Ist eine Theaterprobe ein politischer Raum?

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Die Nachrichten in der letzten Wochen sind so deprimierend, dass alles, was ich hier auf diesen Blog schreiben könnte, mir nicht nur albern, sondern fast taktlos vorkommt. Wie Kichern in der Schweigeminute, schlechte Witze auf einer fremden Beerdigung. Ich will trotzdem ein paar Dinge zu einer Sache schreiben, die mir länger im Kopf herumgeht.

Teil unserer Gegenwart im Westen ist eine Sehnsucht nach gesellschaftlicher und politischer Veränderung, die immer lauter artikuliert, aber nie wirklich gestillt wird. In diesen Zusammenhang entwerfen viele Theaterschaffende – und zwar unabhängig von ihrer Ästhetik und ihrer Arbeitsweise – das Theater, im besonderen die Theaterprobe, als Gegenraum zur herrschenden Gesellschaftsordung, als Labor, in dem die Gegenwart auseinandergenommen und neue Arten des Zusammenlebens ausprobiert werden können. „Wie wollen wir leben?“ ist die Frage die sich seit Jahren in unzähligen Paraphrasen durch die Programm- und Spielzeithefte windet. „Wir brauchen dringend neue Utopien“ ist ein weiterer Slogan, der die Theaterprobe zum Ursprungsort politischer Visonen veredeln soll.

Trotz aller Einigkeit über die politische Misere kommen die unterschiedlichen Auffassungen von Theater natürlich auch in dieser Debatte zum tragen. Der schlimmste Vorwurf für einen Theatermacher scheint zu sein, seine Theater verhalte sich zu dieser Gesellschaft als affirmativ. So wirft, ganz grob vereinfacht, die freie Szene dem Stadttheater vor, es sei Stützpfeiler des bigotten Bürgertums, und das Stadttheater wirft der freien Szene vor, ihre postmodernen Selbstausbeutung mache sie zur Avantgarde des Neoliberalismus. Die Utopie ist immer nur bei einem selbst.

Nun ist aber die Behauptung, dass es uns gerade an Utopien mangelt, ein Trugschluss. Eine Utopie kann sich jeder beim Mittagessen ausdenken: Umweltschutz, Weltfrieden, Gerechtigkeit. Bumms. Da ist sie, die Utopie. Außerdem hätten wir noch gerne ein Schloss aus Kuchen und gebratene Hähnchen die uns in den Mund fliegen. Zack, die nächste Utopie. Auf die Frage „Wie wollen wir leben?“ antworten alle das gleiche: in einer gerechten, friedlichen Welt, wo jeder yadda yadda yadda. Die große Frage der Politik ist nicht, was wir wollen, sondern was wir mit den uns gegebenen Mitteln erreichen können. Die Frage ist nicht, ob wir eine Utopie haben, sondern mit welchem Scheitern der Utopie wir leben können. Die Utopie wird sich nie erfüllen, deswegen nennen wir sie ja Utopie. Welchen Teil des Traums sind wir bereit zu opfern? Wen sind wir bereit im Stich zu lassen?

Ich fand den Begriff „Zusammenleben“ immer schon problematisch, weil er uns suggeriert, dass man sich für die Organisation einer Gesellschaft auf die gleichen Mittel verlassen könne wie für die Organisation einer WG. Was völlig außer acht lässt, dass sich unsere Gesellschaft über riesige Fraktionen und komplexe Systeme wie Märkte, Datennetzwerke etc. organisiert, die mit menschlichen Beweggründen wie „Gier“ oder „Hass“ gar nicht mehr richtig beschrieben werden können. Dass man also versucht diese Bewegründe und interpersonelle Machtgefälle von der Probe zu verbannen, macht die Probe nicht zu einem Modell für Gesellschaft. Google hört nicht auf Google zu sein, weil dort hierarchiefreie Brainstormings stattfinden.

Am Stadttheater endet das ganze meistens so: Im Spielzeitheft sieht groß „Wie wollen wir leben?“, dann spielt man ein Stück wie „Kabale und Liebe“ und kommt dann zu dem Schluss „So nicht!“

Wenn das Theater sich bewusst zur Gesellschaft verhalten will, muss es sich fragen, was es eigentlich für Möglichkeiten hat.

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