The Secret Of Swedish Pop Music

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Am späten Nachmittag will ich mit meinem Handy Fotos von Stockholm machen. Aussichtslos. Das einzige, was zu erkennen ist, sind die Straßenlaternen, verschwommene Lichtflecken auf schwarzem Grund. Also kein Bild von der Steilküste von Södermalm. Kein Bild von der unruhig am Kai leckenden Ostsee. Kein Bild vom Rathaus, das wie eine riesige, finstere Kirche über das Wasser ragt.

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Weil ich für jeden Scheiß ein Zitat habe, weil Zitate offensichtlich das Mittel sind, mit dem ich versuche Sinn in mein Leben zu organisieren, fällt mir natürlich auch hier eins ein, während ich vergeblich versuche meine Geburtsstadt zu fotografieren. Es ist von der amerikanischen Drag-Queen RuPaul: „Drag is very dangerous because it, throughout the ages, has reminded our culture that we are not who we think we are. You are not who you think you are. This is just a temporary package that you’ve put together on this planet and it’s not to be taken seriously. You’re supposed to have fun with it.“

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Wenn mich jemand fragt, woher ich komme, dann sage ich inzwischen folgendes: „Meinpapaistausschwedenmeinemutteristausnordrheinwestfalenundichbinauf-gewachsenindernähevonmünchenundindernähevonheidelberg.“
Ich habe mich nirgendwo so assimiliert, als dass ich sagen könnte, ich käme da her. Ich bin allerdings auch privilegiert: Wenn ich müde bin, kann ich einfach sagen „Ich bin aus Hannover“ und keiner fragt mich nach meiner Hautfarbe.

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Mein Onkel ist Staatsanwalt und spielt Gitarre in einer Polizeiband. Nachts bei Krabben und Kognak zeigt er mir neue schwedische Popmusik. Da ist eine Frau, die heißt Laleh. Ihr Lied ist sehr upbeat, es handelt davon, wie der Frühling endlich kommt, wie sie alles erleben möchte, dass sie noch nicht bereit ist zu sterben. Mando Diao haben ihr erstes Album auf Schwedisch aufgenommen. Es sind Vertonungen von Gedichten des 19.-Jahrhundert-Dichters Gustaf Fröding, von dem ich mal dumpf was gehört habe. Die erste Zeile, die mir entgegenschallt, heißt frei übersetzt so: „Sonne, Sonne, so schön, leuchte, leuchte weiter mein Licht.“

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Die schwedische Fahne, jeder hat sie ja zumindest bei Ikea schon einmal wahrgenommen, ist ein gelbes Kreuz auf blauem Grund. Und ja, das soll tatsächlich die Sonne sein. Weil man sie in diesem Land so selten zu Gesicht bekommt, ist sie wenigstens auf der Fahne zu sehen.

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Der Schwede Carl von Linné gab unserer Spezies den Namen homo sapiens. Warum es aber überhaupt homo sapiens in Schweden gibt, ist ein bisschen unklar. Wir sind schließlich eine Affenart aus Afrika, über Indien kamen wir nach Europa, und einige von uns landeten dann dort, in der Kälte und der Dunkelheit. Da leben sie nun, da haben sie sich eingerichtet. Die Haut ist bleicher geworden, die Stimmen leiser und die Seufzer tiefer. Um die natürliche Dunkelheit nicht zu stören, lässt man die Lampen in Schweden gedimmt. Wohl weil man weiß, dass sie die Sonne nicht ersetzen können.

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In absoluten Zahlen ist Schweden der drittgrößte Musikexporteur der Welt. Im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt ist Schweden sogar der Größte. Was macht schwedische Popmusik so besonders? Es ist die Dunkelheit, gegen die sie ansingen, mit ihren süßen und melodischen Liedern. Liedern, die sie erinnern an den kurzen Sommer, an den einen Augenblick, wenn doch mal ein Lichtstrahl durch die Wolkendecke bricht, und in der freudigen Erinnerung an diesen Moment ist die Trauer über seine Vergänglichkeit bereits inbegriffen. Das sind die komplex-melancholischen Harmonien von ABBA. Das ist „Losing My Favorite Game“.

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Das schönste schwedische Weihnachtslied handelt nicht vom Jesuskind, sondern vom Licht, das der Stern von Betlehem wirft. Zwei Wochen vor Weihnachten hat Schweden noch einen eigenen Feiertag, an dem eine aus Italien importierte Heilige, Santa Lucia, die dunklen Stuben aufhellt. Santa Lucia feiert man mit einer Prozession von weiß gekleideten, kerzentragenden Kindern, die von einer weiß gekleideten, kerzengekrönten jungen Frau angeführt wird. In München habe ich an der schwedischen „Schule“, die ich da besuchte, selber bei diesen Prozessionen mitgemacht. Wir zeigten sie einmal im Bürgerhaus des Vorortes Neubiberg. Der Bürgermeister von Neubiberg soll unter Tränen gesagt haben, so was Schönes habe er in seinem Leben noch nicht gesehen.

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(Das Lied heißt „Bevor alles verschwindet“. Mehr muss man darüber eigentlich nicht wissen.)

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Eine Antwort zu The Secret Of Swedish Pop Music

  1. Gian schreibt:

    Drittekulturkind ;p

    ich habe übrigens einen Zitat von Rupaul in einer von meinen Hausarbeite benutzt ;)

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