Ach, schön. Richard Linklaters Boyhood (Berlinalebericht III)

Über Baudelaire schrieb Brecht einmal: Das Brüchige hat eine gewisse Schönheit mitunter, aber es bricht, und zwar immer.

Auf kaum etwas, was ich in letzter Zeit gesehen habe, trifft das nicht nur von Brecht in Verdacht gestellte Attribut „schön“ so zu wie auf Richard Linklaters Film Boyhood, der beim Sundance Film Festival uraufgeführt und jetzt in Berlin zum zweiten Mal gezeigt worden ist. Linklater hat den Silbernen Bären für die Beste Regie gewonnen, aber der Goldene Bär wäre natürlich das einzig Richtige gewesen, auch wenn der chinesische Gewinnerfilm Bai Ri Yan Hu ebenfalls ein außerordentliches Kinoereignis gewesen ist.

boyhood

Aber eben mit Boyhood nicht zu vergleichen. Linklater hat über einen Zeitraum von knapp 12 Jahren eine Gruppe großartiger Schauspieler versammelt und ihnen ein Langzeitdrehbuch auf den Leib geschneidert, das alles Erwartbare übertrifft. Mit dem Coming of Age von Mason, der mit seiner Schwester (in echt die Tochter des Regisseurs) und seiner Mutter (Patricia Arquette) durch Texas zieht, hat Linklater den Naturalismus zugleich neu erfunden und auf Jahrzehnte hinaus unnachahmbar gemacht.

Die Dialoge wirken zu keiner Zeit aufgesetzt, sind dabei nie langweilig oder vorhersehbar, die Emotionen sind so echt, wie es Fiktion nur eben sein kann und die sonst noch so distanzierteste und kritischste Zuschauerin kann sich dem Bann nicht entziehen. Der Film verführt. Zieht einen hinein. Nach ungefähr 50 von 164 Filmminuten hörte ich mein Herz schlagen und nach weiteren 30 Minuten verfiel ich in eine seltsame Anspannung. Bis zum Schluss habe ich mitgefiebert, dass keiner der Figuren was Schlimmes passiert. Und tatsächlich: Linklater hat genug Sensibilität, seine Figuren durch alle Tiefs und Krisen zu tragen, es fühlt sich an, als ob er sie beschützen würde.

In einer Szene gegen Ende taucht ein vermutlich mexikanischer (der Film spielt in Texas) Restaurantmanager auf, der einige Szenen zuvor Patricia Arquettes Leitungen im Garten repariert hat und von ihr dazu überredet wurde, auf die Abendschule zu gehen. Während der Film seine packende Geschichte des Erwachsenwerdens, dieser großartigen und schwierigen Zeit, wo so vieles zum ersten Mal passiert, weitererzählt, folgt der Mexikaner für uns unbemerkt ihrem Rat und taucht in der betreffenden Szene als neuer Mensch auf. Und plötzlich fühlt man die Zeit auf der Haut. Was in jedem anderen Film erbärmlicher Kitsch gewesen wäre, mäht einen hier um, vielleicht auch deshalb weil die Reaktionen Arquettes und die ihrer Kinder ganz ohne Theatralität sind und kein Musikpastell im Hintergrund Emotionalismen draufkleistert. Was mir sonst im Kino wirklich so gut wie nie passiert, passiert jetzt: Ich weine ein wenig.

Selten wie in diesem Film habe ich so gebannt der allmählichen Ausbreitung von Normalität vor meinen Augen mitgefiebert. Ein Gespräch zwischen Mason und seinem Kunstlehrer in der Dunkelkammer der High School ist mitreißender als alle Verfolgungsjagden und Shootouts, die diese Berlinale für mich bereit gehalten hat. Die Art, wie die pubertierenden Mädels ihre Sprachaffekte den saisonalen Umschwüngen der Popkultur anpassen. 20, 30 verschiedene Arten zu schweigen. Arquettes wechselnde Frisuren. Ethan Hawkes (als leiblicher Vater) verplante Coolness. Der Redneck, der den für seinen Vater wahlkämpfenden Mason von seinem Rasen jagt mit den Worten: „Do I look like a supporter of Barack HUSSEIN Obama?“ (und ihm „I could shoot you, you know…“ hinterherwirft) Und die schöne Traurigkeit am Ende, wenn der Film fast vorbei ist und Patricia Arquette plötzlich weint, weil Mason endgültig das Haus verlässt und ein bisschen auch, weil der Film jetzt vorbei ist.

Der Film feiert das Dasein, so wie es ist. Er zeigt einfühlsam und mit unwiderstehlichem Rhythmus ein ganzes Leben, einen ganzen familiären und sozialen Kosmos, eine intelligente und willensstarke, niemals perfekte, aber immer bis zur Erschöpfung struggelnde, alleinerziehende Mutter mit einem mehr als schlechten Händchen für Typen, die sich nach einigermaßen charmantem Auftakt als randalierende Trinkertyrannen entpuppen, um so ihr in ihrem Männlichkeitsdrängen angekratztes Waschlappendasein zu kompensieren.

Aber so sehr sie das schöne Leben der sympathischen Figuren bedrohen, am Ende siegt in Boyhood die Schönheit über das Brüchige. Man könnte das für unwahrscheinlich halten und den Film letztlich als zu unkritisch abtun. Aber man wird es nicht tun können, wenn man die 163 Minuten davor durchlebt und durchfiebert hat.

Über Samir Sellami

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