Die zwei Körper des Hoeneß

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(Triggerwarnung: Kann verletzende Thomasbernhardwutausbrüche gegen alle am Hoeneß-Steuer-Zirkus Beteiligten enthalten. FC Bayern Fans werden pauschal beleidigt und mit Franz Beckenbauer gleichgesetzt.)

Ich habe ja eigentlich nie eine große Lust über den Fußball zu schreiben, weil Fußballspielen ja zwar zu den schönsten Dingen gehört, die man tun kann, aber Fußballschreiben (über den Fußballzirkus, nicht über den Sport) eben auch zu den dämlichsten. Der ganze Zirkus um den steuerhinterziehenden, wurstverkaufenden Hoeneß aber lässt mir ja gar keine andere Wahl.

Das Allerärgerlichste an der ganzen Debatte ist, wie der Hoeneß von allen Beteiligten einmal in der Mitte auseinandergeschnitten wird in einen sogenannten Privatmann Hoeneß und einen sogenannten Präsidenten Hoeneß. „Ich habe diese Fehler als Privatmann gemacht und stehe als Privatmann dazu.“ Was uns da weißgemacht werden soll, ist erstens, dass die Arbeit des Präsidenten Hoeneß unter diesen privaten „Fehlern“ des Privatmann Hoeneß nicht gelitten hat, und zweitens, dass es eine reine, unangetastete Seite des Hoeneß gibt, die von solchen „Fehlern“ unberührt bleibt.

Wichtiger noch als die Bedeutung der Wörter, ist aber die Botschaft der Sätze. Glasklare „Verbrechen“ werden zu sogenannten „Fehlern“ herunterverdunkelt. Und in all dem Sumpf der Bereicherung darf der Privatmann Hoeneß sich auch noch mittelalterliche Tugenden wie Triuwe & Ehre („ich stehe als Privatmann dazu“) auf die Fahnen schreiben, die das Fußvolk im Stadion dann in den Fernsehapparat schwenken muss.

Es geht noch weiter: Für die Rechtfertigung der skandalösen Tatsache, dass Präsident Hoeneß noch immer in Amt & Würden ist, werden der „Verwaltungsbeirat, der Aufsichtsrat und die Fans“ als Unterstützer herangezogen. Wer rhetorische Kniffe lernen will, beachte, wie Zahl & Bedeutung der Unterstützer durch die lächerliche Aufspaltung der Anzugsträger & Scampifresser in „Verwaltungsbeirat“ und „Aufsichtsrat“ künstlich vergrößert wird. Und schließlich die Fans…

Ein Uli Hoeneß, es gibt nur ein Uli Hoeneß, singen die Fans. Ja, die Fans, die Fans des FC Bayern, genau die, die seit dem Triple die anscheinend größte moralische Instanz in diesem Land sind, die allmorgendlich zu BILD & Kaffee über die unverdient Reichen hermotzen, aber allsamstaglich ungeniert ihrem Spezi Hoeneß die „Sulidarität“ ausschwenken. Immerhin, könnte man zugeben, haben sie den Schneid, aus dem einen Uli keine zwei Hoeneß-Körper zu machen, damit der eine bewahrt werden kann, wenn der andere zerstört wird.

Überhaupt scheint in der Debatte die Zahl zwei eine magische Anziehungskraft zu besitzen. Selbst die katholische Kirche gewährt dir eine zweite Chance. Also bitte, warum sollte das die Öffentlichkeit und das Gericht nicht tun?“ Also bitte, wer anders, als der saublöde Beckenbauer könnte so einen Satz, an dem doch wirklich alles falsch ist, verbrochen haben?

Ich habe kein Interesse daran, den Hoeneß zu verhöhnen. Nicht, weil ich so viel Mitleid mit ihm hätte. Warum auch Mitleid? Von einer Hetzjagd, wie manche behaupten, kann ja auch überhaupt keine Rede sein. Die Kritik ist sachlich, manchmal scharf, distanziert sich aber selten ausdrücklich genug von der Zwei-Körper-These. Wenn Hoeneß an den Pranger gestellt wird, ist das ja nicht mehr als recht, von einer Vorverurteilung kann keine Rede sein, Hoeneß hat ja gestanden. Nicht weil ich Mitleid hätte also, sondern weil es so unendlich einfach und entsetzlich langweilig ist, habe ich keine Lust auf Hohn & Spott.

Biblin - The King-of-the-seas-1911

Ein Uli Hoeneß, es gibt nur ein Uli Hoeneß. So ganz stimmt das ja nicht. Das hat SPD-Fraktionsvize Joachim Poß in einem in der Debatte seltenen Anflug von Unbestechlichkeit richtig gesehen, als er Hoeneß als eine „Symbolfigur der Oberschichtenkriminalität“ bezeichnet hat. Zwar hat der echte Uli nur einen Körper, aber als Soziotyp dürfte er in unzähligen Dubletten in allen denkbaren Wiedergänger-Größen überall da draußen herumlaufen. Die Unterstützung von „Aufsichtsrat, Verwaltungsbeirat und Fans“ trägt nicht gerade zur längst fälligen Diskreditierung dieses Soziotyps bei. Nochmal: Verhöhnung interessiert mich nicht. Aber diese Emporhebung eines ehemals hochtalentierten Fußballers, der sehr gut Würschtle verkaufen und einem der schwierigsten Vereine erfolgreich neoliberale Marketingprinzipien einimpfen kann und der ein bissl weniger saublöd ist als all die andern Sausaublöden um ihn herum – das ist einfach nur skandalös.

Darum müsste der Ernst Kantorowicz nochmal aus dem Grab hervorsteigen und sein gewaltiges Buch über die Zwei Körper des Königs, den natürlichen, sterblichen und den übersinnlichen, unsterblichen in die Gegenwart umschreiben. Vielleicht würde er dann auch in die Zukunft schauen und voraussehen, wie die Trennung der Körper genau in dem Moment aufgehoben wird, wo das Machtmonopol zusammenbricht.

Wenn nämlich König Hoeneß verurteilt und dann auch als Präsident des FC Bayern entthront wird, werden zwei Dinge ans Tageslicht treten. Erstens: Die ungeheure Macht, die Deutschlands erfolgreichster Würschtleverkäufer hatte und die ihn davor bewahrt, dass trotz ausreichender Faktenlage niemand aus dem Internakreis jetzt schon am Königsstuhl sägt. Und zweitens: Das Rudelverhalten der Anzugsträger & Scampifresser, wenn Hoeneß fallen gelassen wird, so wie trotz ungeheurer Macht jeder von heute auf morgen fallen gelassen wird, wenn es um den Erhalt des eigenen Status Quo geht.

Über Samir Sellami

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