Fußball

Eine wenig überraschende Nachricht: Heute beginnt die Fußball-WM. Trotz der Begleitumstände, die eigentlich keine Begleitumstände sind, sondern ins Herz der Sache treffen, freue ich mich natürlich. Man kann kaum seine Jugend auf Sportplätzen teilverplempert haben, ohne mit Spannung und Vorfreude auf eine Fußball-Weltmeisterschaft vorauszublicken, auch wenn sie von einem verbrecherischen, mafiösen und menschenverachtenden Konzern veranstaltet und von ignoranten, dümmlichen und augenverbundenen Funktionären verwaltet wird.

Eingesunkene Erinnerungen einer mir heute oft fernen Kindheit: Der frische Duft von nassem Gras, barfuß über den Rasen schlittern, die völlige Verausgabung unter der glühenden Sonne, alle Sorgen, die du als Kind so mit dir rumschleppst, für den Moment vergessend, Pause machen im Schatten, wo dir der Großvater Erfrischungen spendiert, in seiner unermüdlichen Großzügigkeit immer ein wenig mehr, als du bestellst, die erste rote Karte, wenn deine Hand plötzlich kopflos den Ball auf der eigenen Torlinie spielt, die erste Fußball-WM im krisseligen Fernseher deiner tunesischen Großmutter, auf selbst geknüpften Teppichen liegend, von Fliegenschwärmen belagert wie ein Scheißhaufen, die Hitze im Nacken, den sich überschlagenden Kommentar des arabischen Reporters, brausend und unverständlich in den Gehörgängen.

Fußball ist, wenn man eine minimale Begabung mitbringt, sicher eine der einfachsten schönen Dinge, die es gibt, man braucht fast nichts und bekommt dafür einiges (vorübergehende Befreiung, begrenztes harmloses Glück, Gemeinschaft). In seiner Reinform steht der Fußball, wie jeder aufs Elementare reduzierte Sport, quer zur Logik des Kapitalismus. Während diese durch das Begriffspaar Akkumulation und Expansion bestimmt ist, herrschen im reinen Sport die Gesetze von Akkumulation und Reziprozität. In gewisser Weise auch das Regime der Selbstgenügsamkeit. Man soll zwar den Erfolg wollen, aber nur um seiner selbst willen und nicht um jeden Preis, vor allem nicht um den der Auslöschung und unfairen Ausschaltung anderer.

Das Problem ist nun, dass eine Organisation wie die FIFA, im Verbund mit Fernsehsendern, Getränke- und Sportbekleidungsherstellern, Regierungsorganisationen usw., den Fußball zum einen vollständig kapitalisiert und eigentlich nur als Vorwand benutzt, um andere Interessen (Macht, Einfluss, Geld, das Übliche) zu verfolgen, zum anderen aber nicht so weit geht, die Möglichkeit echter, authentischer, fairer, magischer und transzendenter Momente völlig auszuschalten. Das befördert den Genuss trotz des sicheren Wissens um die Scheiße, die sich nicht nur im Hintergrund, sondern im Kern des Geschehens abspielt, und das erschwert den effektiven Widerstand, die Verweigerung weiterzuschauen, den Boykott. Im Radsport z.B. ist das anders, dort ist die Popularität des Sports durch die anhaltenden Doping-Skandale wirklich bedroht, und so wird der Weg zu Reformen zumindest ein wenig wahrscheinlicher.

Da man in Funktionärskreisen genau weiß, dass das Einzige, was dem Fußball nachhaltig schaden kann, in der Bedrohung seiner immer noch möglichen Transzendenz liegt (die z.B. durch Doping zurück auf den Boden der Tatsachen gezogen wird), zielt alle interne Kritik an der FIFA und am Weltsystem Blatter letztlich auf Bewahrung, Rettung und Beförderung der Reputation. Und das natürlich nur denjenigen gegenüber, die eigentlich gar nicht direkt betroffen sind, aber Zugang zu belastendem Material haben. Ein wenig so, als ob die italienische Mafia in Universitäten der Ivy League auf Charmeoffensive geht.

Wenn die Arbeitsverhältnisse in Katar angeprangert werden, dann nicht aus Mitleid oder Solidarität, sondern weil man befürchtet, dass die Situation dem Ruf des Fußballs schaden könnte. Wenn die Proteste in Brasilien gewürdigt werden (wie von Scolari, immerhin), dann folgt sofort der Verweis, dass man sie doch bitteschön auf nach der WM verlegen soll, um die Vorbereitungen der Brasilianer nicht zu hemmen.

Immer geht es darum, die Abläufe nicht zu stören. Reibungslos muss alles sein, als ob Reibung nicht eine notwendige Vorbedingung relevanter sportlicher Performance sei. Das Ganze dabei oft in einem Tonfall der Hypernaivität, die nicht einmal auf die Idee kommt, sich vom Zynismus freizusprechen. Man denkt (in einem anderen, aber doch vergleichbaren Kontext) noch nicht einmal darüber nach, welche Unmenschlichkeit in einer Aussage stecken kann, die nach dem Unfall im deutschen Trainingslager versichert, dass man hochkonzentriert und ruhig weitergearbeitet habe. Man geht anscheinend wirklich davon aus, dass der deutsche Fußballfan auf eine solche Aussage hin beruhigt aufatmet und sich sagt: „Gott sei Dank, der schusselige, überfahrene Wandersmann in Südtirol hat unsre Jungs nicht aus dem Gleichgewicht gebracht!“ (Und man liegt mit dieser Vermutung höchstwahrscheinlich, leider, nicht unbedingt falsch.)

Die uneingeholt vorherrschende rhetorische Strategie im zeitgenössischen Fußball ist nicht, wie man durchaus denken könnte, die Provokation oder die leere Worthülse, sondern die Entschärfung. Immer geht es darum, möglicherweise Bedrängendes als halb so wild abzutun, zu neutralisieren. Dahinter steht die Rückführung der Fußball-Rhetorik auf die Pragmatik der kapitalistischen Arbeitswelt. Es grenzt nicht nur an eine Farce, wenn Marco Reus nach seiner Verletzung kurz vor WM-Beginn erstens schreibt, dass er natürlich unbeschreiblich enttäuscht sei, dann aber sofort entschärft, dass er auch an die Zukunft denke, sich in Zukunft auf seine Reha konzentriere und in Zukunft so hart an sich arbeite, damit er in der Zukunft umso stärker zurückkommen kann.

Ob der echte Marco Reus oder irgendein PR-Honk die Meldung geschrieben und durch die Kanäle der sogenannten sozialen Medien gefeuert hat, spielt dabei überhaupt keine Rolle. Es geht allein darum, dass das Schema erfüllt wird, nachdem auch im Moment der größten Enttäuschung die rettende Zukunftsperspektive nicht aus dem Blickfeld gerät. Ins Groteske gesteigerter Selbstoptimierungswahn ist die Folge und die Fußballer erfüllen tatsächlich ihre zweifelhafte Vorbildfunktion, die ihnen notorisch abverlangt wird: als hart arbeitende, völlig aus der kritischen Teilhabe an Öffentlichkeiten zurückgezogene, permanent an der individuellen Leistungsgrenze operierende Freelancer, für die sich selbst Krankheiten und Auszeiten noch auszahlen müssen, da sie im Moment der Rückkehr doppelt effektiv in ökonomischen Mehrwert umgesetzt werden können. Das predigt zumindest die Verheißung.

Völlige Niedergeschlagenheit und das Eingestehen auswegloser Lagen haben dagegen im Fußball, genau wie in der modernen Arbeitswelt, selbstverständlich keinen Platz. Daher ist dieser Sport, genauso wie die Arbeitswelt, ein ungemein hartes Pflaster für Melancholiker und Depressive, deren kreative Potentiale, um die alle Kulturen seit Jahrtausenden wissen, in den Zahnrädern der Funktionäre zerrieben werden.

Da der Fußballer überhaupt kein Profil zeigen darf, das irgendjemandem auch nur potentiell vor den Kopf stoßen könnte, da man aber zugleich in einem Geschäft lebt, in dem alle Indizien von Emotionalität und Individualität hoch gehandelte Werte sind, braucht der Fußball seine Karnevalsmomente, und man feiert, wenn Kahn, Sammer oder Klopp mal wieder ausrasten, wenn Mourinho einen Journalisten auflaufen lässt, wenn man mit endlos wiederkehrenden Zeitlupenbildern von auf die Bühne verbannten Trainern die Löcher der eineinhalbstündigen Nachberichterstattung stopfen kann. Ein anderes und vielleicht das bunteste, sichtbarste Zeichen der karnevalesken Kompensation ist übrigens ganz eindeutig die Tätowierung. Die Dichte, mit der sie Fußballkörper bedeckt, steigt proportional zur Abwesenheit echter Markanz.

***

Am Ende von seicht intellektualisierenden Fußballartikeln, die nicht nur Spielszenen Revue passieren lassen, heißt es gern: „Fußball gespielt wird übrigens auch noch (in Brasilien).“ Da auch mir nichts besseres einfällt, werde ich mich dieser Konvention beugen: Sportlich gesehen wird es eine WM der Favoriten, auch wenn Minoritäten-Nostalgiker die Suche nach Geheimfavoriten nicht aufgeben wollen. Belgien wird im Achtelfinale an Portugal scheitern, Frankreich ohne Ribéry keine großen Sprünge machen, Kolumbien trotz Staraufgebot in der Offensive insgesamt zu schwach sein. Die einzige Mannschaft, die neben den Topfavoriten etwas reißen könnte, wäre Kroatien, wenn sie nicht schon im Achtelfinale auf Spanien treffen würden. Die Spanier werden später Weltmeister, im Endspiel gegen Brasilien. Deutschland kommt ins Halbfinale, gewinnt aber nicht den Titel, niemals, solange Löw Trainer bleibt, das ist ja mittlerweile fast schon Konsens, trotzdem nicht weniger wahr.

Ich werde mir ein paar Spiele ansehen, ein paar nicht, und mich zum x-ten Mal über die Nano-Slomos aufregen, die jeden Körperkontakt so aussehen lassen wie ein von langer Hand geplantes Attentat auf Leib und Leben des Gegners. Und in der Zwischenzeit hoffentlich Zeit für den ein oder anderen Blogpost finden, der ein wirklich wichtiges Thema zum Gegenstand hat.

Über Samir Sellami

istinalog.net
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Eine Antwort zu Fußball

  1. Alejandra Janus schreibt:

    Wunderbarer Artikel!!!

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