Beim Zahnarzt

Zähne

Weil ich für jede weiße Zahnfüllung 40 Euro Zusatz bezahlen muss, nehme ich für oben Amalgam, man sieht es nicht, sagt Frau Dr. K., und ich lasse alles über mich ergehen, ohne den geringsten Hass auf Privatpatienten zu entwickeln, ein gutes Gefühl, so schuldlos dazuliegen ohne Hass und Neid.

Frau Dr. K. ist ziemlich sympathisch. Als ich heute Mittag die Praxis betrat, zum dritten Mal, fühlte ich mich schon beinahe wohl, wie am Übergang zum Stammgastdasein in der geliebten Kneipe. Empfangsraum, Wartesaal und Behandlungszimmer sind nicht wie sonst durch Türen des Schreckens und Wände des Jammers voneinander getrennt, sondern gehen halb geöffnet ineinander über, im Wartesaal läuft erstaunlich unnervige Loungemusik, an der Seite liegen nur wenige Zeitschriften, darunter durchaus Lesbares: Elf Freunde, die Brigitte und ein Magazin über den Wedding.

Ich lese in einem Band mit Erzählungen von Nicolas Born, gerade wird die Tolle eins Boxers im Ruhestand beschrieben: altes, schwarzes gedrechseltes Stück, da werde ich auch schon aufgerufen und fühle die eigenartige Schwere der Realität, wie immer, wenn mir von außen bestätigt wird, dass es meinen Namen wirklich gibt, dass er nicht nur für meinen Kopf existiert.

Beim Warten fällt mein Blick auf das obligatorische Bücherregal, das aus lauter unterschiedlichen Zahnlexika und -nachschlagewerken besteht, und auf die Psychrembel und ich frage mich, ob es die Krankheit oder die Sucht oder den Zwang gibt, dauernd zum Zahnarzt gehen zu müssen. Ich habe in meinem Zivildienst das ein oder andere gesehen, u.a. einen Typen, der sich zwanghaft die Haare ausriss (Tillochotomanie oder so), und ich halte es für möglich.

Wenn Frau Dr. K. und ihre Arzthelferin (sagt man noch so?), Anna, sich über mich beugen, ist es schwer, ihnen nicht direkt in die Augen zu sehen, aber ich schaue an beiden vorbei, direkt in das Licht einer Lampe der Marke „Kavolux“. Dadurch beginnen meine Augen leicht zu tränen, Frau Dr. K. vermutet einen Schmerz, aber ich habe ja die Betäubung und winke ab, also weiter. Frau Dr. K. macht eine Füllung, d.h. sie bohrt erst einmal den Zahn auf, trägt dann den Karies solange ab, bis sie harte Zahnsubstanz fühlt, denn Karies sei ja nichts anderes als weich gewordene Zahnsubstanz, spannt dann den Zahn in einen mickrigen Schraubstock, öffnet Amalgam-Kapseln, die nach Banane riechen, schießt die Amalgamfüllung in den geöffneten Zahn, spritzt vielleicht irgendeine Flüssigkeit nach und wartet dann eine Weile, bis sie die Schraubstöcke wieder abnimmt.

Während der Behandlung spricht sie mit Anna, die ihr in so einem sanften Berlinerisch antwortet, dass zur Hässlichkeit nicht aufdringlich genug ist, um attraktiv zu sein aber nicht ausreichend selbstverständlich klingt. Sie spricht mit Anna, die scheinbar alles sehr richtig macht, weil sie immer wieder gelobt wird, und die manchmal die Augen schließt oder sich abwendet, und natürlich frage ich mich warum, ob ich Mundgeruch habe oder ob es ihr einfach nur schwerfällt, in einen fremden Mund zu schauen, was bei einer Zahnarzthelferin natürlich wahnsinnig wahrscheinlich ist.

Sie spricht mit Anna, von der ich nicht weiß, wie sie unter ihrem Mund- und Naseschutz aussieht, in dieser Geheimsprache, die ich nicht verstehen kann, aber hinter der ich immer das Ende meiner Zähne fürchte, null eins, eins vier, eins fünf auch, tz tz tz, Verdacht auf irgendwas, hm ja: da is leider auch irgendwas, lateinische Fachbegriffe, die ich stumm nachspreche, damit ich sie mir einpräge, um sie später zu googlen, die ich dann aber doch wieder vergesse.

Es ist eine Geheimsprache, von der man als Patient beleidigt sein könnte, weil man von ihr nicht ernst genommen wird, nicht der Wahrheit fähig und würdig, eine Sprache, die einen aber doch zugleich verschont, denn eigentlich will ich ja gar nichts wissen, sondern will nur wieder gehen dürfen, will, dass alles vorbei ist, dass ich entlassen bin, der Schaden beseitigt und die Zähne bis auf Weiteres wiederhergestellt.

Heute Morgen beim mühsamen Aufstehen lag mir der Geschmack eines Satzes im Mund: Es gibt keine Erlösung ohne Schuldgefühle, und natürlich muss ich jetzt wieder daran denken. Wenn es das Wort Unbehagen nicht gäbe, müsste ich an dieser Stelle aufwendig erklären, welche Art von Angst das ist, so auf der Liege zu liegen, den vertrauensvollen Händen der Ärztin, den Saugern und Bohrern, dem Sich-Abwenden der Arzthelferin ausgeliefert, ausgeliefert mitsamt seinem ganzen Vertrauen und dem feigen Es-wird-schon-alles-gut-gehen-Gefühl. Aber wahrscheinlich kennt das eh jede und es ist nicht nötig.

Über Samir Sellami

istinalog.net
Dieser Beitrag wurde unter Ich, Leben abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Beim Zahnarzt

  1. drbender schreibt:

    Es ist wirklich informative Beitrag über Glamourfotografie und fand große Anmerkungen überhaupt.

    • Samir Sellami schreibt:

      Lieber drbender,
      es war mir gar nicht bewusst, welche unbeabsichtigten Bedeutungsnuancen mein kleiner Post entfalten kann („Glamourfotografie“), und ich warte daher gespannt auf noch mehr diesbezügliche „Anmerkungen“.

  2. shehadistan schreibt:

    Lass uns irgendwann zusammen zum Zahnarzt gehen.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s