Ein Revolutionär wider Willen

Lissabon, Demonstration

Antonio Tabucchis Jahrhundert-Büchlein mit dem wenig verheißungsvollen Titel: Erklärt Pereira ist mein mittlerweile fünftes erstes Buch, und was für eins.

Das Lesen von ersten Büchern ist ja immer ein besonderes Ereignis, umso schöner ist es, dass mein erstes italienisches ausgerechnet dieses sein durfte. Wie so oft regierte der Zufall: Ich ging in einen italienisch-portugiesischen Buchladen in Berlin-Mitte, schaute mir das Regal ein wenig an, quatschte mit dem Buchhändler, der mir Calvino andrehen wollte, aber eigentlich nur auf die nächste Zigarettenpause wartete, und kaufte schließlich: Antonio Tabucchi. Vielleicht weil mir der Name ganz gut gefällt. Vielleicht weil ich Lust auf was Neues hatte. Vielleicht weil ich schon unbestimmt Gutes von diesem 2012 verstorbenen italienischen Schriftsteller mit kultureller Zweitheimat Portugal gehört hatte.

Jetzt, nach dem Lesen, ist mein kleines Leben nicht nur um eine groß erzählte Geschichte bereichert, sondern ich denke zurück an meine anderen ersten Bücher und stelle außerdem fest, dass Tabucchi auf Platz eins einer Liste steht, von der ich erst jetzt erfahre, dass sie überhaupt existiert.

Mein erstes Buch auf Französisch war der Immoraliste von Gide, auch wenn ich davor schon irgendwelche Krimis las, von denen ich wenig verstand und noch weniger behalten habe. Ein toller Text, den ich gegen meine Gewohnheiten dreimal gelesen habe. Mein erstes englisches Buch ist recht schwer festzumachen, aber ich würde sagen: Terrorist von Updike, ein souveränes, mäßig-gutes, verheerend gebundenes Buch mit typischem Hässlich-Cover und fahlem Abgang, das ich im Sommer 2007 am Strand von Saint Raphael gelesen habe. Viel eher zu empfehlen ist mein erstes spanisches Buch (aus dem Katalanischen übersetzt), La Plaza del Diamante von Mercé Rodoreda, das ich zum erstem Mal mit 17 in der Mittagsmüdigkeit nach der Schule las (und wenig davon verstand, außer dass es in den 30ern in Barcelona spielt, wo man auf der Straße nachts Tango tanzt, und dass die Protagonisten illegal Tauben auf ihrem Balkon züchten), ein zweites Mal dann später in der Studienzeit (ich verstand mehr und siehe da! es war ein tolles Buch).

Mein erstes deutsches Buch wäre natürlich am schwersten zu bestimmen, wenn es um sachliche Richtigkeit ginge, aber da es meistens um was ganz anderes geht, kann es sich nur um den Untergeher von Thomas Bernhard handeln, ein Buch, das ja meine gesamte Einstellung zum Lesen radikal umgewurschtelt, meinen sogenannten Entschluss, irgendwie Literatur machen zu wollen, entscheidend mitgeprägt, und schließlich mein Leben verändert hat.

Ähnlich wie bei Bernhard zieht sich auch bei Tabucchi eine rhythmisch wiederkehrende Formel durchs Buch, die uns immer ein wenig aus der Immersion in diesen Sog-Text rauswirft, daran erinnert, dass wir einem Bericht, einer individuellen Stimme, einem Erinnerungsstück, einem Testament lauschen dürfen: Da da da da da, erklärt Pereira. Das tut der unmittelbaren Wirkung der Sätze aber keinen Abbruch, sondern steigert sie in der scheinbaren Distanzierung der indirekten Rede noch mehr, bringt sie uns noch näher: Es ist schwer, eine präzise Überzeugung zu haben, wenn es um die Gründe des Herzens geht, erklärt Pereira… Und dann kehrte er vom Schwimmen zurück und der Traum setzte sich fort, es war wirklich ein schöner Traum, aber Pereira zog es vor nicht zu sagen, wie genau er sich fortsetzte, denn sein Traum hat nichts mit dieser Geschichte zu tun, erklärt Pereira… Auch wenn er so dachte, fühlte er sich nicht beruhigt, sondern fühlte eine große Sehnsucht, von etwas, dass er nicht aussprechen konnte, aber es war eine große Sehnsucht eines vergangenen Lebens und eines zukünftigen, erklärt Pereira.

What about Pereira? Witwer, melancholischer Nostalgiker, stark übergewichtig, Herzprobleme, Herausgeber und einziger Mitarbeiter der Kulturbeilage des Lisboa, einer Lissabonner Zeitschrift, die passend zu seiner unbestimmten Nostalgie nachmittags erscheint, Katholik, Liebhaber von französischer Literatur (vor allem den im besten Sinne moralisch-katholischen Schriftstellern: Mauriac und Bernanos), Liebhaber auch von Omeletts mit aromatischen Kräutern und gezuckerter Limonade (im krassen Widerspruch zu den Diät-Empfehlungen seiner Ärzte), trocken gelegtes Sexualleben, Selbstgespräche in Anwesenheit des Porträts seiner toten Frau, heftig intermittierende Gedanken an den Tod.

Eines heißen Tages im August 1938 liest Pereira den Text eines jungen Philosophen über den Tod, er ist begeistert und beschließt, diesen Typen als Praktikanten anzustellen, dessen Aufgabe es sein soll, necrologi anticipati per i grandi scrittori, vorauseilende Nachrufe auf die großen Schriftsteller zu schreiben. Schnell stellt sich aber raus, dass der junge Mann mit dem emblematischen Namen Monteiro Rossi lediglich gänzlich unveröffentlichte Nachrufe schreiben wird. Wir befinden uns nämlich im Jahr 1938, Franco steht im Nachbarland kurz vorm Triumph, Guernica wurde schon bombadiert, die Nazis planen den Weltenbrand und Portugal ist schon seit 1932 in den Fängen der Faschisten um den Diktatur Salazar. Da kommt es nicht so gut, wenn ein junger Intellektueller mit ROT im Namen hymnische Nachrufe (oder besser Ricorrenze, Andenken, die zweite Erinnerungsgattung in der Kulturbeilage des Lisboa) auf Lorca und Majakowski schreibt, Kommunismus und politisch-romantische Verzweiflung als neue Tugenden besingt und die Mussolini-Freunde Marinetti und d’Annunzio zerflext.

Obwohl Pereira sich selbst als konservativen Unpolitischen sieht, der weder mit Linken noch mit Rechten etwas zu tun haben will, der lieber gezuckerte Limonade trinkt und frittierte Eier isst, mit dem Porträt seiner toten Frau redet und französische Erzählungen aus dem 19. Jahrhundert übersetzt (Balzac, Daudet und Maupassant), archiviert er alle unpublizierbaren Texte Rossis, zahlt ihn aus eigener Tasche fürs Nichtstun aus, empfängt ihn in seiner Wohnung und lädt ihn zum Essen ein, spricht mit seiner schönen Lebensgefährtin und findet für seinen obskuren argentischen Cousin eine diskrete Unterkunft (die er ebenfalls aus eigener Tasche zahlt). So tauscht er seine politische Indifferenz langsam gegen ein autonomes politisches Urteilsvermögen aus.

Tabucchi hat mit diesem Pereira eine fantastische Figur erfunden, die so kaum in der Geschichtsschreibung vorkommt, aber von der man so sehr unbedingt will, dass es sie häufiger gibt, dass man immer mehr an ihre äußerste Realität glaubt: den konservativen Revolutionär wider Willen. Eine Art nostalgische und reflektierende Neuausgabe des Soldaten Schweyk, ein Tollpatsch der Résistance. Einer, der linken Widerständlern hilft, obwohl er sich aus allem raushalten will, ein Anfangsquietist, der sich mit einem Salto Mortale ins Exil katapultiert. Im Laufe der Erzählung wird Pereira so immer weiter in den Sog der ihm eigentlich fernstehenden revolutionären Kräfte reingezogen, verkörpert von Monteiro Rossi (der wie ein lebendiges Monument immer nur mit vollem Namen hingeschrieben ist), seiner schönen Gefährtin Marta und seinem argentinischen Cousin, dessen Passfälscherkünste am Ende für Pereira eine unerwartet große Bedeutung bekommen werden…

Wie im Vorbeigehen erfahren wir dabei, was es heißt, ein moderner Mensch zu sein. Den modernen Menschen zeichnen demnach mindestens zwei Dinge aus: die permanente Reue vor einem unbestimmten Gegenstand (siehe Freud, Kafka, Thomas Mann) und das bange, aber teilnahmsarme Erwarten einer nicht weniger unbestimmten Katastrophe (siehe Benjamin, Spengler, H.G. Wells). Einsamkeit, Nostalgie und Gedanken vom Tod erweisen sich in dieser Meistererzählung als nur abgeleitete Phänomene jener beiden Grundpfeiler der modernen Lebenslage. Phantasielose Philister würden zwar einer solchen Ausgangssituation niemals zutrauen, dass sie politisch, dass sie überhaupt handlungswirksam werden kann, aber sie kann es, zumindest in diesem großartigen 200 Seiten-Roman.

Wie aus Apathie & Nostalgie Mut & Verantwortung werden kann, zeigt am deutlichsten eine der gegen Ende immer dichter aufeinander folgenden wunderbaren Szenen, nämlich der Moment, in dem Pereira, der bisher seine Beiträge und Übersetzungen unsigniert veröffentlichte, unter seinen letzten Artikel für den Lisboa seine unmissverständliche Unterschrift setzt: Pereira.

Ein paar Seiten zuvor eine weitere großartige Szene: Pereira erfragt ritualhaft bei Manuel, dem Kellner des Cafés Die Orchidee, die Neuigkeiten, die Manuel seinerseits von einem unbekannten Freund, der über BBC London das Weltgeschehen verfolgt, mitbekommt: Sie sagen, dass wir in einer Diktatur leben und dass die Polizei die Menschen in Portugal foltert. Was sagen Sie dazu, Doktor Pereira, Sie, die sich in solchen Dingen auskennen? Und Pereira sagt dann eben nicht mehr, dass er sich da raushält, sondern er sagt, dass dies zutreffend ist und dass die Menschen in Portugal im Jahr 1938 wie an so vielen Orten Europas nicht frei leben, sondern in Angst, Zensur und Lebensgefahr. Was für das Außen längst Gewissheit ist, muss von innen erst bestätigt, anerkannt, zugegeben werden. Wir erleben, wie sich die Diktatur von innen anfühlt, wie eine schon festgezurrte Gewaltstruktur diese Benennung von außen braucht, damit sie auch von innen volle Realität werden kann, wir erleben, wie schwierig es ist, sich zu dieser schon längst bestehenden Ernüchterung zu bekennen, diesen Moment der vollständigen Ohnmacht einzugestehen. Wir erleben, wie aus einem verstrickten Geschehen plötzlich eine erzählbare historische Tatsache geworden ist.

Erklärt Pereira ist nicht nur einer der schönsten Texte, die ich in letzter Zeit lesen durfte, sondern auch die kleine Notiz am Ende des Buches kommt ganz oben auf die Liste meiner Lieblings-Paratexte (von der ich erst jetzt erfahre, dass sie überhaupt existiert). Tabucchi erzählt dort, wie seine fantastische Figur, der anfangs unpolitische, übergewichtige und herzkranke Doktor Pereira, mit seiner Vorliebe für französische Literatur, Limonade und herzhafte Omeletts, eines Nachmittags zu ihm kam, auf der Suche nach einem Autor, und wie Tabucchi ihm zum Glück für uns alle seine Gastfreundschaft erwies. Man kann diesen kleinen Text hier nachlesen und man sollte es tun. Und damit: Gute Nacht!

Über Samir Sellami

istinalog.net
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