Berlinalebericht II. Das unbekannte Bekannte

Die Aufgabe von Dokumentarfilmen ist die Provokation der Wahrheit, nicht die Bereitstellung von Informationen.

Rumsfelds Vermächtnis

Von Donald Rumsfeld ist für das Zeitbewusstsein, vor allem für das europäische, die Erinnerung an einen politischen Täter geblieben. Nach Bush ist er das zweite Gesicht und wahrscheinlich das erste Gehirn des Zweiten Irakkriegs. 10 Jahre nach dessen offiziellem Ende hat Errol Morris jetzt einen Film über Rumsfeld gemacht. Besser gesagt: mit Rumsfeld. Der Film besteht aus einem einzigen langen Interview, das Rumsfelds gesamte politische Karriere, nicht nur die Jahre in der Bush-Regierung, nachzeichnet. Dazwischen erscheinen Bilder aus dem Archiv, ein paar wenige Reenactements und ein paar schön designte, manchmal ein wenig übersymbolisierende Animationen.

Rumsfeld erscheint als das genaue Gegenteil von Bush: Er denkt gern, redet gern, schreibt gern. Sehr gern. Errol Morris: »Was denken Sie, wie viele Memos haben Sie wohl diktiert?« Rumsfeld: »Nun, allein in meiner Zeit im Pentagon (2001-2006) waren es an die 20000. Es muss also Millionen geben.« Rumsfelds Besessenheit mit Informationen, Definitionen und lückenloser Dokumentation ist das Thema des Films. Seine These: Hinter dem politischen Handeln Rumsfelds steht eine epistemologische Formel, die während des Irakkriegs traurige Berühmtheit erlangt hat und dem Film seinen Titel gibt: The Unknown Known, das unbekannte Bekannte.

Rumsfelds rhetorische Stärke ist die grammatikalische Prägnanz, mit der er seine Ansichten in symmetrische Sätze packt:

As we know, there are known knowns. These are things we know we know. We also know, there are known unknowns. That is to say: We know there are some things we do not know. But there are also unknown unknowns: The ones we don’t know we don’t know.

Hier brechen die meisten medialen Berichte von der Rumsfeld-Philosophie ab. Und verpassen dabei den brisantesten Punkt:

But there are also unknown knowns: Things we thought we knew, but it turns out we didn’t know them.

Es mag eine Übertreibung sein, aber keine, die die Wahrheit zu sehr verfehlt, wenn man behauptet, dass diese paar Sätze für den Tod Tausender Zivilisten und Soldaten und der Verschärfung mit der größten Konflikte unseres jungen Jahrhunderts verantwortlich sind.

Aber man ist verwirrt. Müsste es nicht heißen: Es gibt das unbekannte Bekannte. Dinge, die existieren, ohne dass wir davon wissen? Im Laufe des Films wird immer deutlicher, dass sich Rumsfeld selbst nicht so sicher ist, wie diese Formel genau auszulegen ist. Nach und nach führt der Film in sokratischer Zurückhaltung seine Obsession mit Logik, Klarheit und mathematischer Formalisierbarkeit der Erfahrung auf seine inneren Widersprüche zurück. Das muss einen Leftie wie Morris einen hohen Grad an Selbstdisziplin gekostet haben, aber es hat eine wohltuende Wirkung auf den Film. Die überheblichen Lacher im Publikum offenbaren eine weniger disziplinierte Haltung und nehmen Rumsfeld nicht ernst, was der ganzen Sache ihre Brisanz nimmt.

Cheshire_Cat_Tenniel

Ja, Rumsfeld trägt eine Maske. Aber es ist eine Maske, die so sehr mit seinem Gesicht verklebt ist, dass man beide kaum noch auseinanderhalten kann. Im Publikumsgespräch vergleicht Morris Rumsfeld mit der Katze aus Alice in Wonderland, deren Körper verschwindet, damit ihr unheimliches Grinsen alleine übrig bleibt. Dieses Grinsen ohne Katze ist die bleibende Geste des Films. Ein einziges Mal löst sich die Maske für einen kurzen Moment, als Morris ihn mit der Spekulation konfrontiert: »Wenn Richard Nixon damals statt George Bush (Senior) Sie zum Vizepräsidenten gemacht hätte, dann wären Sie unter Umständen später der Präsident der Vereinigten Staaten geworden.« Kurzer Schock. Aber schon im nächsten Moment klebt die Maske wieder an richtiger Stelle und Rumsfeld antwortet: »It’s possible.«

Rumsfelds intellektuelle Herkunft: Neoliberalismus und Ordinary Language Philosophy

Ansonsten begnügt sich der Film nicht mit der kinderleichten Aufgabe, Rumsfeld anzuklagen, sondern versucht, die intellektuellen und politischen Bedingungen dieser Philosophie des Irakkriegs freizulegen. Bei Wiki erfährt man, dass Rumsfeld während seines Studiums an der Eliteuni Princeton ein glühender Anhänger des neoliberalen Ökonomen Milton Friedman wurde. Je länger man den Film sieht, umso mehr drängt sich die neoliberale Makroökonomie als eine der beiden Säulen seiner intellektuellen Herkunft auf.

So spricht Rumsfeld, etwa wenn es um das Verhältnis Amerika-Irak geht, wiederholt von der Kosten-Nutzen-Kalkulation. Er kommt nicht einmal auf die Idee, das hier eine gewisse ethische Dimension ausgespart bleiben könnte. Ethik und Moral lassen sich eben ganz in ökonomischen, höchstens noch politischen Kategorien formulieren. Aber das ökonomische Kalkül befällt auch das Privatleben. An einer genialen Stelle wird Rumsfeld mit der Frage überrascht, wie er um die Hand seiner späteren Frau angehalten habe. Rumsfelds Antwort: UNPERFECTLY.

Die zweite Säule ist eine philosophische Haltung, die in Rumsfelds Lehrjahren in Princeton, den 50ern, zugleich Avantgarde und Mainstream geworden war und auch auf andere Disziplinen großen Einfluss hatte: Die Philosophie der normalen Sprache. Rumsfeld scheint ihr zu entnehmen, was seinen Zwecken dient: dass man allein durch die genaue Analyse der Alltagssprache zur Erkenntnis von Wahrheit gelangen kann. Immer wieder steht in der Kopfzeile seiner Memos:

Subject: Definitions. Und dann: Give me the word for »war«… Do we have any clear definition of the word »terrorism«?… What is the precise meaning of the term: »unconditional warfare«? Etc. etc.

Interessant aus philosophischer Sicht ist Rumsfelds Positionierung in dem Feld, das die Vertreterinnen des Spekulativen Realismus »Korrelationismus« genannt haben. Korrelationismus meint, kurz gesagt, die Annahme, dass die Realität im Wesentlichen nur in Bezug auf ein menschliches Bewusstsein, menschliche Wahrnehmung oder menschliche Sprache existiert. Dass das Bewusstsein Realität produziert und es ohne den Menschen (Bewusstsein, Wahrnehmung, Sprache) schlichtweg keine Realität gibt.

Der Spekulative Realismus hält aber dagegen: Nur weil wir bestimmte Bereiche der Realität nicht kennen, heißt das noch lange nicht, dass sie nicht existieren und in die uns bekannte Welt hineinwirken. Eine (andere) Möglichkeit also, das unbekannte Bekannte ernst zu nehmen. Etwas, was hinter unserem Rücken existiert, von uns nicht gekannt wird und doch in unsere Welt hineinwirkt.

Spannend an der Geschichte ist, dass Rumsfeld kein eindeutiger Korrelationist ist, sondern eine durch und durch inkohärente, man könnte auch sagen: dogmatische Position vertritt. Er ist Anti-Korrelationist, wenn es ihm passt, und Korrelationist, wenn es ihm passt.

Anti-Korrelationismus: Den Irakkrieg, den Patriot Act etc. legitimiert er mit dem Pearl-Harbour-Vergleich: Ich wollte nicht für ein zweites Pearl Harbour verantwortlich sein. (Pearl Harbour muss übrigens für Rumsfeld eine der prägendsten Erfahrungen seiner Kindheit gewesen sein. Sein Vater hatte sich nach Pearl Harbour freiwillig zur Navy gemeldet.)
Korrelationismus (u.a.): Die wenn auch unbestätigten Informationen der CIA sind die Realität, die ich kenne und nach der ich handle und mal eben einen Krieg mit verheerender Wirkung beginne.

Rumsfelds Revolte gegen das Vergessen

Rumsfelds philosophisch-politischer Dogmatismus beruht auf einer Erweiterung (nicht auf einer Widerlegung) des berühmten (hardcore-korrelationistischen) Satzes von Mao: Ich bin nur verantwortlich für die Realität, die ich kenne. Rumsfelds Version: Ich bin auch verantwortlich für die Realität, die ich mir vorstellen kann, aber nur insofern sie die Interessen Amerikas betrifft. So unterlegt können dann Kriege auf der Grundlage von Wortbedeutungen geführt werden, die ja nach genauer Analyse vermeintlich die ganze Wahrheit liefern.

Aber der Film enthält mehr als nur eine politische Dimension: Rumsfelds Memos sind letztendlich der zutiefst menschliche Versuch, die Realität durch lückenlose Dokumentation einzukreisen, eine neokonservative Revolte gegen die Gewissheit des Todes. In seiner Zeit als jüngster Verteidigungsminister in der Geschichte der USA (75-77, unter Gerald Ford) beginnt Rumsfeld, alles, was ihm wichtig erscheint, auf ein Diktiergerät zu sprechen und später abtippen zu lassen. Ein monströses Archiv eines politischen Lebens entsteht. Und auch hier wirkt im Hintergrund ein korrelationistisches Schema: Lückenlose Erinnerung = lückenlose Realität. Im Publikumsgespräch bringt Morris den passenden Vergleich mit einer Figur von Jorge Luis Borges: Funes, El Memorioso, der sich an alles, was er je gewusst hat, erinnern kann, aber am Ende gar nichts mehr weiß, weil ihm fehlt, was zum Wissen nötig wäre: das Vergessen.

So werden wir Zeuge, wie auch Rumsfelds Versuch, dem Nicht-Wissen durch die Ausschaltung des Vergessens zu entkommen, am Ende Schiffbruch erleidet. (Die Schlussszene animiert einen Ozean, auf dem die Wörter wild durcheinander schwimmen und am Horizont steht die Sonne der Vernunft, die mehr blendet als beleuchtet.) Sein Versuch, der sumpfigen Welt der Doppeldeutigkeiten, unauflösbaren Widersprüche, der Unknown Knowns auf beiden Seiten, in eine glatte Welt der logischen Relationen zu entkommen, scheitert. Das Deprimierende ist aber, dass dieses Scheitern unbeeindruckt zu einem der verheerendsten Ereignisse des 21. Jahrhunderts geführt hat, dessen Langzeitwirkungen sich zwar schon abzeichnen, aber in ihrer Intensität immer noch unabsehbar sind.

In einer seiner berühmt gewordenen Pressekonferenzen wurde Rumsfeld einmal von einer klugen Journalistin nach der Bedeutung des Wortes »quagmire« (deutsch: Sumpf, Morast) gefragt. Rumsfelds Antwort: »Quagmire? That’s someone else’s business. I don’t do quagmires.« Vielleicht ist das das treffendste Symbol seiner Haltung. Von der sumpfigen sozialen Realität will Rumsfeld nichts wissen. Was nicht Teil der logisch und grammatikalisch beschreibbaren Wirklichkeit ist, existiert nicht oder ist zumindest nichts, wofür man selbst verantwortlich sein kann (Korrelationismus!).

Rumsfelds grausamer Rationalismus

Dass politische Großmächte auf der Grundlage mangelnder Erkenntnistheorie verheerende Gewalttaten begehen, dass wussten wir wahrscheinlich schon. Was wir aber nicht wussten oder oft vergessen: Dass diese Taten nicht immer der Ausbruch irrationaler Gewalt sind, dass wir es nicht, wie einem die Filme Michael Moores klar machen wollen, mit der affektiven Tat einer Handvoll Irrer zu tun haben. Das reden wir uns immer gern ein in unserer linksliberalen Überheblichkeit, die das ganze Ausmaß der Situation unterschätzt. In Wahrheit ist es viel schlimmer: Die politischen und militärischen Aktionen der Bush-Regierung waren »rational«, denn sie beruhten auf einer explizit ausgearbeiteten Theorie. Diese Theorie mag grundfalsch und bei genauerem Hinsehen mit Dogmatismen und Reduktionismus durchzogen und daher unhaltbar sein. Aber es bleibt dabei: Das Handeln der Bush-Regierung war in einem gewissen Sinne »rational«. »A very nuanced, measured approach«, wie es Rumsfeld in die Kamera grinst.

Das erinnert uns an eine Wahrheit, die gerade heute nicht besonders hoch im Kurs steht: Die Wahrheit, dass Rationalität und Moralität nicht identisch sind. Das ist schwer zu verdauen für uns, die wir gewohnt sind in einer Welt zu leben, in der wir auf das tägliche Urteil von Experten angewiesen sind. In einer schwer überschaubaren Welt, wo der überwältigende Teil unserer Alltags- und Vorstellungswelt für uns selbst nicht vollständig nachvollziehbar und verständlich ist, wo wir uns in Abhängigkeit aller möglichen Apparaturen befinden, die wir höchstens bedienen und pflegen, aber nicht selbst herstellen und warten können. Das ist schwer zu verdauen für uns, die von einer gerechteren Welt träumen, dabei auf Wissenschaft und Technologie bauen müssen und sich daher zwangsläufig mit einer Ideologie der Experten gemein machen die den Handlungen der Bush-Regierung genauso unterliegt wie unseren Versuchen, mit den großen Herausforderungen von Gegenwart und Zukunft fertig zu werden. Rationalität scheint heute das Einzige zu sein, was uns zur Rettung dient, aber genauso scheint sie verantwortlich zu sein für unsere Untergänge. Man hat diese deprimierende Aussicht mal die Dialektik der Aufklärung genannt und ich denke, das ist immer noch ein gutes Schlagwort.

Rumsfelds Eitelkeit

Nach dem Ozean der Wörter, in den sich alles am Ende auflöst, schenkt uns der Film noch eine allerletzte Szene. Morris: »One last question. Why are you doing this? Why are you even talking with me?« Rumsfeld: »That’s a vicious question. If I only knew«. Im Publikumsgespräch wird Morris dann gefragt, was er denke, warum Rumsfeld sich auf diesen Film, der ja eindeutig gegen ihn gerichtet ist, eingelassen hat. Morris: »There is surely more than one reason. But if I had to pick out one, I would say: vanity.«

Und plötzlich erscheint auf der dunklen Leinwand noch einmal das Gesicht Donald Rumsfelds und antwortet nach kurzem Schweigen: »It’s possible.« Und grinst.

Über Samir Sellami

istinalog.net
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