Mêtis. Wie man im 21. Jahrhundert Kunst machen wird

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Die Beschreibung einer neuen Tendenz mit dem Verweis auf die alten Griechen zu beginnen, grenzt an Selbstparodie. Die ollen Griechen hatten, vereinfacht gesagt, drei Begriffe für verschiedene Arten, Dinge zu tun: Theorie. Praxis. Poiesis. Das kann jede anwenden, worauf sie will, ich wende es jetzt einfach mal auf die Kunst an.

Poiesis meint ganz einfach die Herstellung von Dingen für einen bestimmten Gebrauch. Lange Zeit gehörte der Künstler dahin bzw. in die Unterabteilung mit der Überschrift: Techné. Er werkelte so vor sich hin, imitierte seine zwei, drei Lehrer manchmal nicht gut genug, sodass etwas Neues entstehen konnte, brachte Geniales und weniger Geniales hervor, wovon wohl das meiste seinen Zweck erfüllte.

Dann kam die Theorie auf den Plan, löste die Poiesis nicht ab, verlieh aber der künstlerischen Tätigkeit eine neue Aura. Theoria heißt bekanntlich Schauen. Eine gewisse Abwendung vom Material war die Folge, eine Vergeistigung der Kunst, man schaute, bevor man baute, man erfand zweite Wörter für Pferd, Schiff und Schwert, weil einem eins nicht mehr genügte. Man wiederholte die Welt, etwas steriler und musealer als in Wirklichkeit, mit schöneren Worten als denen vom Markt, aber ohne ihren herrlichen Fischgestank.

Erst spät kommt dann die Praxis in die Welt der Kunst. Praxis meint das konkrete Handeln in der Wirklichkeit. Auch das gute Handeln, Ethik. (Moral ist mehr so Theorie.) Praxis in der Kunst ist etwas absolut Modernes. In der Antike erwartete man sittliche Güte höchstens von den Philosophen. Im Mittelalter war die Persönlichkeit nicht der Ort des Ethischen. In der Neuzeit ging es vor allem um Kreativität. Erst ab dem 18. Jahrhundert kommt man auf die Idee, dass Kunst und Engagement dasselbe sein könnten. Im 19. Jahrhundert schreiben Schriftsteller unter ihrem Namen Zeitungsartikel gegen die Armut, gegen Antisemitismus und (dann doch meistens anonym) gegen die herrschende Aristokratie. Sartre lässt tausende Seiten pressen, die uns mit der Frage langweilen, ob es denn nun den engagierten Künstler geben kann oder nicht.

Weil die Frage falsch gestellt ist und weil man den Kommunismus böse findet, entscheidet man sich für: Nein. Und kehrt, wenn man doof ist und Thomas Mann heißt, zur Theorie zurück. Und kehrt, wenn man cool ist und Woolf oder Mallarmé heißt, zur Poiesis zurück.

Mallarmé: „Gedichte macht man aus Worten, nicht aus Ideen.“ Woolf: „Art is when one part gets strength from all the other parts.“ Thomas Mann: ….***//#.—

Es gibt eine vierte Art, Kunst zu machen. Da wir schon bei den Griechen sind, nennen wir sie Mêtis. Mêtis meint, wie ich bei Wikipedia lese: „praktisches, komplexes, implizites“ Wissen. Im Essay Accelerationist Aesthetics von Alex Williams heißt es genauer: „Mêtis gives us a pathway towards a new form of praxis, a politics of geosocial artistry and cunning rationality.“ Mêtis bedeutet, mit den verschiedensten Materialen gleichzeitig umgehen, zwischen Improvisation und Perfektionierung hin- und herschalten, nicht nur Unterscheidungen treffen, sondern diese auch in ihren Proportionen bewerten, nicht nur das Soziale, sondern auch das Planetarische denken, Dinge in einen gemeinsamen Raum versammeln, damit man sie besser auseinander halten kann.

Wir sind nicht die Urheber des Materials, wir sind ein Teil des Materials. Wir sind aus Material und das Material um uns herum macht uns zu dem, was wir sind. Wir leben in einer Welt, die von anderen Untoten besiedelt ist: Zombies bevölkern sie in Form von Müllbergen, Datengalaxien und angestauten Kreditclustern, in Form von Institutionsresten und künstlich am Leben gehaltenem Ideenmaterial. Nichttotzukriegende. Die Welt ist komplex und wie in Bolaños letztem noch nicht veröffentlichten Roman kein einzelnes schwarzes Loch, sondern ein Panoptikum ineinander verkeilter, mehrbödiger, vielfach gespiegelter Abgründe.

Wir brauchen einen Sinn für diese Realität. Wir schwimmen ja in einem Strom von Exkrementen. Was wir brauchen, ist daher kein Auge oder Ohr für die Realität, sondern eher ein Unterarm.

Der zentrale Begriff des Menschen ist nicht mehr das Leben, sondern das Überleben. „Überleben“, so heißt „Leben“ für die, die immer schon fasttot sind. Wir leben in einer Welt, in der mehr überleben müssen als leben dürfen.

Wir können diese Welt nur verstehen, indem wir bis zu einem gewissen Grad zu ihrem Komplizen werden. Sich zurückziehen geht gar nicht. Alles akzeptieren auch nicht. Widerstand, wenn er sich auf die Schaffung alternativer Räume für ein paar, die besser „leben“ wollen, reduziert, ist die Heuchelei des 21. Jahrhunderts. Heucheln ist zwar immer noch besser als Leute durch Preisabsprachen in den Hungertod zu treiben. Aber es ist nicht gut genug.

Wahrheit war einmal (siehe Theorie). Es geht stattdessen wieder um Gerechtigkeit, aber nicht um die einzelner Subjekte (siehe Praxis). Die Frage nach der Gerechtigkeit muss lauten: Wie können wir alle zusammen besser überleben? Nicht: Wie können wir hier noch besser leben?

Komplizenschaft mit dem heterogenen Material, das uns um die Ohren fliegt, ein Gespür für die Realität und das Ausmaß, in dem sie uns übersteigt, das wird von den Künstlerinnen im 21. Jahrhundert verlangt. Das Ende der Unschuld. Aber auch das Ende der gemütlichen, gefälligen Provokation auf SPON-Kolumnenniveau.

Im Moment wird alles gelabelt, beschriftet, eingeordnet, zurechtgestutzt. Prokrustes fighting against Mêtis. Da wird es schwieriger, Zeugs einfach so auszuprobieren. Auch metische Produktion braucht Produktionsmittel. Wer sich die beschaffen will, muss oft seine Ziele abstecken, einen genauen Zeitplan angeben, eine sogenannte realistische Einschätzung seines „Unternehmens“ anstellen. Die Mêtis braucht also doch noch ein bisschen Theorie, um sich die nervigen Nachfragen vom Leib zu halten. Man muss zugleich so tun, als ob man genau wüsste, wo es hingeht, und dabei ziellos herumexperimentieren können. Bis einer was merkt.

Die Métis sind eine Ethnie im Norden der Insel Amerika. Sie sprechen heute Englisch oder Französisch und verschiedene Kreolsprachen. Leider ist das Bungee, eine Kreolform aus den beiden Sprachen Englisch und Cree, mit viel Wortschatz aus dem Gälischen praktisch ausgestorben. Die Flagge der Métis ist eine liegende Acht auf blauem Grund oder eine liegende Acht auf rotem Grund. Wenn ich nicht „metis“ gegoogelt hätte, wüsste ich bis jetzt nichts von ihrer Existenz.

Penia war die Göttin der Armut, Poros der Gott des Reichtums. Eros war der Sohn der beiden. Angeblich war Penia so arm, dass sie sich sogar den Samen von Poros rauben musste, um einen Sohn von ihm bekommen zu können. In Wahrheit litt Poros aber unter einer Azoospermie. Mêtis, die Göttin des Scharfsinns, war die Großmutter von Eros.

All das ist weit davon entfernt, ausgereift zu sein. Muss es auch erstmal nicht. Wir fangen ja gerade erst an, zu Komplizen der heterogenen Materialien zu werden.

Über Samir Sellami

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4 Antworten zu Mêtis. Wie man im 21. Jahrhundert Kunst machen wird

  1. exzw schreibt:

    Schöner Artikel. Ich hatte letztens daran gedacht dich mal auf anwendungsbezogene Gedanken bezüglich des „spekulativen Realismus“ anzusprechen. Und nun wirkt es auf mich folgendermaßen: Dass sich nämlich unserer Umgang mit dem DISKURS Festival 2011 in Gießen in einigen Aspekten mit dem was du hier „Métis“ nennst bereits produktiv überschneidet. Indem wir uns bspw. trotz einer ablehnenden Haltung gegenüber den Produktions- und Verwertungslogiken von Theaterfestivals einer solchen institutionalisierten Praxis ausgesetzt und wir uns derartig zu Komplizen des Kritisierten gemacht haben. Des Weiteren wie wir darin die Arten und Weisen aufspüren wollten, wie und ob innerhalb einer solch strikt gelabelten Praxis des Theaterfestivals Orte des Dazwischen aufgetan werden könnten, die einem „gezielten“ Experimentieren an „Anderem“ ermöglichen würden. Denn wie du schon schreibst, nur durch die Praxis selbst lässt sich „verstehen“, „verändern“, „beschleunigen“, wie auch immer man diese teils mikroskopischen Auswirkungen auf die Bewegungen der Kultur beschreiben möchte. Ich bin gespannt, wie du diese wirklich produktiven theoretischen Überlegungen weiterhin zur Anwendung bringen wirst. Zeit für ein baldiges „Symposium“ oder ähnliches in Hildesheim oder sonstwo? ;) Bzw. Zeit für ein Bier zwischen den Jahren in Bln? Greets, juleh p.s.: übrigens gehe ich D´Accord mit dem was du zur Heuchelei des 21. Jahrhunderst schreibst! Nice.

  2. resimge schreibt:

    sehr genaue informationen. dank!

  3. Pingback: Podcast Metis, Erster Teil: Promiskuität vs. Pornographie | Istina

  4. Pingback: Podcast Metis, zweiter Teil: Kunst und Moral | Istina

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