Erwiderung auf die Rede des Billeteurs

„Von welchem Theater träumen wir?“ ist der Titel des Jubiläumskongresses des Wiener Burgtheaters, zu dem viele große Nasen des deutschsprachigen Theaters angereist sind, um allerlei Schwammiges dazu zu sagen. Gestört wurde dieser Kongress von einem Billetteur des Burgtheaters, der nach einer Pause die Bühne stürmte und erfolglos versuchte, eine Rede zu halten. Den Vorfall gibt es oben im Video. Die Rede, die er halten wollte, findet man hier. Wer sie nicht gelesen hat, wird nicht verstehen, wovon ich jetzt spreche.

Schiller sagt, das Theater ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Genauso verhält es sich. Nach außen übt es sich in Gesellschafts- und Kulturkritik, wütet gegen Verwertungszwang, Beschleunigung, ja den Kapitalismus überhaupt, und innen ist es beherrscht von Verdrängungswettbewerb, Selbstvermarktung, ökonomischer Ausbeutung und immer kurzsichtigeren Hypes. So wie wir auch im privaten brav die nächste Avaaz.org Petition anklicken (Die Wale! Die Bienen! Die Flüchtlinge!) und dann lechzend sofort das neue MacBook kaufen.

Mein Punkt ist der, dass es ohne Umwälzung der Gesellschaft keine Umwälzung des Theaters geben wird. Wenn das Burgtheater jetzt aufhört mit dem Securityunternehmen G4S zusammenzuarbeiten, ist das ungefähr genauso folgenreich, wie damals, als Starbucks auf ökologischen Kaffee umgeschwenkt ist. Am System ändert sich nichts. Die Illusion aber, dass das Theater die Gesellschaft verändern könnte, hat nicht der Billeteur in seiner durchaus bemerkenswerten Performance geschaffen, sondern das Theater selbst.

Illusion ist immer noch das Kerngeschäft des Theaters, so sehr mir da einige widersprechen werden. Die Illusion des trompe l’oeil und der vierten Wand ist nur einer anderen Illusion gewichen: Der Illusion auf der richtigen Seite zu stehen. Der Illusion, zu etwas dazuzugehören. Der Illusion, dass die Welt von handelnden Subjekten bestimmt wird, und deswegen veränderbar ist. Wir schaffen aber nicht nur Illusionen für das Publikum, sondern auch Illusionen für uns selbst. Die Illusion, dass wir etwas zu sagen hätten. Die Illusion, dass Applaus uns glücklich macht. Die Illusion, dass wir etwas bewegen können, mit dem was wir tun.

„Illusion“ ist hier nicht nur negativ gemeint. Ich glaube nicht, dass ein Mensch ohne Illusionen leben kann. Ich glaube nicht, dass eine Gesellschaft ohne kollektive Illusionen funktionieren kann. Nimm einem Menschen seine Lebenslüge, und du nimmst ihm sein Glück, sagt Ibsen. Sinnstiftung ist immer Illusion, und trotzdem bleibt sie wichtig. Das Theater erfüllt also eine absolut notwendige Funktion. Aber eine performative Intervention im öffentlichen Raum ist keine Alternative zum Umsturz des Systems (so man den denn will). Das heißt nicht, dass wir aufhören sollten, performative Interventionen im öffentlichen Raum zu machen. Aber ein bisschen weniger Dünkel stünde uns dabei schon gut an.

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6 Antworten zu Erwiderung auf die Rede des Billeteurs

  1. Holuan schreibt:

    Also, im Prinzip ist dieser Kommentar ein interessanter Ansatz um diese Problematik aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

    Aber ich glaube, dass es dem Billeteur um etwas anderes ging als den Sturz des „Systems“. Die G4S sind eine Security Firma, die weltweit agiert und immer wieder in Kontroversen und Menschenrechtsverletzungen verwickelt ist. Der Anspruch des Theaters Missstände aufzuzeigen und Gesellschaftskritik zu üben, wird durch den Vertrag mit so einem Unternehmen unterminiert. Es geht hier um die Grundsätzliche Frage, wie ernst man kulturelle Einrichtungen überhaupt noch nehmen kann, die ihre Prinzipien verkaufen nur weil die Politik es so verlangt. Sind wir Betriebswirte oder Weltverbesserer?

    G4S übernimmt übrigens jetzt auch ein Schubhaft Zentrum in Österreich. Als nächstes privatisieren wir dann die Polizei und das Bundesheer.

    Ich träume von einem Theater, dass sich nicht in die Geiselhaft der Politik und der öffentlichen Hand begibt, sondern kritisch ist und nicht in Wehleidigkeit versinkt.

  2. exzw schreibt:

    Mit Sicherheit gibt es jene, die sich Schulter klopfend von Dannen machen, sobald sie mit solcher Art Intervention ihre moralische Keule geschwungen haben. Ob der Billeteur zu solchen gehört weiß ich nicht, jedoch finde ich es an dieser Stelle sehr fragwürdig mit großen Begriffen wie „Gesellschaft“, „Umsturz“ und „System“ zu hantieren und gleichzeitig das Theater als dessen Spiegelbild darzustellen. Der Maßstab einer solchen Funktion bleibt aufklärerische Illusion! Und so finde ich, dass – wenn ihr euch schon mit euren Blogeinträgen zeitgemäß vom „souveränen handelnden Subjekt“ verabschiedet – es um so mehr den eigenen Handlungsradius sichtbar zu machen gilt! Solche Aktionen tragen dazu bei, da sie eben nicht DIE „Welt“ verändern, nicht DEN „Umsturz“ und sich nicht auf DER „richtigen Seite“ begreifen, sondern teilnehmen und Verantwortung übernehmen wollen. Denn „Dinge von Belang“ (Latour) müssen konkret ausgelöst werden, es reicht nicht sie zu Benennen!

    • Frederik Tidén schreibt:

      Unser Problem ist aber nicht, dass wir nicht aufgeklärt wären. Unser Problem ist, dass sich trotz unserer Aufklärung, trotz unserer Demonstrationen, trotz unserer immer wieder errungenen Teilsiege (und die Trennung der österreichischen Theater von G4S wäre so einer), sich insgesamt nichts ändert. Die Ursachen dafür sind vielfältig und tiefgreifend, und ich habe keine Ahnung wie man ihnen begegnen soll. Aber das Problem muss man anerkennen. Eben gerade anerkennen, wie klein der Wirkungsradius auch einer so bemerkenswerten Aktion wie der des Billeteurs ist. Anerkennen, dass das Theater als moralische Anstalt eben kein subversives Einwirken in die Gesellschaft, sondern systemstabilisierende Illusionen für die Gesellschaft bedeutet.

      • exzw schreibt:

        Wenn von einem Ganzen her gedacht wird ist es klar, dass sich scheinbar nichts verändert. In Anbetracht ökologischer Faktoren ist es zweifelsohne auch derartig auszulegen, dass das Umdenken/handeln zu langsam geschieht. Doch ich verstehe nach wie vor nicht ganz worauf du mit deiner Betrachtung der „Rede“ hinaus willst?
        Ist dir daran gelegen vorzuführen, dass kein „richtiges Leben im Falschen“ möglich ist?
        Möchtest du die politische Wirksamkeit solcher Aktionen anzweifeln, um auf eine radikale „Revolution“ zu verweisen? Komisch. Du behauptest zwar, dass das Theater Illusionsmaschine sei, aber ziehst nicht in Betracht das gerade dort „andere Erzählungen“ & „andere Räume“ hergestellt werden können. Wenn jeder innerhalb institutionalisierter Strukturen, ob Burgtheater, Post oder Twitter, sich seiner system(de)stabilisierenden Illusionen annehmen würde – nicht bloße lupenreine Kongresse zu Utopie-Begriffen und der Zukunft des Theaers veranstalten würde – dann würden mehr „Akteure, verändernder Wirksamkeit“ (Latour) sichtbar werden! Daraus würde sich die logische Konsequenz einer „beschleunigten“ Veränderung ergeben, nicht jedoch indem die eigene Wirkmächtigkeit beklagt wird.

        Hier noch ein Zitat von Christian Diaz – dem Billeteur – selbst, welches eben gerade beleuchtet, dass es ihm nicht darum geht dass das Burgtheater bloß die Zusammenarbeit mit G4S unterlässt, sondern dass jeder den Maßstab seiner „Begriffe“ runterbricht auf den eigenen Handlungsradius:

        „Mit meiner Intervention hatte ich nicht vor, die Menschenrechtsverletzungen meines ehemaligen Arbeitgebers „außerhalb Österreichs“ in den Fokus zu rücken. Meine Absicht war es, mit dem konkreten Fall meines Arbeitgebers und seiner Verbindung zu meinem Arbeitsort auf eine allgemeine Problematik hinzuweisen: Es reicht heute nicht mehr aus, neoliberale Ausbeutungsverhältnisse und die Prekarisierung von Arbeit in einem nationalen Rahmen zu begreifen.“
        – Christian Diaz (Erwiderung des Billeteurs nach der Stellungnahme der Intendanz)

  3. Frederik Tidén schreibt:

    Ich habe nichts gegen andere Räume und andere Erzählungen. Im Gegenteil. Aber ich halte sie in ihrer Wirkung für heillos überschätzt. Ich weiß nicht was der Mechanismus sein soll, der den Impuls der aus diesen Räumen kommt in nachhaltige gesellschaftliche Veränderung umwandelt. Zumal, wie im Fall des Theaters, nur 0,3% der Gesellschaft diese Räume überhaupt besuchen. Levi Bryant schreibt auf Larval Subjects:

    Capitalism doesn’t need people to have intentions in favor of it to sustain itself. It doesn’t need people to know that it exists to take place. It doesn’t need people to believe in it to work. All it requires to exist is for people to engage in certain practices of exchange. That’s it. This is probably why ideology critique is of limited value in responding to capitalism. Ideology critique can serve the functioning of awakening people to the existence of capitalism and disabusing them of beliefs about capitalism being positive or good by demonstrating the manner in which such a system of exchange generate systematic injustice, crisis, exploitation, etc. However, such critiques in and of themselves do nothing to combat this particular form of exchange. It merely creates subjects that might devise strategies for interrupting such a system.

    Ich habe überhaupt nichts gegen die Aktion von Christian Diaz. Aber ihre Verwertung und Rezeption folgt einem Muster, dessen wich wirklich Überdrüssig bin. X-fach bekomme ich den Link von meinen ganzen Theaterfreunden in die Timeline gespült, alle sind auf der richtigen Seite, alle sind in hoher Aufregung, irgendwelche Petitionen werden verschickt, ein paar Interviews werden geführt, vielleicht trennt sich das Burgtheater von G4S, vielleicht auch nicht, denn schon wenige Tage später nimmt das Interesse rapide ab, der nächste Schrei ist „Russel Brand may have started a Revolution“. Ja, der Russel Brand. Auch der ist jetzt ein sichtbarer Akteur. So lange aber diese Akteure keine wirksamen Strategien entwickeln, wird sich nichts verändern. Und „wenn alle würden“ ist keine Strategie. Wenn man die ganze Gesellschaft durch moralische Appelle dazu bringen könnte, jeweils im eigenen Handlungsradius kollektiv das Richtige zu tun, dann wären unsere Probleme schon vorgestern gelöst worden. Stattdessen erzählen diese Appelle nur das, was die Adressaten ohnehin schon wissen, und fördern die Identitätsbildung von linken Künstlern, mit der Illusion etwas bewirkt zu haben. “ Es reicht heute nicht mehr aus, neoliberale Ausbeutungsverhältnisse und die Prekarisierung von Arbeit in einem nationalen Rahmen zu begreifen“ Bei aller Sympathie, aber ich weiß nicht, wen diese Erkenntnis noch hinter dem Ofen hervorlocken soll.

    Zu Latour kann ich mich nicht qualifiziert äußern, den habe ich nicht gelesen. Dafür ist bei uns Samir zuständig. ;)

  4. exzw schreibt:

    Ok. Ich verstehe allmählich worauf du hinaus willst und ich pflichte dir bei, dass der „politische“ Profilierungswahn einiger Leute durch die lächerliche Aura des Verlinkens zugegebenermaßen eine traurige Erscheinung ist. Dennoch glaube ich, dass zwischen „unseren“ Positionen Wirkpotenzial liegt, so zum Beispiel in dieser Synthese: es gilt Strategien und Mechanismen zu entwickeln, wie die Impulse „anderer Räume“ in nachhaltige gesellschaftliche Veränderungen umgewandelt werden können. Beispielsweise müssten wir uns mehr wie in Laboratorien verhalten. Ein Bild, welches ja auch im Zusammenhang mit dem Theater häufig fällt: ist es entweder Museum oder Laboratorium. Das Letzteres häufig auch bloß zur „postdramatischen“ Flosskel verkommt, liegt meines Erachtens gerade darin, dass sich „Kunst“ überhaupt zu oft ihrer kulturstiftenden Funktion verweigert oder nicht annimmt. Daher auch meine Frage, wieso du nicht „anders“ über die Aktion berichtest. Was du aber ja letztlich ausgehend von der scheinheiligen Rezeption vieler getan hast. War mir anfänglich nur nicht klar worauf du hinaus wolltest. Greets, Nick-J.L. ;)

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