Kurzer Brief an Max Goldt (offen)

Lieber Herr Goldt,

ich muss Ihren Namen zum ersten Mal vor knapp zehn Jahren gehört haben, als ich mich in der Schule langweilte und darum fest beschloss, vielleicht Schriftsteller zu werden und sogleich begann, mich für Deutsche Gegenwartsliteratur zu interessieren, ohne zu wissen, dass man sie Deutsche Gegenwartsliteratur nennt. Irgendwie habe ich es aber in den formativen Jahren versäumt, Sie zu kaufen (denn damals las ich nur Bücher, die ich kaufte), und später dachte ich dann, ich sei aus dem Alter raus, Sie noch lesen zu müssen. Umso schöner, dass ich jetzt, 10 Jahre später, zu meinem 27. Geburtstag mit Ihrem Buch „Ein Buch namens Zimbo Sie werden kaum ertragen, was Ihnen mitgeteilt wird“ beschenkt wurde (danke, Christine!). Entgegen meiner Gewohnheit, Bücher entweder erstens gar nicht oder zweitens erst Jahre nach dem Geschenkdatum zu lesen, habe ich es schon am nächsten Tag aufgeblättert und mit einigem Vergnügen exzerpiert. Manche der Texte sind weniger gut, manche sind mehr gut, aber alle sind eben gut; und das ist doch schon was für ein Buch mit einem derart dämlichen Titel, obwohl (oder gerade weil) ich befürchte, dass Sie noch mehr können, als Sie hier herzugeben bereit sind.

Einer der mehr guten Texte ist sicher der über die teuren Städte (London, Zürich, nicht Berlin), in den sich aber eine für die nähere Umgebung ihrer Stilwelt völlig rätselhafte Untertreibung eingeschlichen hat. Die Untertreibung besteht in der Aussage, ein Döner in Zürich koste 6 Franken 50; die Rätselhaftigkeit in der Unentscheidbarkeit, ob die Untertreibung dem ganz unschweizerischen Tempo Zürcher Preisentwicklungen anzukreiden ist oder Ihrer Nachlässigkeit im angemessenen Hyperbolisieren. Denn ich entnehme der Titelei, dass Ihre Texte zwischen 2006 und 2009 entstanden sind, und so hätten sie ein wenig angemessen übertreibend voraussehen können, dass man, sagen wir im Jahr 2012, in Zürich für einen Döner nicht 6 Franken 50, sondern stolze 9 Franken hinblättert. Aber damit nicht genug! 9 Franken sind ja nur der Grundpreis, den Sie in Zürich unter normalen Umständen und zu sittengerechten Uhrzeiten zahlen. Wollen Sie etwa nach 24 Uhr einen Döner, dann also, wenn man ihn am dringendsten braucht, zahlen Sie freilich einen „Nachtzuschlag“ von 2 Franken, womit wir insgesamt schon bei einem Dönerpreis von 11 Franken wären. Wem das schon absurd genug vorkommt, der unternehme bitte den waghalsigen Versuch, sich nach 24 Uhr einen Döner zu zweit zu kaufen und ihn sich vom Dönerwirt mit seinem staatlich geschliffenen Dönermesser in der Mitte durchschneiden zu lassen. Für diese Zusatzleistung ist nämlich ein weiterer Franken zu entrichten, der sogenannte Teilungszuschlag, womit wir also bei einem Endpreis von 12 Franken angekommen wären. Mit solchen nicht einmal falschen Informationen kann man dann sicher auch vor seinen Freunden punkten, die jemanden kennen, der mit Wolfgang Tillmanns nicht gewinnbringend befreundet ist und für eine 7 qm-Wohnung in London 1500 Euro zahlt.

Lieber Herr Goldt, das war auch schon alles, was ich Ihnen mitteilen wollte, und da ich mit Traurigkeit feststellen musste, dass Sie sich nicht auf twitter rumtreiben, muss ich nun hoffen, dass dieser Brief auf anderen Kanälen zu Ihnen gelangt, damit Sie den betreffenden Text für die nächste Auflage angemessen updaten können.

Herzlichst, Ihr S.

Über Samir Sellami

istinalog.net
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Eine Antwort zu Kurzer Brief an Max Goldt (offen)

  1. saetzebirgit schreibt:

    Klasse. Das ist so unterhaltsam zu lesen wie ein Max Goldt-Kapitel. Darauf einen „Teilungszuschlag“.

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