Ein realistisches Zeitalter?

Cristales_cueva_de_Naica

In ihrem großartigen Essay von 1999 The Truth of Ecolgy bringt die Literaturwissenschaftlerin Dana Phillips vieles auf den Punkt, unter anderem die krasse Ironie, dass wir die Natur erst jetzt, wo wir sie signifikant entstellt haben, zu erkennen beginnen. Sie beschreibt eine allgemeine Tendenz, mit der ökologisch sensible Literatur und Literaturkritik auf die katastrophale Sachlage reagieren. Und sie lehnt diese Tendenz schonungslos ab:

Four-square realism may not be the world view best suited to helping us understand that irony, just as a sense of place of the sort displayed by Cooper in Rural Hours or by Thoreau in Walden will not prepare one for life in present-day Cooperstown or Concord, much less for the complexities of acid rain, global warming, and a host of other environmental ills. Today, the real is contested not only in the academy, but in reality, whether that reality is hyperreal or not.

Realismus ist in aller Munde: In den Programmen der anspruchsvollen Verlage, in den Literaturinstituten, in der amerikanischen Sphäre der Philosophieblogs, bei den postkeynesianischen Ökonomen. Man ist allgemein (und zurecht) genervt von einem Postmodernismus, der sich von einer skeptischen Haltung zum Wohlfühlverhalten runtergemausert hat. Man will sich wieder mit der harten Realität, den echten Problemen beschäftigen. Programmatisch dazu Bruno Latours Manifest: Vom Krieg um die Fakten zu den Dingen von Belang. Eine intellektuelle Völkerwanderung ist zu beobachten: von der postmodernen Ironie zur zeitgenössischen Ernsthaftigkeit.

Auch in der Kunst. Der unangefochtene Alleinherrscher unter den literarischen Gattungen ist der realistische Roman. In der Performance-Kunst spricht man vom Moment und der Situation, feiert Authentizität, Wirklichkeit, Neue Dringlichkeit. Unter Diskursen versteht man nicht mehr komplexe Prozesse der öffentlichen Sinnbildung, sondern das, was die SPON-Maschine am Ende des Tages als Nachrichtenmasse aushäckselt. Ortsspezifische Projekte zeugen von dem neuen „Sinn für den konkreten Ort“ und bringen die Kunst vom sterilen Bühneninnenraum in die (nicht so) weite Welt, in den Kontakt mit der Natur, den Mitmenschen und den Mitelementen.

Das Problem der meisten dieser ästhetischen Positionen ist ihre vormoderne Auffassung der Natur. Daher ihre Tendenz zum Stockkonservativismus: Zurück zur Natur. Wieder eins werden mit der Umwelt. Die böse, böse Technik. Sätze, die beginnen mit „Wir haben doch alle längst….“ und die mit „….verloren“ enden. Die Umwelt schonen, pflegen. Sonst rächt sich die Natur, ja ja. Nachhaltigkeit und sanfte Technologie. Glückseliges Veganertum. Anthrposophischer Brahmanenkitsch. Aber bitte all das, ohne auf den Status Quo verzichten zu müssen.

Natur ist komplex. Keine zornige Gottheit, die man durch Technik- und Fleischverzicht besänftigen könnte. Es gibt so etwas wie Wissenschaften, die einem Wege aufzeigen, was zu tun wäre. Es gibt Potentiale in der Technik, die sinnlos an die Verfeinerungsorgien der Elektrogeräteindustrie vergeudet werden. Es gibt eine lebendige Geschichte des Denkens, die an die Komplexität der Natur anschließen kann, die Urteilskräfte mobilisiert, damit der Kampf gegen den Klimawandel nicht wie alle großen Kämpfe (Stichwort: Terrorismus) am Ende von den Mächtigen ausgenutzt wird, um die Ohnmächtigen noch ohnmächtiger zu machen (Stichwörter: Nestlé kauft die planetarischen Wasserreserven +++ Solar- und Windkraftimperialismus in der West-Sahara +++ Raps für unseren Biodiesel in Zentralafrika statt Getreide für die dortige Bevölkerung+++).

Die Rückkehr zu den Dingen von Belang ist notwendig und heilsam, aber die Rückkehr zum Primitivismus ist scheiße und unheilvoll. Natur ist komplex, Realität ist tricky, hyper und weird. Die wichtigen Dinge, die im Moment so passieren, sind allesamt extrem wirkungsvoll, aber mit herkömmlichen Wahrnehmungsüblichkeiten kaum zu bändigen. Die beiden wichtigsten Begriffe aus dem Theoriesprech, um unsere Realität als das zu beschreiben, was sie ist: Simulakrum und Hyperobjekt.

Simulakrum meint, dass mehr Dinge perfekt gerenderte und artifiziell geklonte Imitationen sind als auratische Originale. Hyperobjekt meint, dass es ziemlich viele neue Dinge gibt, die so extrem groß und raumzeitlich weit verzweigt sind, dass man sie nur über aufwendige Hilfskonstruktionen wahrnehmen kann. Dinge wie das Internet, der Klimawandel, die Weltpolitik, der Kampf um Ressourcen, die Finanzmärkte. Dinge, die extrem real, extrem wirkungsvoll, als Ganzes extrem unsichtbar sind. Dinge, die meistens beides sind: Simulakrum und Hyperobjekt. Man denke nur an den Finanzmarktkomplex mit seinen hyperartifiziellen Handelsobjekten und Handlungsabläufen (Simulakrum) und seinem absolut defigurierten Beziehungsgewirr (Hyperobjekte). Dem kommt man mit Urban Gardening, nachhaltigem Sisalflechten und ein paar elektronischen Windrädchen allein nicht bei. Dana Phillips:

Good intentions and a receptive attitude while out hiking or canoeing do not enable one to make ecological judgements.

Zurück zur Kunst. Weil Realismus so in ist, sind zwei andere Dinge absolut out: Neoklassizismus und Hyperavantgarde. Man misstraut allem, was einfach nur schön ist, allerdings so weit, dass man alles, was technisch schwierig und formal aufwendig gebaut ist, als Ästhetizismus denunziert. Man misstraut außerdem allen Formexperimenten der bloßen Form willen, allen Zertrümmerungstendenzen. Nihilismus ist das größte Schimpfwort.

Schlechte Zeiten also für Enthusiasmus, Beschwörung, Drogen und Gebet. Das muss nicht verkehrt sein. Es erschwert selbstverliebten lyrischen Sentimentalismus (auch wenn der sich durch die Hintertür wieder in den Zeitgenossenroman einschleicht, als naturverklärendes Abziehbildchen). Es erhört den Überzeugungsanspruch an Vertreter der Neuen Musik, die in den Kunstpausen dämlich ins Publikum glotzen, während sie stundenlang mit einem Besen in einem Wassereimer rumrühren.

Aber das alles bringt nichts, wenn Kunst, Publizistik und Aktivismus eine schrebergärtnerische Rückkehr ins Kleine und Kleinste zelebrieren, wenn Abkehr von der Postmoderne Zuwendung zu regionalen Familiengeschichten bedeutet. Klar, eine Realität, die sich gegen den Menschen zu verschwören scheint, die unübersichtlich und artifiziell ist, macht Angst, und da flüchtet man lieber ins Baumhaus anstatt die Herausforderung anzunehmen. Daher die konservative Tendenz, mit der gerade überall auf Krisensituationen reagiert wird, daher das eine Wahlergebnis für die CDU und das andere für die Grünen, denen jetzt zu allem Elend noch mangelnder Konservativismus vorgeworfen wird (!!!). Daher der Wunsch nach Heimeligkeit, nach baumhäuslicher Ruhe, die Verwechslung von Urban Imkering mit politischer Einmischung, die Rückbesinnung zum Regionalen und Lokalen, überhaupt das Unwort Rückbesinnung und das ganze leere und zynische Gequatsche von Werten, die Abkehr von der fernen Welt und die Hinwendung zum nahen Stückchen Erde, das die private und privative Vision der Reinheit aufrecht erhalten kann.

So, und zum Abschluss ein Bekenntnis: Ja, ich glaube an den pädagogischen und didaktischen Wert der Ästhetik, ja, ich glaube daran, dass die Kunst einen Erziehungsauftrag hat. Aber der besteht nicht darin, dass wir aus einem Kunstwerk gereinigt hervorgehen, weil es uns lehrt, was wir von nun an denken, fühlen und handeln müssen. Sondern er besteht darin, uns den verborgenen Style unserer Realität durch ästhetische Verfahren einzuhämmern. Eine neue Realität erst einmal ästhetisch nachzuvollziehen und sie an die bestehenden Kunstmittel anzudocken, damit sie anerkannt wird – damit ist schon viel geleistet. Rimbaud hat das am Ende des 19. Jahrhunderts gemacht, als alle um ihn herum idyllische Dorfgeschichten oder Ehebruchsschwänke geschrieben haben. Und das machen ein paar Wenige auch heute.

Die Realität ist bis in den kleinsten Zusammenhang komplex, weird und hyper. Diese Realität abzulehnen oder durch Zeitungsartikel mit Titeln wie „Warum das Internet ein Fluch ist“ zurechtbiegen zu wollen, ist ungefähr so sinnvoll wie in einen heranbrausenden Hurricane zu pissen. Dana Phillips hat immer noch Recht: „Vierkantrealismus“ ist keine angemessene Reaktion auf die Hyperrealität. Da muss schon eine Art Hyperrealismus, ein Übertreibungsrealismus her. Wer zufällig am Wochenende eh vor hatte, knapp 4000 Seiten zu lesen, dem sei hier meine aktuelle Trias der Hyperrealisten ans Herz gelegt:

  1. Roberto Bolaño: 2666.
  2. Thomas Pynchon: Against the Day.
  3. Don DeLillo: Underworld.

Go for it!

Über Samir Sellami

istinalog.net
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