Uckermark heraus, in der uns am Ende gesagt wird, wie doof doch eigentlich alle werden, wenn sie dauernd aufs Smartphone glotzen, können doch alle. Jegliche Identitäten zu unterschiedslosen Differenz-Spaces auflösen, in denen „alles in ständiger Bewegung und Veränderung“ ist (außer der eigenen Theorie, versteht sich) erst recht.

Konzessionismus und Komplexität sind dagegen harte und schwierige Tätigkeiten. Wir brauchen sie heute mehr denn je.

Über Samir Sellami

istinalog.net
Dieser Beitrag wurde unter Denken, Zukunft abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s