Verfolgung und Einsamkeit. Berlinalebericht I

Die Berlinale läuft schon ein paar Tage und zum ersten Mal schaue ich mir richtig viele Filme an. Los ging’s für mich am Samstag Mittag mit diesem Film:

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Schön anzuschauen, aber nicht umwerfend – das Berlinaleblog hat das schon ganz gut auf den Punkt gebracht. Forest Whitaker hat sich den Habitus eines Ex-Häftlings, der sein tickendes Zeitbomben-Gemüt durch islamisch unterstützte Selbstberuhigung im Zaum halten muss, wunderbar angeeignet und ist der wichtigste Faktor für das Gelingen des Films. Die restlichen Schauspieler sind ähnlich exakt, aber nicht immer schaffen es Plot und Regie, ihnen mehr als einzwei Dimensionen abzugewinnen. Auch eine Sache, die recht selten vorkommt: Der Plot ist ziemlich lame, die Dialoge aber fein geschrieben, was vielleicht daran liegt, dass der Regisseur Rachid Bouchareb es zusammen mit dem Schriftsteller-Star Yasmina Khadra geschrieben hat. Die Stars des Films sind aber neben Whitaker eindeutig die Bilder. Bouchareb, Kamera und Schnitt breiten genüsslich Szene für Szene in einer nie beschleunigenden Komposition die unerbittliche Schönheit texanischer Wüstenlandschaften vor unserem Auge aus. So entstehen Bilder, die an Fargo denken lassen, mit Sand und Geröll statt Schnee und eigenartigen Akzenten. Aber eben ohne das ganze Spektakel, dass Fargo zu einem großen Film macht. Der Film läuft im Wettbewerb und ich prognostiziere jetzt einfach mal fensterlehnig, dass es dort insgesamt nicht für einen großen Erfolg reichen wird.

Weiter geht’s. Der nächste Film, den wir sehen, verspricht weniger großes Kino, dafür mehr Experimentierfreude.

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Zwei Brasilianer, ein Regisseur und ein bildender Künstler, kollaborieren, um das Leben eines inmitten des Großstadttreibens vereinsamten Straßenbahnfahrer zu porträtieren. Er soll der Trauzeuge bei der Hochzeit seiner auf andere Art weltscheuen Kollegin werden, was für den armen Mann ein tiefenpsychologisches Problem darstellt. Am Ende macht er es dann doch und alles wird gar nicht so schlimm gewesen sein. Viel verändern wird sich in seinem Leben aber genauso wenig. Die große Besonderheit des Films ist sein Hochkant-Format. Dass rechts und links vom normalen Kinobild ein großer Teil weggeschnitten ist, erzählt genau von der spezifischen Form dieser Einsamkeit, genauso wie das permanente Hintergrundrauschen. Es ist nie still in diesem Film, der Sound nie gefiltert, sondern nur ein wenig mehr fokussiert auf Vordergrund und Dialog. Auf die Polaroid-Optik der Bilder legt sich dann immer wieder Digitales: die Überwachungsbilder des Transportunternehmens, Animationen auf Computerbildschirmen, Chatprogramme.

So weit so gut, aber insgesamt kann mich dieser Film trotzdem nicht überzeugen, und das aus zwei Gründen. Erstens ist er zu deutlich das Produkt von Kunsthochschulabsolventen. Der konzeptuelle Impuls ist immer da und auch gar nicht so störend, aber er dringt nicht zu einer Tiefe durch, die einen wirklich berührt und angeht. Ich verstehe die Einsamkeit dieses Mannes, aber ich fühle sie nicht. Das zweite Problem habe ich mit dem bildkünstlerischen Anteil des Films. Dass aufgrund der Thematik kaum was passiert, ist OK, aber umso mehr müsste meiner Meinung nach in der Bildästhetik abgehen. Dort aber über weite Strecken nur souverän absolvierter Alltagsrealismus mit ein paar halbherzigen Versuchen, den Figuren eine Geschichte, komplexe Emotionen und echte Konflikte anzuheften. Die Wende zum Poetischen durch Einsatz von Musik (natürlich ein wunderschöner Bossa Nova mit dem bezeichnenden Titel »Felicidade«) und durch spurenelementar beigemengte Phantasie und Surrealität kommt viel zu spät und zu kurz. Dass er sich durch einen schlafenden Hauptdarsteller zudem als Traum kausal entschärfen lässt, macht die Sache nicht besser.

Beide Filme haben bei all ihrer Unterschiedlichkeit doch eine Gemeinsamkeit: Dauernd fährt irgendjemand irgendwo hin. Forest Whitaker auf einer alten Triumph, die er während des ganzen Films nie wäscht oder auch nur abstaubt. Und wenn der brasilianische Straßenbahnfahrer nicht mit seiner Bahn hin- und herfährt, schaut er ihr von Brücken zu, läuft auf dem Bahnsteig auf und ab oder betastet ein Zugmodell aus Karton. Es wird nicht der letzte Film sein, indem nicht immer zielgerichtet herumgefahren wird. Aber dazu mehr in der Fortsetzung.

Über Samir Sellami

istinalog.net
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