No One Escapes The Trial Of His Own Heart

trial

Der zweite Schwung Anekdoten von meinem Aufenthalt mit Common Stage in Peking (Hier der erste). Diesmal geschrieben im Flugzeug, das mich zurück in den Westen bringt.

Ich bin schon etwas wehmütig, jetzt wo es wieder nach Hause geht. Ich kann aber nicht lügen und sagen, dass ich mich in China verliebt hätte. Ich kann auch nicht lügen und bestreiten, dass ich in einem Moment der völligen Verwirrung und Frustration vor mich hingeschrien habe „Dieses gottverdammte Land…!“

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(Das habe ich allerdings in der Schweiz, wo ich zwei Jahre gelebt habe, auch ein paar mal gemacht. Hat also vielleicht weniger mit dem Land, als mit meiner eigenen Xenophobie und Verbohrtheit zu tun.)

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Am Nachbartisch im Restaurant schlägt eine chinesische Mutter ihren Sohn. Mit der Faust. Und immer wenn man denkt, jetzt ist sie endlich fertig, schlägt sie noch einmal fester zu. Der Kleine heult schon gar nicht mehr, er erträgt es stoisch oder apathisch oder beides. Manchmal wagt er es seine Mutter leicht von der Seite anzuschauen, die Augen voller Scham und bodenloser Enttäuschung. Außer uns nimmt im Restaurant niemand davon Notiz.

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Noch ein Restaurant. Hier nimmt uns der Besitzer persönlich in Empfang. Ich weiß nicht, was mir zuerst auffällt: das irre Zittern seiner Augen, die pechschwarz-senfgelb gefleckten Zähne, oder die Knacklaute die seiner Kehle entweichen. Als er uns mit seiner Ochsenfroschstimme die Karte auf Englisch vorliest, fließen Ströme von Schweißperlen zu beiden Seiten seines mondförmigen Gesichts herunter. Wir spekulieren, was er wohl für Drogen nimmt. Vielleicht gar keine. Ich schwöre, ich habe ihn auf dem Gang „My preciousss…“ rufen hören

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China verändert uns. Eine Mitreisende meint, dass ihre Haare und ihre Nägel hier schneller wachsen. Außerdem wird sie ständig von Erinnerungen überfallen, von Sachen, an die sie Jahre nicht mehr gedacht hat.

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Ich sehe hier auch nicht aus wie ich selbst. Die Kleidung, die ich mir für die Hitze in Peking gekauft habe, ist völlig untypisch für mich. Grüne kurze Hose, Espadrilles, New-York-Yankees Basecap. Eine Schweizerin fragt mich, ob ich Skater bin. Wer mich kennt weiß, wie lustig das ist.

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Auf einer Probe singen die Chinesen und wir uns gegenseitig unsere Nationalhymnen vor. Schließlich gelangen wir gemeinsam zur Internationale. Ein Vogel fliegt über die Bühne. Wir halten inne. Er kehrt zurück, und wir sehen, dass es kein Vogel ist, sondern eine Fledermaus, die im Dunkel des Theaters wohnt.

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Weitere Tiere auf dem Campus: ungefähr acht streunende Katzen, Läuse, die in den riesigen Peking-Oper-Teppichen wohnen und die Schauspieler beißen (Mich nicht. Su meint, dass meine weiße Haut sie blendet), und ein paar fette, träge Albino-Hasen, die nichts tun als in winzigen Käfigen zu sitzen, böse auszusehen und von Kindern an den Ohren durch die Gegend gezogen zu werden.

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Das schlimme an einer Magen-Darm-Erkrankung in China ist nicht unbedingt die Erkrankung an sich, sondern die Orte, die sie einen zwingt aufzusuchen. Es ist Nacht. Ich muss in den fünften Stock des Probengebäudes, weil ich weiß, dass dort zwei Seifenbruchstücke neben dem Waschbecken am Frauenklo liegen. Meine eigene Seife habe ich vergessen, und jemanden zu fragen habe ich keine Zeit. Ich betrete die Herrentoilette im fünften Stock. Das Licht geht nicht, weil der Strom nachts zentral abgeschaltet wird. Über den immer präsenten Kot- und Uringeruch legt sich heute der Gestank von ranzigem Spinat, den jemand hier weggeworfen hat. Die ersten beiden Kabinen sind nicht zu benutzen, weil die Vorgänger nicht gespült haben. Ich gehe in die dritte Kabine, und schließe sie. Ich schlüpfe aus meinen Espadrilles, stelle mich auf sie, um den Boden nicht zu berühren, ziehe mir die Hose aus und hänge sie an einen Haken an der Tür. Andere machen sich darüber lustig, aber ich will kein Risiko eingehen.  Immer noch auf den Schuhen stehend, kauere ich mich langsam über das Loch im Boden, wie ein Affe in der Dunkelheit.

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„Kulturschock“ ist nicht das richtige Wort. Es ist mehr ein Tremor, er manchmal ins Unerträgliche anschwillt und manchmal kaum zu spüren ist. So wie an dem Tag, als der Smog plötzlich verschwand und die Temperatur um fast zehn Grad abstürzte. Ein Sommertag, wie wir ihn kennen. Man hatte das Gefühl in einer ganz neuen, ungleich lebenswerteren Stadt zu sein. He Shan, einer unserer chinesischen Schauspieler, sagt „Maybe ten years ago, every day in Beijing is like this. We have weather from planet earth. Not from the Moon. Or Mars.” – “Or Blade Runner.”

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Mit meinem manchmal etwas grummeligen, aber grundsympathischen Berliner Zimmergenossen besuche ich den sogenannten „Shard Box Shop“. Da er im Lonely Planet groß angepriesen wird, erwarten wir, wenn nicht ein sehr touristisches, so doch ein sehr prominentes Geschäft. Nichts dergleichen. Der Laden ist so klein, dass wir zuerst daran vorbeilaufen, und so dunkel, dass wir dann annehmen er sei geschlossen. Als wir dann endlich eintreten erwartet uns im Dunkeln, ich kann es nur so kitschig formulieren, ein echter Schatz. Aus den unzähligen Porzellanvasen, die in der Kulturrevolution zerschlagen wurden, entstehen hier Schachteln, Schächtelchen, Truhen und Schmuck. Die Deckel der Schachteln wölben sich unterschiedlich, je nach dem von welchem Teil der Vase die Scherbe ist. Dass Kunsthandwerk mir einmal wirklich Rührung abverlangen könnte, hätte ich nie gedacht.

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He Shan erzählt uns später, dass vor kurzem zum ersten mal zwei Leute öffentlich bereut haben, ihre Eltern in der Kulturrevolution ans Messer geliefert zu haben. He Shan ist sehr reich. Der englische Name, den er sich ausgesucht hat (und den wir uns alle weigern zu benutzen), ist Usher, und seine Klamotten sind am besten als teurer Prollo-Bling-Bling zu beschreiben. Aber manchmal ist das falsche Bewusstsein kapitalistischer Konsumenten dem falschen Bewusstsein der Sozialisten eindeutig überlegen. He-Shan hofft, das Mao in zehn Jahren als das gesehen wird, was er wirklich war: Der Stalin Chinas.

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„This food is ver famours in my hometown” – “What is it?” – “Eeer… fish” – “What kind of fish?” – “I don’t know. My Engrish is too poor. But its very good. Its very famours in my hometown. Maybe you can have a twy?”

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Chinesische Aussprachen meines Namens: “Fe Re Deh Li Keh“, „Fran“ oder einfach „director“. Beispielsatz: „This food is ver famours in my hometown. Maybe you and director can have a twy?”

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Eine Peking-Oper-Darstellerin und eine deutsche Schauspielerein streiten sich. Die Peking-Oper-Darstellerin behauptet, Deutsche und Chinesen könnten sich ne wirklich verstehen. Die Schauspielerin sagt: „Aber als ich Peking-Oper getanzt habe, ist meine Seele geflogen.“ Die Chinesin antwortet: „Schön, dass deine Seele geflogen ist. Ich habe mich darauf konzentriert, die Bewegungen richtig zu machen.“

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Manchmal sind Theaterproben, wie erfolglos mit der Wünschelrute durch die Gegend zu streifen. Und manchmal findet man eine Wasserader, ohne danach gesucht zu haben. Ich mache einmal kurz die sowjetische Hymne an. Sofort übertrumpfen mich die Chinesen mit maoistischer Marschmusik. Sie verziehen ihre Gesichter zu Fratzen, plötzlich sehen sie aus wie die Karikaturen, die der Westen von ihnen zeichnet, die Augen dünne Striche und auf den Lippen ein verzerrtes, totes Lächeln („Natürlich! Das Land des Lächelns…“ denke ich), ein Gesichtsausdruck den wir gar nicht imitieren können, und sie veräppeln sozialistische Tänze, „euphorische“ Arbeiter nach der Fertigstellung des Stahlwerks, Arbeiter die beim Händedruck des Funktionärs in Tränen ausbrechen und die überall gleichen, allseits bekannten sozialistischen Standbilder „We look for our countries future!“. Unser chinesischer Übersetzer sagt nach der Probe „Das ist gut, weil das ist subtil.“

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Eine echte Parteifunktionärin sieht unsere Vorstellung. Sie hat das höchste Amt an der Theaterhochschule, an der wir sind, obwohl sie von Theater keine Ahnung hat. Dafür hat sie aber viel Ahnung von marxistisch-leninistischer Wirtschaftswissenschaft. Das einzige Mal, dass sie lacht, ist bei unserer Sozialismusparodie.

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Am letzten Abend lasse ich mich breitschlagen doch noch einmal mit zum Karaoke zu kommen. Karaoke in China funktioniert so, dass man sich als Gruppe ein Separee mietet. Während wir also unter uns völlig betrunken Ushers „Yeah“ grölen (Songs die vor sowas wie 2004 entstanden sind, kennt hier so gut wie keiner. Auch „Hey Jude“ ist ihnen nur ein Begriff weil es gerade jemand bei Voice of China gesungen hat), werde ich überwältigt von einer Erinnerung, etwas an das ich Jahre nicht mehr gedacht habe: ich sehe Samir auf dem Tisch im Oberstufenraum des Ottheinrich-Gymnasiums-Wiesloch sitzen, neben sich das Radio, es ist eben sowas wie 2004 und in ganz Deutschland stürzen Sporthallen unter der Last der Schneemassen ein. Und Samir sagt: „Ist das verschickt Alter, wie verschickt ist das denn bitte…“

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Ein Satz, der genauso gut mein Resümee zu China sein könnte.

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2 Antworten zu No One Escapes The Trial Of His Own Heart

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