Wer wirklich von Überwachung betroffen ist

Im Zuge eines Theaterprojekts mit Laien arbeite ich mit einer Tunesierin zusammen, die seit dreißig Jahren in Deutschland wohnt. Nachdem sie mich von oben bis unten vollgetextet hat über den Wasserrohrbruch in ihrer Wohnung, die Mädchengeschichten ihres jüngsten Sohnes und ihre verschollene Super-8-Kamera, fällt bei ihr beiläufig der Satz „Als das rausgekommen ist mit Snowden, das hat mich nicht beunruhigt. Ich mache alles weiter wie vorher. Die wissen alles über mich. Ich weiß schon lange, dass die mich beobachten.“

David Simon, Showrunner der Serie „The Wire“, nannte die Enthüllungen Snowdens in Anlehnung an den schwarzen Komiker Paul Mooney einen „N***er Wake-Up Call“. Das ist der Moment, an dem die weiße Mehrheitsgesellschaft erfährt, dass die Dinge, von denen sie ausgeht, dass sie nur den unterprivilegierten N***ern der Gesellschaft angetan werden, auch sie selbst betreffen. Wo die Mehrheit etwas begreift, was die Minderheit schon lange weiß.

Ein Bekannter von mir, der Autor Kristo Šagor, schreibt für Zeit-Campus einen Artikel der die uninformierte Panik nach dem Weckruf perfekt verdeutlicht. Es ist ein Artikel, und das muss ich sagen, obwohl ich Kristo sehr mag, den ich ob seines triefenden, paranoiden Narzissmus kaum zu Ende lesen konnte.Gleich an dem Tag, als Edward Snowden weltberühmt wurde, habe ich die Kamera meines Laptops zugeklebt“ lesen wir dort, und im gleichen Stil geht es weiter.  „Eine Kommilitonin schrieb mir vor Jahren urplötzlich zehn Seiten lange Briefe, in denen sie ausführte, die Handys würden nur unters Volk gebracht, damit alle freiwillig die Satelliten mitfinanzierten, die zu kriegerischen Zwecken gebraucht würden. Damals war ich mir ziemlich sicher, dass sie unter einer kreativen Form von Verfolgungswahn litt. Einige Wochen später kam sie tatsächlich in die Psychiatrie. Vielleicht hat sie dennoch recht?“ Nein. Mobilfunk läuft nicht über Satelliten, es werden also auch keine Satelliten darüber finanziert. Und, ja, das Ausmaß der Überwachung ist viel größer, als die meisten dachten, das heißt aber nicht, dass jede abstruse Theorie von jetzt an unter Wahrheitsverdacht zu stellen ist.

„Nun haben NSA, BND und so weiter auch noch die Namen (fast?) aller Menschen, bei denen ich mich verstecken könnte, wenn ab morgen Blauäugige interniert würden oder Menschen unter 1,75 aussortiert.“ Kristo ist Autor, und die leicht humorvolle Hyperbole ist hier offensichtlich das gewählte Stilmittel. Aber selbst wenn die Furcht vor der Unterdrückung Blauäugiger und Unter-1,75-Menschen nicht ganz ernst gemeint ist, müsste nicht die Tatsache, dass er sich zur Illustration seiner Ängste ein Verfolgungsszenario komplett an den Haaren herbeiziehen muss, ihm etwas über eben diese Ängste erzählen?

Ich habe letztes Jahr versucht zu erklären, warum ich 1984 von George Orwell nicht für eine geeignete Metapher für die NSA halte. Noah Berlatsky macht bei The Atlantic einen sehr viel besseren Job:

Orwell’s dystopia doesn’t acknowledges the existence of race or religion as vectors of oppression, and hardly touches on class except to suggest that the proles experience less surveillance than do Party members. In many ways, the horror of 1984 is not so much the vision of total oppression as it is the vision of total oppression visited on “normal” white English people. […]

Using Orwell to understand NSA spying, then, ends up functioning as a distortion by metaphor. It suggests that all of us are equally targeted, and that the problem is that all of us are equally targeted—that middle-class non-marginal people are going to be stomped by Big Brother. The truth, though, is that the NSA data will likely be used primarily, as it always has been, against the [underprivileged]—which is why we need to try to find a metaphor that addresses not just liberty, but justice.

 

 

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Eine Antwort zu Wer wirklich von Überwachung betroffen ist

  1. 500woerterdiewoche schreibt:

    Aber vielleicht braucht die privilegierte Mittelschicht das Gefühl, selbst im Fadenkreuz zu stehen, um Überwachung überhaupt als Unrecht zu empfinden? Das mit der Empathie funktioniert ja offensichtlich nicht, sonst würde Ungerechtigkeit nicht immer mit dem „betrifft mich nicht, also kann’s ja nicht so schlimm sein“-Achselzucken abgetan.

    Ich habe so oft gehört, dass, wer nichts zu verbergen, der auch nichts zu befürchten hat – offensichtlich können wir uns nicht vorstellen, wie es ist, etwas zu befürchten zu haben, ohne etwas angestellt zu haben, einfach qua Minderheitenzugehörigkeit. Vielleicht könnte es da der Vorstellungskraft auf die Sprünge helfen, wenn die Mehrheit plötzlich den Druck des Generalverdachts spürt?

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