Gibt es eine europäische Literatur?

Nach langer Schreibpause auf ISTINA melde ich mich zurück mit ein paar Eindrücken von der Europäischen Schriftstellerkonferenz, im Rahmen einer großen Europakonferenz, die heute und gestern in Berlin am stattfinden ist, wie die Rheinländer sagen. Das Ganze vollzieht sich im Forum der Deutschen Bank, veranstaltet von der Alfred Herrhausen-Gesellschaft; altes Sandsteingemäuer, Glasdach, weiße Bestuhlung, schwarzer Teppichboden, dessen glatte und unversehrte Oberfläche in der Pause wie beim Eiskunstlaufen von Reinigungskräften wiederhergestellt wird. »TraumWirklichkeit«, das Motto der Tagung, schwingt digital auf zwei rechts und links neben der Bühne schräggestellten Screens.

Das Programm ist mehr als ambitioniert, in jedem Panel sitzen fünf Personen plus eine Moderatorin plus eine Person, die einleitet, begrüßt, vorstellt, zitiert. Die Panels tragen erwartungsgemäß Titel wie Europa aus der Sicht der Anderen, Kann die Literatur ein neues Europa schaffen?, Grenzen in Europa. Es geht um Identität, Gewalt, Tradition, die großen Katastrophen europäischer Geschichte, die Übermacht der Ökonomie, die Bedeutung der Religion. Der Name Frontex fällt 5 oder 6mal; der Name Berlusconi 3mal, Barroso ebenso oft; im Plädoyer eines schwedischen Teilnehmers, dessen Deutsch in die unverwechselbare Aristokratie schwedischer Färbung gehüllt ist, fällt sogar, unverhofft, das Wort Werte; die Nennung von Krieg, Erinnerung, Zukunft und Integration ist nicht zu zählen; der Begriff Postkolonialismus wird, wenn ich richtig aufgepasst habe, einmal ausgesprochen (von einem Franzosen in englischer Sprache).

Beim Durchgehen meiner Notizen, die während der Diskussionen an einem wackligen Stehtisch entstanden sind, finde ich ein paar nennenswerte Sachen. Michael Schischkin und Lal Laleš scheren aus der sonst vorherrschenden Nähe zur Tagespolitik aus und sagen Sätze wie »Ich habe immer nach einer Sprache gesucht, die zwischen den Menschen und den Tod treten könnte«(Laleš). Und: »Es ist nicht die Aufgabe des Schriftstellers, irgendein Projekt zu verteidigen, geschweige denn das europäische. Wenn ich Tolstoi lese, werde ich ein wenig unsterblich, und wenn ich es schaffe mit meinen Büchern, das zu erreichen, dass der Leser auch ein wenig unsterblich wird, dann habe ich mein Ziel erreicht.« (Schischkin) Schischkins Elaborationen geistreicher Weisheiten, die so wohl keinem der poststrukturalistisch intoxierten Westeuropäer über die Lippen käme, wirken dennoch etwas gelangweilt, und letztlich kommt er in seiner Verteidigung eherner Schönheiten und der Polemik gegen eine Literatur in zu großer Alltagsnähe nicht über die Rolle des Heiratsvermittlers sorgsam ausgesuchter Sentimentalitäten hinaus.

Mehr oder weniger sorgsam ausgesucht sind auch die rührenden Tier- und v.a. Vogelmetaphern, die zur Charakterisierung des Schriftstellers und seiner Aufgabe bemüht werden: Richard Swartz vergleicht den Schriftsteller mit einer singenden Amsel, aber ich komme zu spät, um der schon laufenden Diskussionen noch einen hinter- oder andersgründigen Sinn zu entlocken. Seyhmus Diken, auf Türkisch publizierender kurdischer Schriftsteller, vergleicht seine Situation mit einem Kanarienvogel, der für einen Wettbewerb die Nachtigall imitieren muss und dabei den Wettbewerb gewinnt. Tilman Spengler, bauschige weiße Augenbrauen, kauziger Charmeur, über die Jahre krumm gelesener Körper mit Überlebensspuren schelmischer Neugier, erinnert an den Affen und den Fisch, die in den frühen Morgenstunden, vor meinem Erscheinen, wohl schon einmal eine rhetorische Rolle zu spielen hatten.

Für mich und wohl viele andere eine Besonderheit war der Auftritt des Roma-Schriftstellers Jovan Nikolič, der eine Bestandsaufnahme der Roma-Literatur anskizziert und an den eigentlich selbstverständlichen Sachverhalt erinnert hat, dass es auch innerhalb der Roma-Kultur Differenzen, Dialekte, Hybriditäten gibt. Leider blieb sein Referat sehr kursorisch, aber als Anstoß genug, von nun an selbst nach Roma-Autoren zu suchen und sich weiter zu informieren, z.B. hierhier oder hier.

In den Fluss der Gespräche fällt das ein oder andere aufschreibwürdige Bonmot. Die auf fast entmutigende Art und Weise brillante Carolin Emcke z.B. sagt, mit einem Blick, der auf 11 Meter Entfernung zwei Quitten zerstoßen könnte, den wunderbaren Satz: »Bei der Zunahme an Homophobie nicht nur in Westeuropa, sondern auch hier in Westeuropa werde ich sozusagen mit jedem Tag schwuler und lesbischer.« Und gräbt einen wunderbaren Begriff von Jean Améry aus, der den Tätern der Geschichte einen einzigen Namen gibt: die Ungeprügelten. Deniz Utlu twittert dazu den klugen Satz: »womöglich existiert auch ein Monopol des Verletzens auf der Stelle der Ungeprügelten«. In Anbetracht der Komplexität, mit der (nicht nur) in der europäischen Geschichte Konfliktenergien transferiert worden sind, wäre hinzuzufügen: Leider haben zudem die bis dato Geprügelten die Tendenz, sich zum Abbau ihrer Aggressionen eigene Prügelobjekte zu suchen, nicht zuletzt, weil die Kultur ihnen zum Aggressionsabbau wenig andere Optionen anbietet als Rache und Unterdrückung. Wie genau Gewalt in der soziokulturellen Ökologie Europas von oben nach unten durchgereicht wird, wird seltsamerweise nicht thematisiert.

Die Diskussionen ist bei all dem zwar auf keinem niedrigen Niveau, aber es könnte auch weit höher sein, gemessen an der illustren Komposition der Teilnehmerinnen und Zuhörer. Ich bin einer der letzten, der eine Aufgabe von Höflichkeiten verlangt, aber ein wenig kontroverser könnte es schon zugehen. Oder wenn schon nicht kontrovers, dann wenigstens so, dass man sich gegenseitig zu intellektuellen Höchstleistungen hochschaukelt, worauf offenbar nur Carolin Emcke wirklich Bock hat. Die Ultrarechten über die hier rauf- und runtergewettert wird, sind glücklicherweise abwesend, und man fragt sich, was die unbequemen Gedanken für die Zukunft Europas sein könnten, die sich die Le Pens, Orbáns und Kotlebas nicht auf ihre dreckigen Fahnen schreiben können. Viele der Aussagen bleiben daher wohlmeinend, aber wirkungslos. »Das wissen wir doch alle«, der Satz des genervten Vollblutdichters Schischkin, gibt den Subtext zur Mehrzahl der Statements.

Viele wahre Gemeinplätze werden ausgetauscht, wahr und vielleicht sogar notwendig in einem anderen, weniger intellektuellen Kontext, aber hier bleiben sie doch farblos und blass. Mir fehlen vor allem drei Dinge, über die kaum gesprochen wird: Erstens ist die ganze Diskussion gemünzt auf den Menschen. Die Bemühungen, Differenzen und Regionalismen herauszuarbeiten, Minderheiten sicht- und hörbar zu machen, sind zwar da, aber von einem ärgerlichen, einschläfernden, denkfaulen Humanismus umzäunt. Damit verbunden ist der zweite Punkt, denn mit der Frage nach der Zukunft Europas sehen wir uns nicht nur mit einer erheblichen soziokulturellen Herausforderung konfrontiert, sondern mit einer mindestens ebenso großen materiellen, ökologischen Herausforderung. Die präzise und aktive Rolle materieller Dinge, von gewissen chemischen Zusammensetzungen über Plastik und Metall hin zu Datenkomplexen und ihrer Zirkulation – das überhaupt als Problem anzuerkennen, zu analysieren, zu verstehen, Geschichten davon zu erzählen, mag eine äußerst schwierige Angelegenheit sein, aber was, wenn nicht die literarische Phantasie, kann sich ihr überhaupt stellen?

Das führt direkt zum dritten Punkt. Wir befinden uns ja trotz allem auf einer Schriftstellerkonferenz und dafür wird erstaunlich wenig über Literatur geredet. Wir müssen…es sollte…man müsste…es braucht… Viel Utopie, viel Manifestartiges, viele Worthülsen, viel ehrlich geäußerte Überzeugung, wenig konkrete Erfahrung, wenig Geschichten, wenige Details. Wenn überhaupt um Literarisches geht es um die rhetorisch aufgepeppte Variante von Binsenweisheiten oder um neue Narrative, um neue europäische Mythen, die eine Grundlage unseres Zusammenlebens stiften sollen. Aber wir brauchen keine neuen Mythen, sondern neue Poetiken. Neue Verfahren, Kompositionsstile, Gattungsvielfalt und Mehrsprachigkeit, eine neue Performativität, die Annäherung der Literatur an andere Künste, den Austausch mit Formen sozialer Arbeit. Wie könnte eine europäische Poetik aussehen? ist der Titel eines imaginären Panels, das ich mir für die Zukunft wünsche.

Aber es nützt ja nichts Trübsal zu blasen. Viel eher sollte man sich überlegen, mit welchem der Partygäste in den Kaffeepausen ein Plausch zu halten wäre und welche Taktiken dabei anzuwenden sind. Ich könnte mich zum Beispiel kurzfristig als fanatischer Anhänger John Burnsides und Liebhaber alles Schottischen ausgeben, um mit derjenigen gewaltigen Erscheinung ins Gespräch zu kommen, die soeben, ein Stück Baumkuchen zwischen den glänzenden Fingern haltend, den lebensverändernden Satz ausgesprochen hat: »If you have an idea – just write it down.« Ich bin ja guter Dinge, da ich bereits nach der ersten Pause mit einer südafrikanischen Dichtergattin gechattet habe, die mir erzählte, dass sich die junge Generation in ihrem Land Afrikaans wiederangeeignet hat, um es mit gelassener Hipster-Attitüde durch die Straßen von Kapstadt und Johannesburg baumeln zu lassen. Ich könnte also einen Schritt weiter gehen und Moritz Rincke fragen, ob sich die Autorenfußballnationalmannschaft, »ein Kleintierzüchterverin mit dem selten beknackten Namen Autonama« (Zitat: Herrndorf), bereits auf das Erich-Mühsam-Gedächtnisturnier vorbereitet, wo sie auf meine Mannschaft mit dem ungleich klangvolleren Namen Karkossa treffen wird, oder ob sie ihre ganze Konzentration aktuell noch auf die Autoren-WM in Brasilien verwendet. Ich könnte Carolin Emcke fragen, ob sie vielleicht ein Buch mit mir schreiben will, in dem die Tyrannei der spezifischen Erinnerungspraxis, die unsere gesamte Kultur in Geiselhaft hält, endlich zerflext wird. (Ich ertrage es nämlich langsam nicht mehr, dass in sämtlichen relevant klingenden Diskussionen auf unserer europäischen Insel die falsche Alternative zwischen Nazitum und Erinnerungskultur enger und enger festgezurrt wird.)

Da das eigentlich Spannende auf solchen Veranstaltungen eh jenseits der Bühnen geschieht, in den Verspannungen der Zuhörergesichter, im Geplätscher der Pissoirs, im Network-Gemurmel des Foyers, zwischen Quiche in Mikrogröße und sanft verdünntem Kaffee wäre die vielleicht angemessenere Form, von einer solchen Veranstaltung zu berichten, natürlich die der intellektuellen Gazette. (Nebenbei bemerkt: Der Mangel einer Regenbogenpresse für Intellektuelle ist ein zutiefst beklagenswerter Zustand.)

Flirtende im Partner-Look? Was geht nicht nur intellektuell zwischen Carolin Emcke und Antje Ravič Strubel? Zeitlos schick: Dr. Anna Herrhausen lauscht gebannt den engagierten Diskussionen. Stippvisite: Iris Radisch schaffte es ganze eindreiviertel Minuten zur Europa-Party – bevor es weiter geht zur Re:publica, wo sie weitere 43 Sekunden blieb. Dünn aufgetragen: Marie Pohl mit für den Anlass angemessener, dezent-lasziver Lippenstiftstärke. Endlich!: Mein erster Selphi mit der bezaubernden Meli Kiyak. Romanische Eleganz: Camille de Toledo konterkariert seine trübe Poetik des Taumels mit der Klarsichtigkeit einer Tom-Ford-Brille.

Im Übrigen hat die Literatur ja eine Botschaft und die lautet: Alles ist erfunden. Alles, auch die Realität, würde man an dieser Stelle für gewöhnlich sagen. Aber vielleicht muss sich eine Poetik des 21. Jahrhunderts, sei sie nun europäisch oder nicht, an die leicht veränderte Schlussfolgerung halten: Alles ist erfunden. Auch die Erfindung.

Wer also wissen will, was wirklich los war und ist, bei dieser Europäischen Schriftstellerkonferenz, der lese das Buch Der Literaturkongress, von César Aira.

Über Samir Sellami

istinalog.net
Dieser Beitrag wurde unter Hors Catégorie abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Gibt es eine europäische Literatur?

  1. Pingback: Sonntagsleser: Blog-Presseschau 11.05.2014 (KW19) | buecherrezension

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s