Li Na: Tennisstar, Rebellin, Stand-up-Talent

Es ist jetzt schon über eine Woche her, dass die chinesische Tennisspielerin Li Na die Australian Open gewonnen hat, aber trotzdem muss ich mir immer noch das Video ihrer Siegerrede anschauen. Wer die Einheitsaussagen durchtrainierter Tonbänder (Fußball), das Protzgehabe sprechender Beulenlandschaften (Boxen) oder die zünftige Fröhlichkeit rotbäckiger Hüttengaudi-Animateurinnen (Wintersport) gewohnt ist, kann sich nur wundern über soviel Souveränität, Witz, Charme und echten Sportsgeist (Tennis), und das alles in einem wunderbar knappatmigen, sympathischen Kreol-Englisch, das für Linguistinnen im Jahr 2114 vielleicht einmal eine interessante Quelle sein wird.

Charakter zeigt Li Na nicht nur auf dem Platz, sondern auch im Umgang mit den chinesischen Behörden. So lehnte sie wiederholt ab, ihre Erfolge ihrem Land zu widmen, und behauptete in einer charmanten Mischung aus Unbekümmertheit und Überheblichkeit, dass ihre Schultern so viel Verantwortung nicht tragen könnten. Bei der Heimkehr vom Sieg in Melbourne in ihre Herkunftsprovinz Hubei wurde sie von Parteifunktionären mit einem Scheck über knapp 100000 Euro überrascht, den sie nur widerwillig annahm. Frühere Staatsgelder hatte sie bereits erfolgreich ausgeschlagen oder direkt (und ohne großes Aufsehen) für medizinische Zwecke in ihrer Heimatstadt gespendet.

Li Na wusste früh, was sie will und widerspricht damit dem im Westen gezeichneten Zerrbild der unterwürfigen chinesischen Sportlerinnen. Als Kind schickte sie ihr Vater, der selbst Badmintonprofi war, zum Federball, aber der Trainer merkte schnell, dass sie nicht nur aus dem Handgelenk, sondern aus der ganzen Schulter schlagen will. Also Tennis! Wenn man der Anekdote Glauben schenken darf, wusste der Vater kaum, was Tennis eigentlich ist, ließ sich dann aber zum Glück überzeugen. Das ist im Übrigen gar nicht so unwahrscheinlich, wenn man bedenkt, dass Tennis in den 20ern am Hof von Peking gespielt, von den Kommunisten verboten und erst in den 90ern wieder in die Existenz gerufen wurde.

Mit 16 kam Li Na ins Nationalteam, mit 19 verließ sie es wieder. Sport-Bürokraten hatten ausgerechnet, dass China im Doppel mehr Medaillenchancen hat als im Einzel. Da Li Na keine Lust auf Doppel hatte, ging sie einfach für zwei Jahre nach Hubei, studierte Journalismus und schloss das Studium auch ab. Dort lernte sie Jiang Shan, ihren heutigen Ehemann, kennen, der im Video eine wichtige Rolle spielt und sie zur Rückkehr ins Nationalteam überredete. Mit ihm spielte sie eine Weile erfolgreich Mixed, bis wiederum unqualifizierte Hände von oben das Duo unangekündigt trennten. Jiang Shan gewann mit seiner neuen Partnerin Gold bei den Nationalmeisterschaften, Li Na blieb nur Bronze. Als Reaktion darauf ließ sie sich tätowieren, was v.a. für Frauen in China als anrüchig gilt. (Übrigens kursiert im Internet gerade ein Video, indem bei der Preisverleihung dieses Turniers ein Offizieller Li Na angeblich eine maßregelnde Ohrfeige gibt. Leider ist der Ausschnitt kurz und kontextlos und die übliche mediale Ignoranz des Westens leistet es sich mal wieder nicht, einen Menschen, der Chinesisch kann, die ganze Sendung anzuschauen, in der das Video einer übrigens lachenden Li Na vorgespielt wurde, um festzustellen, was wirklich passiert ist).

Als Li Na 2008 bei Olympia im eigenen Land von Fans mit chauvinistischen Parolen angefeuert wurde, forderte sie sie lautstark (und wortwörtlich) auf, ihr Maul zu halten. Als Li Na 2011 die French Open gewann, dankte sie allen: den Balljungen, den Sponsoren, ihrem Team, der Turnierleitung, und natürlich den Zuschauern (»the kwau«). Allen, außer China. Ihr Heimatland kommt auch bei der brillanten Gewinnerrede in Melbourne nur am Rande vor, im Zusammenhang mit den Dankesworten an ihren Mann, die schon sehr nah an Stand-Up rankommen. Ich kann mich immer noch nicht entscheiden, was meine Lieblingsstelle ist, und solange das so bleibt, schau ich mir das Video weiter an. Tut das Gleiche und entscheidet selbst!

Über Samir Sellami

istinalog.net
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