Kinder des Unheimlichen Tals

Die Landschaft unserer Jugend. Wenn man ihr zu nahe kam, dann wurde alles zu Matsch. Der Himmel wurde Matsch, das Gras wurde Matsch, Wände aus Holz und Stein, Gesichter wurden zu Matsch, eine flache, matschige Tapete, geklebt auf einen merkwürdig eckigen Kopf. Das waren unsere Lehrer, diese eckigen Wesen mit ihren matschigem Gesichtern und ihren tumben Bewegungen. Angeblich waren diese Bewegungen echt, eingefangen von echten Menschen in einem Motion-Capture-Studio, aber ich habe mich immer schon gefragt, welche Drogen diese Menschen im Motion-Capture-Studio genommen haben, denn ich kannte niemanden in der „echten“ Welt, der sich so bewegt hat wie sie. Aber das waren sie, unsere Lehrer, unsere wirklichen Lehrer, nicht diese anderen, diese Hochstapler, die uns tagsüber belästigt haben. Und das war unsere Welt. Diese eckige, matschige Welt mit ihren merkwürdigen Bewohnern, für immer heimgesucht von einem dichten Nebel, weil unsere PCs damals noch zu schwach auf der Brust waren, um weitläufige Landschaftspanoramen zu rendern. Diese Welt war immer in Gefahr. Und wir waren die einzigen, die sie retten konnten. Unsere Lehrer wussten das. Sie raunten es uns ins Bewusstsein. Sie sprachen von unserer Verantwortung. Sie erzählten uns von den Aliens, den Robotern, den Sowjets, den Nazis, den Illuminaten. Die Zeit war immer knapp. Der Untergang stand immer kurz bevor.

Jemand müsste mal die Begriffsgeschichte des Wortes „fotorealistisch“ im Zusammenhang mit der Bewerbung von Computerspielen untersuchen. Es wird heute, wo die Grafik um Meilen besser ist als damals, kaum noch benutzt. Damals aber war angeblich alles fotorealistisch. Die leblosen Esoterikhallen von Myst? Fotorealistisch. Die matten, verwaschenen Hintergrundvideos von X-Wing vs. Tie Fighter? Fotorealistisch. Die wuselnden Pixelhorden in Command and Conquer? Fotorealistisch, natürlich. Das hat etwas mit uns gemacht. Der Fake wurde die Wirklichkeit, und die Wirklichkeit wurde der Fake. Denn die Welt, die wir verstanden, die uns meinte, die zu retten unsere Aufgabe war, die musste doch die Wirklichkeit sein, und diese andere Welt, die ebenfalls unterging, aber die sich in ihrem Untergehen nicht für uns interessierte, in der wir verwahrt und verwaltet wurden, in vorgegebenem Takt von einem Korridor in den nächsten trotteten, wo wir von verschrobenen Gestalten, die ganz offensichtlich ihr eigenes Leben bereits aufgegeben hatten, dazu genötigt wurden, Hypotenusen zu berechnen und tote Sprachen zu lernen, die musste doch der Fake sein, die MUSSTE doch der Fake sein.

Entgegen anders lautender Gerüchte gingen wir auch mal an die frische Luft. Wir legten unsere Fahrräder an einem der vielen kinderlosen Spielplätze in unserer Gegend ab, hockten uns da auf die Tischtennisplatte, blätterten in der neueste PCGames – und nur in der PCGames, die Gamestar, da waren wir uns alle einig, war Dreck -, besoffen uns mit RedBull und Magic Man, weil wir Alkohol noch nicht kaufen durften, redeten über Spiele, Grafikkarten und Weiber. Natürlich nicht über richtige Weiber, sondern über Weiber, die andere Männer eigens für uns erfunden hatten. Da gab es eine, ihr Gesicht war nicht mal eine matschige Tapete, sondern eine einfarbige Fläche mit großen Lippen drauf, sie hatte eine spindeldürre Hüfte und riesige, eckige, türkise Titten. Lara Croft. Einer von uns hatte eine Statuette von ihr im Zimmer stehen. Es gab verschiedene fiese Gerüchte darüber, was er mit dieser Statuette alles anstellte. Ich weiß es nicht. Ich war nicht dabei.

Wir waren jung. Wir kannten noch keinen anderen Schmerz als Langeweile und schlechte Noten. Die „wirklichen“ Probleme der „wirklichen“ Welt kamen auch nur über elektronische Geräte zu uns, sie flimmerten auf den Bildflächen unserer Röhrenfernseher. Es gab keinen Grund, das, was auf unserem Fernseher zu sehen war, für echter zu halten, als das, was auf unserem PC zu sehen war. Und auch wenn „Langeweile“ für uns heute läppisch klingt, ist nicht zu unterschätzen, welche Verheerung sie in uns anrichtete. Ich weiß von Leuten die aus Langweile Pflastersteine auf eine S-Bahn geworfen haben. Auf den Röhrenfernsehern war alle zwei Jahre jemand zu sehen, der aus Langeweile seine Schule niedergemetzelt hatte.

„Uncanny Valley“, das unheimliche Tal, hat der Japaner Masahiro Mori ein Phänomen im Antropomophismus genannt. Im Uncanny Valley ist man, wenn die künstlichen Darstellungen von Menschen „fotorealistisch“ genug sind, als dass wir sie nicht mehr als Symbol oder Zeichnung wahrnehmen, aber eben doch nicht „fotorealistisch“ genug, als dass man sie wirklich mit Menschen verwechseln könnte. Sie gehen uns nahe, aber sie sind trotzdem tot. Alles in diesen Spielen war uncanny, die düster-steril-verschrobenen Fantasiewelten, die von miserablen Schauspielern dargebotenen abstrusen Storylines und natürlich die eckigen Matsch-Menschen, die sich bewegen wie Kühe auf dem Glatteis. Aber damals haben wir das alles mehr geliebt als alles vermeintlich echte und menschliche um uns herum. Das Uncanny Valley war der Ort unserer Jugend. Wir waren die Kinder des Uncanny Valley. Mehr noch: seine Herrscher.

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3 Antworten zu Kinder des Unheimlichen Tals

  1. Clarknova schreibt:

    schöner text! über den effekt des „uncanny valley“ schreibt auch clemens j. setz in seinem roman „indigo“. leider hab ich das buch gerade verliehen, sonst könnte ich die stelle zitieren. lohnt sich aber auch komplett zu lesen. ;)

  2. Frederik Tidén schreibt:

    Sind die Romane von Setz nicht so ewig lang? Ich bin kein Feind langer Bücher, aber es fehlt mir immer die Zeit…

  3. Clarknova schreibt:

    „indigo“ hat 480S., verglichen mit pynchon also ein spaziergang. ;)

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