Biographien der Grenze

Tobias Horvath, der Protagonist in Agota Kristofs Roman Hier (Gestern), flieht aus einem „Land ohne Bedeutung“ (vermutlich Ungarn) über die Grenze in ein Land mit Bedeutung (vermutlich über Österreich in die Schweiz), nachdem er seinem Grundschullehrer, während dieser gut hörbar Sex mit Tobias‘ Mutter hat, ein langes Messer in den Bauch gerammt hat. Das bringt mich auf das Thema des Zusammenhangs von Grenze und Gewalt. Ich muss sofort denken an die Beschreibung der mexikanisch-amerikanischen Grenzzone in Bolaños 2666. Dort kommt es, auf mexikanischer Seite, zu der traurigberühmt gewordenen Serie an Frauenmorden, die auch in Wirklichkeit bis heute anhalten.

Vielleicht ist die (gut gesicherte) Grenze auch nur eine Repräsentantin von Orten, in denen auf engstem Raum besonders krasse Differenzen ungleicher Parteien aufeinanderprallen, was dann zu einer Verdichtung der Gewalt führt. Wenn man sich vergegenwärtigt, was an den gut gesicherten Grenzen dieser Welt so abgeht, da erscheint es fast zynisch, wenn in den Kulturwissenschaften oft von den kreativen Potentialen in Grenzgebieten geredet wird. Natürlich entstehen da neue Sprachen, treffen Kulturen aufeinander, vermischen sich Familien und Kochstile. Aber meistens sterben zwischendrin auch ein Haufen Leute und es passiert jede Menge anderer Scheiß.

Trotzdem ist das wahrscheinlich richtig: Die konfliktbeladenen Grenzzonen, ob in Israel/Palästina, Mexiko/USA, Europa/Nordafrika fördern ungeachtet der kollektiven und individuellen Tragödien einen erstaunlichen Erfindungs- und Überlebenskünstlerreichtum zu Tage. Man sollte nur nicht auf die Idee kommen, damit irgendwas an der Ausgrenzung und Gewalt kompensieren zu wollen, die stattfindet. Aber es ist ein Teil der Realität.

In gewisser Weise müssen alle zeitgenössischen Erzählungen sich dieser komplexen Gestalt der Grenze stellen, in gewisser Weise sollten alle Erzählungen Biographien der Grenze sein. Erzählungen, die die Grenzen nicht rechtfertigen, normalisieren, festschreiben, sondern anerkennen, was passiert. Und versuchen zu verstehen, was genau los ist.

Warum Biographien? Weil sie Geschichten einer Sterblichen sind. Bezogen auf die Grenze ist die Biographie eine Gattung, die sehr viel Realitätssinn mit ein wenig Wunschdenken vermischt.

Die Biographien der Grenze sind auf keinen Fall Rechtfertigungen dafür, dass es Grenzen gibt. Keine Grenzverteidigungen. Die erfolgreichsten Biographien werden ja meistens über tote weiße Männer geschrieben. Gehen wir also bewusst fälschlich davon aus, dass die Grenze ein weißer Mann ist und schreiben wir seine Biographie! Vielleicht beschleunigen wir dadurch ein wenig seine Abschaffung.

Über Samir Sellami

istinalog.net
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