Kunst, die niemand sieht

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Der Filmemacher John Waters sagte einmal „As a child, I wanted problems, but  I didn’t have any yet. So is used to paint my teeth black and put grease and filth in my hair, so that I looked like  a severe drug addict”. So wie er immer schon Probleme wollte, ohne welche zu haben, wollte ich als Kind immer schon sentimental sein, ohne wirklich etwas zu haben, weswegen ich sentimental sein konnte. Mein Leben war damals noch so kurz, dass ich mir alles daraus merken konnte, ich konnte es in meinem Kopf vor- und zurückspulen wie einen Film, und relativ wahllos lud ich stellen aus diesem Film mit rührseliger Bedeutung auf. Inzwischen kann ich mir nicht mehr alles merken, der Tod ist 20 Jahre näher gerückt, und manchmal ist meine übersteuerte Sentimentalität sogar wirklich gerechtfertigt. Das der größte Teil davon an der Stadt München klebt, ist biographischer Zufall. Manchmal frage ich  mich wirklich, warum ich München so mag. Freilichtmuseum und Polizeistaat. Früher, wenn jemand das R auf bayrische Art mit der Zunge gerollt hat, dann bedeutete das Gefahr. Die Jungs, die das R mit der Zunge rollten, spielten Fußball und verprügelten Hänflinge wie mich auf dem Hof. Wenn ich es heute höre, fühle ich mich auf eine perverse Art zuhause.

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Ich bin in der Stadt, um S., einer befreundeten Regisseurin, bei ihrer Performance zu helfen.  Da die unabhängige Jury der Stadt die Fördermittel wieder nur an die üblichen Günstlinge vergeben hat, musste S. die Performance alleine auf die Beine stellen.  Auf der Bühne steht ihr eigenes, privates Bett, und nicht viel sonst. Sie selbst ist die einzige Spielerin. Ihre Performance nennt sich „People“ Untertitel „Ein Einsamkeits-Initiationsritual“, und jeder, der schon einmal richtig einsam war, sich allein zuhause weggeschlossen hat von der Welt, wird sich sofort darin wiedererkennen. S. liegt in Bett, bewegt sich nicht, zappt durch ihre Musiksammlung, ohne je ein Lied richtig anzuhören, macht sich einen Kaffee, ohne ihn zu trinken, dreht sich eine Zigarette ohne sie zu rauchen. Die Einsamkeit in dieser Performance ist groß und stark, und doch fühlt man sich nie bedrängt, nie gezwungen einer Performerin bei ihrer Selbsttheraphie zuzusehen, alles bleibt auf merkwürdige Weise leicht. Am Ende öffnet sich das Bett, und heraus kriechen unzählige Strohwesen, krude und liebevolle kleine Puppen, die S. den ganzen Sommer über gebastelt hat, und leisten der vereinsamten Performerin Gesellschaft. Mit zwei engagierten Mithelfern und ein paar Gefallen aus der Münchner Theaterszene ist aus dem, was anfangs schien wie die Verzweiflungstat einer unterbeschäftigten Regisseurin, ein kleines Ereignis geworden.

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S. sagt über ihre künstlerische Arbeit: „Ich habe zur Finanzkrise nichts zu sagen. Ich habe da kein Verhältnis zu. Ich weiß wie viel ein Liter Milch kostet. Ich weiß wie hoch meine Miete ist. Alles andere wäre nur Behauptung.“

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Ich schlafe bei V. V. sitzt rauchend an seinem Küchentisch, den er selbst gebaut hat, und erzählt charmant und etwas affektiert von seinen Vorsprechen. An der Wand lehnt ein Stück Holz, das beim Tischbauen übrig geblieben ist, und darauf hat V. ein fast perfekte Kopie eines Edward-Hopper-Gemäldes gemalt. Eine Frau die traurig in ihren Kaffee kuckt. V. ist Schauspieler, hätte aber genauso gut bildende Kunst studieren können. Ein paar Zeichnungen für einen Wettbewerb liegen noch irgendwo im Chaos seines Zimmers, er hat sie damals fünf Minuten vor Ablauf der Frist und in Ermangelung einer Mappe mit seinen Schnürsenkeln zusammengebunden. Bei einem Vorsprechen in der Stadt G., so erzählt er mir, hat er die Marion aus Dantons Tod geben. Marion ist eine Prostituierte. Also drückte er vor dem Vorsprechen dem Chefdramaturgen des Theaters in G. ein Eurostück in die Hand und sagte ihm „Wenn du willst, dass es losgeht, musst du werfen.“

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Im Chat mit einem amerikanischen Bekannten. Er ist ursprünglich aus einer winzigen Stadt in Kalifornien, die Saint Louis Obispo heißt. Man nennt die Stadt im allgemeinen nur SLO, genauso ausgesprochen wie das Wort für langsam, und ohne, dass ich je dort gewesen bin, kann ich mir nur anhand des Namens genau vorstellen, wie es da aussieht. Seine Mutter lebt immer noch in SLO. Sie ist Schauspielerin und macht seit Jahren eine Reihe bei verschiedenen Open-Stage-Veranstaltungen, die sich Bus Ladies nennt. Sie stellt Frauen dar, die sie in SLO und Umgebung im Bus gesehen hat, sie kopiert ihren Habitus und erfindet Geschichten und Biographien. Über die Jahre entsteht in dieser Mischung aus Nachahmung und Spekulation ein Porträt der ganzen Gegend. Das bundesweite Supplemental Nutrition Assistance Program, die sogenannten Food Stamps, auf die sie zum Überleben angewiesen ist, sind wegen des Nihilismus und Vandalismus der republikanischen Partei seit Tagen eingestellt.

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Als Madonna Louise Ciccone mit zwanzig nach New York zog, passierte dort für sie Jahrelang nichts. Sie wohnte in winzigen, kakerlakenbefallenen Zimmern oder pennte auf der Couch von Keith Haring, arbeitete an der Garderobe der Danceteria und in zig anderen solchen Jobs, hatte ein Vortanzen nach dem nächsten, aber auch eine Absage nach der nächsten, zu klein, zu dick zu ungelenk. Von einem ihrer Boyfriends ließ sie sich das Gitarrespielen beibringen. Ihre ersten Songs schrieb sie in einer leerstehenden Synagoge. Von dieser Zeit zehrt sie künstlerisch bis heute.

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