Nein, das möchte ich wirklich nicht

Marcel Reich-Ranicki ist tot. Ich möchte keinen Nachruf schreiben, nein, das möchte ich wirklich nicht. Ich möchte auch kein Video posten oder ein Bild. Jeder kennt den Reich-Ranicki-Sound, diese Mischung aus elektrischem Gebell, gestisch-verbaler Kaskade und plötzlicher Besänftigung. Viele werden sich noch an irgendwas anderes erinnern, ein Urteil, einen Streit oder eine Anekdote etwa aus Brechts Liebesleben in Finnland, aus denen sich direktkausal ein Gedicht herleiten lässt.

Was ich schreibe, schreibe ich als einer der Menschen, die in den letzten 40 Jahren in der BRD angefangen haben, sich für Literatur zu interessieren, und als solcher kam man an Reich-Ranicki einfach nicht vorbei, ob man nun wollte oder nicht. Aber es gab kaum Gründe, nicht zu wollen.

Reich-Ranicki war eine Figur, die einem nicht viel Anstrengung abverlangte, Bewunderung, Sympathie und Abgrenzung zu vereinen. Eine durchaus einschüchternde Vaterfigur, vor der man sich aber nicht wirklich fürchten musste.

Am unterhaltsamsten war er für mich, wenn er vom Leben der Schriftsteller plauderte, am prägnantesten, wenn er Werke auf ein Leben zurückprojizierte, das hatte eine herrlich entzaubernde Wirkung, ohne dass man es literarisch ernst nehmen musste, und man konnte ihm zuhören, wie man Fernsehen schaut.

Für mich war seine große Stärke nicht seine Auffassung der Literatur, sondern seine Haltung zu ihr. Sie war für ihn das Wichtigste und Unwichtigste zugleich, von existenzieller Bedeutung im Ganzen, von grotesker Profanität in ihrer Entstehung im Einzelnen.

Ich erinnere mich, wie ich mit 18 die Autobiographie las, aber darin nur noch an wenige Dinge: wie er Ulla Hahn aus der Schubladenexistenz befreit hat, wie 44 der Vodka nicht viel half, aber die Literatur ein wenig, ich erinnere mich nicht mehr an einen Haufen Namen, die heute selbstverständlich sind, die ich damals aber nicht oder nur vage kannte.

Ich erinnere mich, wie er in einer Lesung der Gruppe 47 etwas sagte wie: „Ich erkenne nur den Willen, 10 oder 20 Seiten Prosa zu schreiben. Das ist für die Literatur als Impuls zu wenig.“ Alle beeilen sich jetzt zu wissen, dass sein Literaturgeschmack streitbar war, konservativ, klassizistisch, ignorant gegen Formalismus und Postmoderne, persönlich beleidigend in der apodiktischen Verwirrung. Derbezüglich ein Höhepunkt war wohl, was er hanebüchen zur Verbandelung Uwe Johnsons mit Blut-und-Boden-Literatur zusammenfabulierte. Das war adornitisches Ressentiment gegen unliebsame Anderskunst ohne historisches Bewusstsein.

Demungeachtet gilt es, seine Urfrage zu bewahren, die Kritiker den Büchern und Autorinnen sich selbst zu stellen haben: Warum wird überhaupt geschrieben und nicht vielmehr nicht? Eine einfache Frage, die aber jetzt nicht gerade Konjunktur hat im gegenwärtigen Literaturbetrieb.

Ich erinnere mich, wie ich ihn das erste Mal im Fernsehen sah und ich glaube, es war bei Wetten-Dass.

Ich erinnere mich, wie ich zum ersten Mal in das Literarische Quartett geriet, als ich noch nicht wusste, was ein Streichquartett ist, und wie ich mich später mal fragte, wer der andere schräge Onkel ist, der offensichtlich nicht aufgrund seiner Ahnung von Literatur eingeladen wurde.

Und ich erinnere mich, wie ich 2007 mit dem Kerl, der dieses Blog mit mir teilt, in einer Mehrzweckhalle saß und wie wir zur Abschlussfeier des Abiturs eine hoffnungslos überambitionierte Ranicki-Parodie performten, mit Lehrerinnen als Gästen des Literarischen Sextetts und passend zu unseren Mitschülern umgedichteten Buchtiteln als Gesprächsthema. Wir saßen ein paar Abende davor bis nachts um 4 vor dem Computer und haben dummes Zeug gemacht und ein Skript geschrieben, ungefähr im Verhältnis 5 zu 1. Das war, wenn ich mich nicht täusche, unsere erste Zusammenarbeit, und eigentlich hat sich an der Arbeitsweise seitdem nichts Entscheidendes geändert…

Über Samir Sellami

istinalog.net
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