Kathrin Rögglas Wirklichkeitswut

Eigentlich wollte ich auf ISTINA schon lange eine neue Reihe beginnen. Sie soll irgendeinen nüchternen Titel tragen, etwa „Material für eine zeitgenössische Poetik“ oder so ähnlich. Es werden Schriftsteller vorgestellt, die irgendwas Geiles gemacht haben, was es für die Zukunft der Literatur zu bewahren gilt. Jetzt ist mir aber eine Schriftstellerin in die Quere gekommen, die nicht nur Material zu einer aktuellen Poetik, sondern eine solche selbst hergibt. Sie heißt Kathrin Röggla und ich lese gerade ihr Anfang des Jahres erschienenes Buch besser wäre: keine. (Ich sehe in der Vorstellung Freds genervten Gesichtsausdruck, aber erinnere daran, dass es zum guten Ton der Avantgarden gehörte, massenhaft Projekte zu planen, die von vorneherein aufs Scheitern aus sind.)

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Der Band versammelt Essays und Theater, die stilistisch und thematisch problemlos ineinander übergehen. Es geht um die zweifelhafte Arbeit der NGOs in Zentralasien, den Ideologiesound der Börsianer, Schuldenfallen, Zombies und Gespenster. Eines der vielen Hauptinteressen Rögglas gilt dem Katastrophischen, der Frage, wie Katastrophen produziert werden und wem sie am meisten nutzen, welches Zeitmaß die Katastrophe ins Leben ruft und welche Räume sich mit ihm beherrschen lassen. Und dass die Katastrophe, die natürliche und die konstruierte, längst nicht mehr nur noch im Ausnahmezustand herrscht.

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Der Ausnahmezustand ist Normalität, die Katastrophe der vorherrschende Wirklichkeitsmodus. Folgerichtig geht es allerorten um die Frage: Was ist Realismus? Oder besser gesagt: Welche Art von Realismus brauchen wir?

Sicher nicht den der Ökonomen, der jede echte politische Aussage als idealistisch abtut. Der ökonomische sogenannten Realismus will sich aber immer dadurch hervortun, dass er aus nichts als Fakten besteht. Zum Realen gehört aber eben auch und vielleicht sogar mehr als je zuvor das Fiktive, Fingierte, Illusorische, das Wünschen und Fürchten, das Scheitern, der Zufall, die Leidenschaft, Hass und Verachtung, das Unsichtbare und Abgründige, das Hereinbrechen des absolut Unerwarteten.

Das Problem ist dabei: Der ökonomische Realismus macht ziemlich erfolgreich den Anschein, als sei er vollständig durchrationalisiert – daher seine große Wirkung auf alle, die nicht für ästhetisches Verstehen empfänglich sein wollen. Es ist unendlich schwer, diese Leute davon überzeugen, dass dieser rationale Anschein durch höchsten Irrationalismus anderswo erkauft ist. Der ökonomische sogenannte Realismus zeigt immerzu auf seine weiße Weste. Aber er tut dies mit schmutzigen Fingern. Und wen interessieren schon die Finger?

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Kathrin Röggla interessieren die Finger und alle anderen Stellen, wo sich der Schmutz verbirgt. Ihre unerbittliche Maschine arbeitet mit mindestens drei Instrumenten zugleich. Erstens mit Analyse, zweitens mit Dialog, drittens mit Rekonstruktion.

Dabei erfährt man auch, wie es sich für ein vernünftiges literarisches Unterfangen gehört, etwas über die Potentiale dieser Instrumente. Analytisch bedeutet hier: Unterscheidungen treffen, damit Beziehungen sichtbar werden. Dialog meint: Auflehnung gegen den auf Repeat gestellten Monolog der Mächtigen, in dessen Loop das System sich permanent selbst vergewissert.

Und Rekonstruktion heißt zwar wenig überraschend: die Recherche im realen Leben und Handeln der Akteure. Aber eben ganz eindeutig auf die Wiedergabe der Randständigkeiten ausgerichtet, auf das, was sonst bei all dem Hunger nach Information neben runterfällt: die Unterbrechungen, Störungen, Übermittlungsfehler, die traurigen Imitationen der bösen Großen durch die lieben Kleinen, die magischen Selbstvergewisserungen der Betriebswirtschaftsinfizierten und ihr streifenhemdiges und haargeliges Selbstabfeiergewichse.

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Ein guter, wenn auch nicht der beste Text des Bandes heißt: Stottern und Stolpern. Strategien einer literarischen Gesprächsführung. Er gibt den Titel her für ein Verfahren, das Röggla mit dem ein oder andern Literaturhelden teilt, nämlich dem hypereffektiven Hineinstottern in den Text, dem Ausstreuen von Stolpersteinen, die den Text ins Rollen bringen anstatt ihn am Start zu hindern. Wer vergessen hat, wie effektiv ein solcher Stolperstart sein kann, der sollte sich nochmal den Anfang von Kleists Zerbrochenem Krug ansehen.

Die Effektivität der Textdynamik, die sich gegen das Stolpern durchsetzt, ist wirklich was Subversives, weil sie nicht nur, wie die FAZ-Herren schreiben, ein albernes Protestgeschrei gegen die Übermacht der Optimierungsfaschisten ist, sondern denen eine ganz andere Ökonomie entgegensetzt.

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Ganz nebenbei gewinnt man eine Einsicht in die Literatur überhaupt. Sie ist immer im Indikativ geschrieben. Das Essay besser wäre: keine ist nicht nur eine smarte Auseinandersetzung mit der Intervention der NGOs in Zentralasien, sondern auch eine implizite Reflexion darüber, wie aus Gesprächsfetzen im Konjunktiv ein poetischer Text im Indikativ wird. In guter Literatur gibt es keine Negativität, nichts Nebensächliches, nichts Mögliches oder Unmögliches, was nicht mit der Effektivität und Evidenz der poetischen Sprache zu einer gemeinsamen Intensität versammelt würde. Alle möglichen Kombinationen von – und + ergeben in der Literatur +, außer + und +.

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Das ist es, was für Kleist die Literatur ausmacht: in Erz gegossener Möglichkeitssinn.

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Wirklichkeitshunger heißt: so viel Infos und Pseudo-Infos wie möglich in sich rein fressen zu wollen. Wirklichkeitswut heißt: unbedingt wissen wollen, was wirklich und eigentlich los ist da draußen.

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„Kollegen waren gestorben, einer, eine Art Intimfeind oder Freund, so genau war das nicht zu entscheiden, habe nicht und nicht von seinem Schreibtisch aufstehen wollen, weil das waren anscheinend seine letzten Worte, es einen Grund gebe, warum er hier sei. Er meinte damit, hier auf seiner Rankingposition. Also dass er diese Karriere geschafft hat, lag an seiner Bereitschaft, alles zu geben und sich nicht von so Lächerlichkeiten wie einem Flugzeug, das ins Gebäude eingedrungen war, ablenken zu lassen.

Diese Anekdote über den Kollegen ist für mich das Sinnbild der Krise: Ein Mann vor dem Bildschirm, die Zahlenkolonnen vor Augen, am Telefon irgendein nerdiger Superreicher, der noch mehr Geld möchte, um absurde Yachten zu kaufen oder eine betonbunkerartige Villa zu bauen, und alles ist „so Yale“, weil man sich von der Elite-Uni her kennt, während sein Büroturm brennt und in sich zusammenzustürzen beginnt. Und nicht nur das, auch die Häuser ringsum brennen und das Museum of Modern Art brennt und letztendlich brennt auch Yale, aber es ist ein anderes Feuer als jenes, das sich von herabstürzendem Kerosin nährt, es ist ein kaltes Feuer, eines, das von innen zu kommen scheint und alles verzehrt, es saugt sozusagen aus allen Dinge die Luft raus.“
(S. 213)

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Das von innen verzehrende Feuer, was für ein Bild. Das hat direkt mit Rögglas Interesse an der Katastrophe zu tun. Die vorherrschende Erscheinungsform des Katastrophischen ist heute eigentlich nicht mehr die Explosion, sondern im Gegenteil: die Implosion. Alles fällt in sich zusammen, weil Steinsubstanz abgetragen wird, die man anderswo für die Stützpfeiler benötigt. Natürlich gibt es Anzeichen des Zusammensturzes. Die werden aber konsequent ignoriert. Und wenn man was merkt, ist es schon zu spät.

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Was ist Realismus? Die Anerkennung der von Wunschdenken bereinigten Wirklichkeit und der Protest dagegen, der Protest gegen diese Wirklichkeit, gegen das Systemische und Notwendige, mit der sie sich ausstattet, damit einige Wenige sich lebenslang bereichern können, bevor sie verrecken. (Probz an Alexander Kluge…)

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Von Idealismus, wie er in dieser Rezension der Frankfurter Allgemeinen unterstellt wird, daher keine Rede. Da heißt es: „Seit Jahren jettet Röggla als vermeintlich eingebettete Beobachterin – eigentlich aber unsere hellwache, kluge Verbündete – durch den absurden Kosmos der Berater, Risikomanager und Entwicklungshelfer“. Moment. Was heißt hier „unsere Seite“? Nur die der Herren von der Eff Aa Zett? Oder die all der lieben Menschen, die irgendwas mit Kultur und Büchern machen? Als ob nicht auch da schon überall der betriebswirtschaftliche Erbsenzählergeist eingesickert wäre.

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Außerdem ist die Beobachtung sachlich irreführend, denn Rögglas Grundeinstellung zur Wirklichkeit, die sie beschreibt, ist nicht oder zumindest nicht eindeutig Verachtung. Der Vergleich ihrer Rhetorik der Zuspitzung, dieses hyperbolischen Sichhineinsteigerns, mit Thomas Bernhard ist ubiquitär. Da ist natürlich auch was dran. Aber bei Röggla ist doch noch mehr Mimikry im Spiel, sogar Einfühlung, noch mehr eklige Faszination für den schmierigen Sprech der BWL-Cyborgs, den sie streckenweise derart minimalistisch, aber auch poetisch veredelt wiedergibt, dass man ihn fast schon schön finden muss (was seine Ekelhaftigkeit im echten Leben ironischerweise noch weiter steigert). Öffentlich abkotzen über „den absurden Kosmos der Berater, Risikomanager und Entwicklungshelfer“, das können ja heute alle, die einen funktionierenden Internetanschluss und die App für den Pizzaservice haben. Aber ihn derart reduktionistisch zu entlarven, dass er in all seiner Ekelhaftigkeit trotzdem zum Klingen kommt, das habe ich bisher so nur bei Kathrin Röggla gelesen.

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Stilistisch ist das eine fabelhafte Reduktion, die sich voll auszahlt. Eine rentable Minusentscheidung.

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Wir lernen: Mimikry bis zu einem gewissen Punkt ist subversiver als Verachtung. Trotzdem enthält sich Röggla nicht immer der Bewertung, wie man es als softer Postmodernist machen würde, gibt sich nicht zufrieden mit den in der Schwebe gehaltenen Möglichkeiten oder dem Irgendwiedazwischen von Phänomenen.

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Zum Problem der Schuldenspirale, in der immerhin so viele Sozialhilfefamilien ersticken, dass das deutsche Privatfernsehen eine Reality-Show daraus machen kann, schreibt Röggla den fast schon beängstigend wahren Satz: „und immer wieder werden briefe nicht geöffnet.“

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Am Ende noch eine Röggla-Definition des Dramatischen: Drama ist, wenn zwei sich nicht kloppen. Wir sind gewohnt, den Konflikt in den Mittelpunkt des Dramas zu stellen. Aber wir haben im Allgemeinen nicht die Phantasie, uns den Konflikt jenseits des Duells, des Zweikampfs vorzustellen. Das Duell ist aber die anachronistischste Form des Konflikts, die man sich überhaupt denken kann. Man muss sich da nur an die Schlussszene aus Spiel mir das Lied vom Tod erinnern, dieses ganze großartige Augen- und Handgelenkgezoome, das Dokumentieren jeder Schweißperle, bevor zwei männliche Revolverhelden auf Augenhöhe den schnelleren Reflex über Leben oder Tod entscheiden lassen. Man muss sich nur daran erinnern und die Duellpartner durch den Menschen einerseits und den Klimawandel, den Finanzmarkt, den Gerichtsvollzieher oder den Geheimdienst andererseits ersetzen.

Drama ist, wenn zwei sich nicht kloppen. Wir sind in einen Wirklichkeitsabschnitt eingetreten, in denen die Hyperrelationen und die Hyperobjekte zur Grundausstattung geworden sind. Der Ausnahmezustand ist Normalität, die Katastrophe der vorherrschende Wirklichkeitsmodus. Das Unsichtbare und die unbezähmbaren Müllberge, der Computerbetrieb auf Exascale (ab 2018) und das Schmelzen der Eiskappen, das ist unsere Realität. Die mittelkleinen und mittelgroßen Dinge spielen ihr Marionettentheater nur noch sonntags auf den Flohmärkten der Großstädte und in den Bauernstuben auf dem Land. Auch wenn es uns täglich aus der Medienwelt entgegenrauscht: Die wahren Konflikte spielen sich längst nicht mehr zwischen souveränen Personen ab.

Über Samir Sellami

istinalog.net
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Eine Antwort zu Kathrin Rögglas Wirklichkeitswut

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