Warum ich mich nicht mehr empören kann

Ryan Holiday hat für BetaBeat einen lesenswerten Artikel über das geschrieben, was er „Outrage Porn“ nennt. Empörungspornographie. Auch ohne seinen Artikel zu lesen, wird jeder wissen, was gemeint ist.

Eine der Vorwürfe an die Gegenwart, die ich noch nie verstanden habe, ist, dass sie bestimmt sei von einer großen Gleichgültigkeit gegenüber sozialen und politischen Problemen. Ich habe das noch nie so empfunden. Noch nie. Der Grund, warum die meisten schwerwiegenden Probleme weiterhin ungelöst bleiben, ist nicht, dass es zu wenig moralische Empörung gäbe. Der Grund ist, dass Empörung allein diese Probleme eben nicht löst. Die Vorstellung, dass man den öffentlichen Raum nur lange genug mit hypermoralischen Appellen befeuern müsse, bis der Großteil der Bevölkerung die Wahrheit erkennt und dann beginnt sein Handeln zu ändern, ist falsch. Wenn dem so wäre, unsere Probleme hätten sich schon vorgestern in Luft aufgelöst. Außerdem heißt der Abschied von der Gleichgültigkeit ja nicht zwangsweise, dass man dann auch zu den richtigen Schlüssen kommt. Mehr wirkliche Gleichgültigkeit würde unserer politischen Diskussion gut tun. Denn unser Feind sind nicht die Gleichgültigen, sondern die, die mit fehlgeleiteter Empörung ihre eigenen Pfründe verteidigen.

Darüber hinaus hat Empörung, in der Dosis, in der wir sie uns gerade verabreichen, einige heftige Nebenwirkungen. Die erste ist, dass alles gleich wichtig wird. Ein sexistischer Tweet wird genauso schlimm wie eine Gruppenvergewaltigung in Indien, die Steuerschuld von Uli Hoeneß wird genauso schlimm wie der Klimawandel. Ich werfe niemandem vor, ernsthaft zu glauben, dass diese Dinge vergleichbar sind. Aber weil sie den gleichen Raum in der öffentlichen Debatte einnehmen, weil sie in der gleichen Geschwindigkeit durch den Durchlauferhitzer gejagt werden, werden sie effektiv als Gleiche behandelt. Und das wirkt sich für die tiefergehenden, systemischen Probleme eindeutig zum Nachteil aus. Die zweite Nebenwirkung ist, dass wir nicht mehr genau hinsehen. Sobald ich mich beginne zu Empören, ist die Beweisaufnahme beendet und das Urteil gefällt. Eine gefakte Story über den sofortigen Weltuntergang durch Nuklearstürme aus Fukushima hat das gleiche Gewicht wie tatsächlichen Machenschaften von Monsanto. Verschwörungstheorien über den elften September haben das gleiche Gewicht wie Berichte über das tatsächlich existierende US-Drohnenprogramm.

Die dritte und schlimmste Nebenwirkung: Empörung macht abhängig. Weil Empörung Spaß macht. Weil es ein gutes Gefühl ist, seinen Ärger ungefiltert rauszulassen, auf der richtigen Seite zu stehen und andere moralisch zu verurteilen. Natürlich gibt es genug Leute, die diese Verurteilung mehr als verdient haben. Aber wenn wir behaupten, wir empörten uns nur der Sache wegen, und nicht auch, weil wir uns in der Rolle des moralischen Anklägers gefallen, machen wir uns etwas vor. Wir besaufen uns so lange an der eigenen Gerechtigkeit, bis wir den Blick für das Wesentliche vollkommen verloren haben.

Wie also können wir Empörung vermeiden, ohne in allerschlimmstes Wischi-waschi-„Jeder hat irgendwie ein bisschen recht“- Geseiere zu verfallen? Ich muss an Samir denken, der als Kommentar auf eine meiner Tiraden schrieb: „Tendenziell wäre die Aufgabe an dich noch schärfer und böser zu sein, aber weniger aggressiv zu formulieren.“ Eine Aufforderung, die ich ihm gerne bei ein paar unserer Kneipengespräche zurück gegeben hätte. Ich muss an den Blogger Ta-Nehisi Coates denken, der es schafft, ohne einen Hauch von Empörungsakrobatik so über Rassismus in den USA zu schreiben, dass man sich als nächstes das Herz mit einem stumpfen Messer aus der Brust schneiden möchte.

Ich schließe nicht aus, das die Welt mal ein gerechter Ort wird, aber sie ist es bis jetzt noch nie gewesen. Das heißt, die angemessene Reaktion auf Gräuel und Unrecht ist nicht Schock und Entgeisterung, sondern Analyse und Einordnung. Niemand kann von der Schlechtigkeit der Welt überrascht sein. Wenn wir kämpfen für eine gerechte Welt, dann muss uns klar sein, dass wir einen Zustand herbeiführen wollen, den es bis dato noch nie gegeben hat.  Das muss der Ausgangspunkt für unsere Debatten und Strategien sein. Alles andere ist bloß Empörung.

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14 Antworten zu Warum ich mich nicht mehr empören kann

  1. Pingback: Die Sonntagsleserin #KW12 | Literaturen

  2. 500woerterdiewoche schreibt:

    Aber gerade Analyse und Einordnung wird durch diese alles durchdringende Empörung erschwert. Jeder Versuch einzuordnen wird ganz schnell mit der „du findest das nicht schlimm genug“-Keule gekontert, und jede analytische Diskussion ganz schnell niedergebrüllt. Nicht überall, zum Glück, aber ich habe das Gefühl, je größer ein Forum, desto schneller eskaliert die Empörung.

    Die Frage, die sich mir stellt, ist halt, was ich persönlich dagegen tun kann. Nicht miteskalieren, gut, und dann? Wie deeskalieren? Einfach die Klappe halten ist ja auch keine Lösung. Wenn alle, die an einer Veränderung interessiert sind, die Klappe halten, zementiert das auch nur den status quo.

  3. alphachamber schreibt:

    Ihre Einstellung über die Empörung ist natürlich korrekt. Das Begriff ist eine wertlose Emotion und Alibi der Scheinheiligen.
    „Wenn wir kämpfen für eine gerechte Welt, dann muss uns klar sein, dass wir einen Zustand herbeiführen wollen, den es bis dato noch nie gegeben hat.“ Hier beginnen meine Bedenken. Um es kurz zu halten, lesen Sie bitte unter dem Link:
    http://liberalerfaschismus.wordpress.com/2014/03/22/gute-taten-sind-das-gleitmittel-des-bosen/#comment-494
    Nette Grüße

  4. Visionary-utopist schreibt:

    Interessante Gedanken, wie ich finde … Denn richtig Empörung, Aufschreien haben noch nie etwas geändert. Doch sie haben ihre Berechtigung: Nicht nur das Menschen sich besser fühlen, sondern dadurch bekommt ein Problem zunächst die Aufmerksamkeit einer breiteren Bevölkerung. Der Normalbürger ließt, hört schimpft über die Ungerechtigkeiten der Welt und fühlt verbunden mit denen, die die gleiche Sichtweise haben. Da kommt ein Gemeinschaftsgefühl auf. Aber man fühlt sich auch immer machtloser, immer kleiner im Vergleich zum Ausmaß der Probleme in der Welt. Daher wendet man sich vom Großen ab und wieder dem Überschaubaren zu – den Dingen des Alltags. Denn was oft fehlt bei denen die sich empören und nach Veränderungen rufen, sind neue Wege zu zeigen.
    Daher denke ich Empörung ist wichtig, jedoch es fehlt nicht nur an der Analyse und Einordnung sondern an Überlegungen für Lösungswege. Auch diese würden dann ein- und zugeordnet werden – ob plausible, möglich oder nur wünschenswert. Es bedeutet als sich empörender langfrsiter zu denken und nicht nur an das was gerade ist.
    Dann wird Empörung zu dem was es ist – ein kurzer Aufschrei der Aufmerksamkeit erhascht und nur der Einstieg zu Veränderungen, die Notwendig sind.

  5. summacumlaudeblog schreibt:

    Sehr wahr geschrieben, ich spreche dann gerne von der Empörungsindustrie mit zweistelligen Wachstumsraten.
    Leider hat aber 500wörterdiewoche ebenso recht: Wer sich nicht schnell genug mit erregt, sondern zunächst einmal die Befunde sprechen lassen will, erst einmal wissen will, was passiert ist und wie das Geschehene eigentlich funtionieren konnte, der gilt sofort als unempathisch. Oder in 500wörters Worten: Es wird von den Empörten „jede analytische Diskussion ganz schnell niedergebrüllt“. In bester, gerechter Empörung selbstverständlich, die ja – wie Sie bestens ausführten – eben keine Bestes hat.
    Wie diesen fatalen Mechanismus durchbrechen?

  6. Erik Tiden schreibt:

    In Stéphane Hessels Alterswerk ‚Indignez-Vous!‘ ist die Empörung, zu der er Auffordert, die Quelle der Kraft, die Handlung ermöglicht. Vielleicht ist das eine brauchbare Unterscheidung: Zu nichts verpflichtende Empörung, die einfach nur das wohlige Gefühl auf der richtigen Seite zu stehen steigert, ist schlecht – eine Empörung hingegen, die die Kraft zum Handeln gibt, ist gut?

    • alphachamber schreibt:

      Hallo!
      „… eine Empörung hingegen, die die Kraft zum Handeln gibt, ist gut?“
      Vernunft, Selbstverantwortung und ein korrektes Wertesystem ermöglichen dem Menschen das rationale Handeln. „Empörung“ ist ein Gefühl, das aus verwirrten Gedanken und Handlungsunfähigkeit entsteht.

      • Erik Tiden schreibt:

        Widerstandsbewegung aus Empörung über die deutsche Okkupation, Bürgerrechtsbewegung aus Empörung über die Rassendiskriminierung in den USA, etc. Handeln mit Todesrisiko. Ich denke Empörung ist nicht nur „ein Gefühl, das aus verwirrten Gedanken und Handlungsunfähigkeit entsteht“.

  7. alphachamber schreibt:

    @Erik Tiden
    Ich verstehe Sie. Mit Verlaub: Fakt ist dennoch, dass E. ein Gefühl ist und daher Handlungen aus E. folglich gefühlsinitiierte Handlungen sind. „Handeln mit Todesrisiko“ beweist nicht die Rationalität solcher Aktionen. Vielleicht hilft es, wenn man Beispiele „negativer Empörung“ anführt:
    Z.B. die E. japanischer Kamikaze Piloten über die US Angriffe auf ihr Festland. Oder die einer Gang, die sich über die Angriffe ihrer Konkurrenz empört und einen Bandenkrieg führt.
    Ein weiterer Faktor ist, dass Gefühle wie E. eben nie „rein und hehr“ sind, sondern stets ein Gemisch, z.B. Neid, Agression, Hass, Egoismus, Frustration, usw. Moraliche Handlungen erfordern keine Gefühle, sondern eher Rationalität.
    Nette Grüße

    • poldaemon schreibt:

      „Rationalität“ klingt schön, ist aber selbst umstritten. Welche soll es denn bitte sein, und was hält sie hinsichtlich anschließender Handlungen zusammen?
      Bei den obigen Beschreibungen scheint mir die Emotion „Empörung“ gemeint zu sein, ein „moderates“ Gefühl dieser Art könnte in Handlungen auch miteinander orientieren.
      Und es tut mir leid sagen zu müssen: wem bei Gefühl nur einfällt: „Neid, Agression, Hass, Egoismus, Frustration“, dem scheint für „rationalen Maßstäbe“ im sozialen Feld etwas Orientierung zu mangeln.

      • alphachamber schreibt:

        In welchen Bereichen ist Rationalität denn umstritten, außer dem des Glaubens?
        Es gibt nur DIE Rationalität – oder wie viele kenne Sie?
        „…Und es tut mir leid sagen zu müssen:…“
        Warum tut es Ihnen leid? Aus Selbstgefälligkeit?
        „…wem bei Gefühl nur einfällt: “Neid, Agression, Hass, Egoismus, Frustration”, dem scheint für “rationalen Maßstäbe” im sozialen Feld etwas Orientierung zu mangeln.“
        Warum „nur“??? Dies waren B e i s p i e l e. Sicher wissen Sie das auch, aber Ihre Auslegung erlaubte es Ihnen, mir mangelnde Orientierung zu unterstellen. Ich denke, an „Orientierung“ mangelt es bei Menschen, welche mit dem Gesetz der Identität nichts anfangen können.
        Nette Grüße.

  8. poldaemon schreibt:

    Eben, die Selektion der Beispiele, aber lassen wir das.
    Zu DER Rationalität, und dem Sachverhalt, dass man sie zwar schnell anrufen kann, aber damit noch lange nicht verstanden hat, empfehle ich mal Leute, die auch allgemein bekannter sind und sich damit rumgeschlagen haben, zum Beispiel Jürgen Habermas, Julian Nida-Rümelin oder Herbert Schädelbach. Was denn nun wie rational sei, wann sich ernsthaft, anspuchsvoll darüber sprechen lässt, oder ob sie sich vielleicht gar nicht klären lässt…
    …soviel zur Orientierung über das nette „Gesetz der Identität“ hinaus.

    • alphachamber schreibt:

      „…empfehle ich mal Leute, die auch allgemein bekannter sind und sich damit rumgeschlagen haben, zum Beispiel Jürgen Habermas,…“
      Danke! Mit dieser Denkschule habe ich mich vor vielen Jahren intensiv „rumgeschlagen“.
      1. Wenn man zitiert, sollte man auch die Werke der Autoren gründlich verstehen. Dann wüssten Sie auch, dass besonders dieser Herr nun das Gegenteil einer Autorität der Vernunft und Rationalität ist. Hätten Sie z.B. Wittgenstein angeführt…, nun, dann hätten Ihre Aussagen allerdings von vornherein nicht gepasst.
      2. Sich mit etwas befassen bedutet noch nicht es zu begreifen, oder zu akzeptieren – auch wenn man Habermas heißt.

      „……soviel zur Orientierung über das nette “Gesetz der Identität” hinaus….“
      Haben Sie nur die philosophischen Zweifel anderer in Ihrem Werkzeugkasten, oder auch A r g u m e n t e, welche das Gesetz der Identität wiederlegen?
      Die Vernunft+Rationalität ist das, was Sie vom Tier unterscheidet. Ob Sie sie nun anwenden oder nicht, bleibt Ihnen selbst überlassen. Die Rationalität wird aber durch Ihre Entscheidung weder entwertet noch in Frage gestellt.

      • poldaemon schreibt:

        Klar, das sind „Gegenteile“ einer „Autorität“ der Rationalität, was immer das hier heißen mag.
        Klar, Vernunft ist das, was uns vom Tier unterscheidet.
        Und noch en bißchen Identität, schon hat´s „DIE Rationalität“.
        Ist doch ganz einfach.
        Lassen wirs!

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