Andenken an Wolfgang Herrndorf

Jetzt ist Wolfgang Herrndorf tot. Er starb Anfang letzter Woche im Norden Berlins. Als ihn seine Sprache zu verlassen drohte, hat er seinem Leben ein Ende gesetzt.

Nach dem Riesenerfolg von Tschick, der großen Aufmerksamkeit für Sand und dem anhaltenden Interesse am Blog war klar, dass es an Nachrufen nicht mangeln würde. Reihum haben sich die Kritiker seit letzter Woche vor Herrndorf verneigt. Haben ihre ehrlich gemeinte Trauer ausgesprochen. Das schmale Werk, auch die bisher eher unbeachtet gebliebenen Bücher In Plüschgewittern und Diesseits des Van-Allen-Gürtels, eher einsätzig gewürdigt. Gemeinsam mit der Schwierigkeit gerungen, angemessen vom Selbstmord zu berichten.

Interessantes über Herrndorfs Poetik ist dabei kaum zu erfahren, was man mit den speziellen Schreibanforderungen entschuldigen könnte. Denn schließlich müssen Nachrufe schnell geschrieben werden und wohl aus Pietätsgründen mit literaturkritischer Zurückhaltung. Das gilt aber für Herrndorfs Fall nicht, weil dieser Tod schon lange erwartet worden ist und in Wahrheit sich ja jede Redaktion schon länger zurechtgelegen konnte, was sie, wenn es so weit ist, schreiben wird. Und weil man Herrndorf, der auf Arbeit und Struktur so viel Wahres gegen falsches Mitleid geschrieben hat, am besten mit eigensinnigen Beobachtungen zu seinen Texten gewürdigt hätte.

Da ist es alles andere als selbstverständlich, wie Dirk Knipphals in seinem Nachruf in der taz mit dieser Erwartung umgeht und davon schreibt, wie er sich lange vorstellte, was er denn einmal schreiben wird, wenn es so weit ist, und wie er dann für die Herrndorflektüre eine wunderbare Formulierung findet, nämlich die, das Gefühl zu haben, mit dem Autor einseitig befreundet zu sein.

Auch Michael Maars Text im Merkur ist ein publizistischer Glücksfall, weil dort ein Kritiker offensichtlich viel Zeit auf das Lesen eines Buches verwendet hat, anstatt wenig Zeit auf das Schreiben einer Rezension. Ich muss zugeben, dass ich die Faszination vieler für Sand nicht ganz teile, aber eine Faszination nicht zu teilen, heißt nicht, sie nicht nachvollziehen zu können. Maars Text sei also jedem zur Lektüre empfohlen, der mehr will, als die existenzialistischen Kitschvokabeln aufzufangen, die das Feuilleton so herumwirft.

Ansonsten in den Feuilletons, wie gesagt, viel Einsätziges, die immergleichen Zitate aus den jüngsten Blogeinträgen, massenweise Sentimentalitäten und Literaturdefinitionskitsch. Den Vogel schießt vielleicht Fokke Joel in der ZEIT ab, wenn er erst aus dem Blog zitiert und dann schreibt: „Es ist der Blick des Schriftstellers, der sich erinnert und das Erinnerte zu erzählen versucht.“ Mehr verkorkster Literaturseminarismus geht nicht.

Immer wieder wird auch darauf hingewiesen, dass Herrndorf den Preis der Leipziger Buchmesse für Sand aufgrund seiner Krankheit schon nicht mehr entgegen nehmen konnte. Aber wollte er ihn überhaupt entgegennehmen?

Natürlich ist jetzt vielen daran gelegen, dieses ganze Schriftstellerleben von der tödlichen Krankheit her zu erzählen, die es beendet hat. Aber Literaturzirkus ignorieren, Preise und Stipendien nicht ernst nehmen, das hat er wohl schon immer so gemacht.

Zurück ins Jahr 2006. Ich bin 18 oder 19, mache gerade Abi, denke, dass ich doch vielleicht Schriftsteller werden könnte, und beginne mich für deutsche Gegenwartsliteratur zu interessieren. Meine Infos und Inspirationen beziehe ich aus den überschaubaren Regalen und Büchertischen der beiden Buchhandlungen meiner Kleinstadt, aus der Literarischen Welt (irgendwie hat meine Mutter, ohne je bei einem Gewinnspiel teilzunehmen, ein Abo gewonnen) und der SWR-Fernsehsendung Literatur im Foyer, Freitags um kurz vor Mitternacht. An zwei Sendungen kann ich mich noch genau erinnern: ein Typ mit Augenbrauen wie grau gewordenes Waldgebiet (Martin Walser), der weintrinkend die Moderatorin (Thea Dorn) wie ein Schulmädel behandelt und belehrt. Und eine andere, in der eine sich männlich zurücklehnende Kritikerrunde zwei hoffnungsvolle deutsche Nachwuchsautoren vorstellt. Der eine hat gerade ein Buch geschrieben mit dem Titel Die Vermessung der Welt. Der andere einen Erzählungsband mit dem Titel Diesseits des Van-Allen-Gürtels. Der Moderator Martin Lüdke kündigt an, dass der zweite auf die meisten Fragen nicht antworten wird. Der erste sitzt brav da und gibt zu allem, wonach er gefragt wird, seine Musterschülerantwort.

Ein paar Tage später kaufe ich mir beide Bücher. Ich lese Kehlmann mit großer Erwartung, anfangs habe ich Spaß, dann finde ich es relativ schnell langweilig. Herrndorf gefällt mir aber sehr gut, am besten die Erzählung Im Oderbruch. Wieder ein paar Wochen später sehe ich in Heidelberg ein Plakat, auf dem das Deutsche Amerikanische Institut eine Lesung ankündigt: Wolfgang Herrndorf, Diesseits des Van-Allen-Gürtels. Als ich hingehe, stelle ich fest, ich bin einer von fünf oder sechs Zuschauern. Der Chef vom DAI verlegt die Lesung ins Kaminzimmer und Herrndorf, der nach eigenen Aussagen gerade von einer Lesung bei der litcologne vor 4000 Leuten kommt, zieht sein Programm unbekümmert durch. Ich glaube, er las Im Oderbruch und Diesseits des Van-Allen-Gürtels, vielleicht auch noch einen dritten Text oder nur Auszüge.

Danach gehen wir zu fünft: Herrndorf, eine Freundin von ihm, der DAI-Chef, meine Freundin und ich im Heidelberger Stadtgarten  (from all places of the world) noch Bier trinken. Die Atmosphäre ist locker, der DAI-Chef kümmert sich rührend und stellt Konversationsfragen, Herrndorf witzelt zynisch über das Zuschauerinteresse an diesem Abend und darüber, dass der Eichborn-Verlag das Literaturverzeichnis hinten ins Buch gedruckt hat, damit nicht alle Leser gleich merken, dass es kein Roman ist.  Wie wir denn überhaupt dahin gekommen seien, fragt Herrndorf. Einfach so, sage ich, Interesse an Gegenwartsliteratur undsoweiter. Um die geht es dann auch vor allem an dem Abend. An irgendeiner Stelle mache ich eine Anspielung auf das Interview. Herrndorf: Ah, da hat schon einer ein Interview gesehen. Irgendeiner fragt nach Kehlmann. Ich eiere eine Weile rum, die am häufigsten genannten Wörter sind einerseits, andererseits, irgendwie und nicht so, bis ich mich schließlich zu dem Urteil durchringe: Das ist keine Literatur, die hängen bleibt. Herrndorf horcht auf, schaut mich an: Und was bleibt hängen? Ähm, keine Ahnung, von neueren Sachen…also richtig gut fand ich David Mitchell, Wolkenatlas. Ja und in Deutschland, na ja, Herrndorf eben… Gequältes Lachen, Schleimer-Konnotationen, aber irgendwie war das auch so gemeint und ich komme noch einmal ungeschoren davon.

Drei Jahre später sehe ich Herrndorf bei einem Literaturstraßenfest in Kreuzberg lesen, wir kommen ein bisschen zu spät, er liest schon, da ist nur noch Platz in der ersten Reihe, wir setzen uns hin, Herrndorf unterbricht und sagt: Bist du nicht aus Heidelberg? Danach gehen wir wieder um die Ecke trinken, im Trinkteufel, mit ein paar ZIA-Ironikern, die alle ihre kreativen Projekte dabei haben. Ich frage ihn, ob er jetzt endlich Mitchell gelesen hat, ja, sagt er, der Wahnsinn, es hat mich andauernd rausgehauen.

Bei einer seiner letzten Lesungen im Roten Salon sahen wir uns kurz an der Garderobe, ich hatte natürlich schon gehört, wie es um ihn stand, wollte ihm aber trotzdem meinen Dank für Tschick aussprechen und raunte ihm dann einen unfassbar dämlichen Kurzsatz, der mir noch lange nachhing, zu: Weiter so!

Als wir uns vor wenigen Wochen beim Fußball trafen, schien er das vergessen zu haben, konnte sich aber an Heidel- und Kreuzberg noch erinnern.

Einer, der ihn besser kannte, sagte am Dienstag zu mir: Er war der rationalste Typ, den es gab. Wenn der was sagte, dann war es meistens irgendwie richtig. Und wenn du eine Weile drüber nachgedacht hast, hast du das irgendwann genau so gesehen.

Ich merke, dass ich meiner Aufforderung an die Kritiker, Interessantes zur Herrndorfpoetik zu sagen, selbst nicht nachgekommen bin. Das ist schade. Aber ich bin mir sicher, dass dafür noch Gelegenheit sein wird, und tröste mich mit den Worten, die ein anderer großer deutschsprachiger Autor in einem traurigen Moment hingeschrieben hat:

Irgendwann werde ich über all das Genaueres schreiben.

Über Samir Sellami

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7 Antworten zu Andenken an Wolfgang Herrndorf

  1. F. schreibt:

    Dein bisher bester Text auf dem Blog. Und es ist schön, dass gerade dieser Text dein bester ist.

  2. Bernd Gleisinger schreibt:

    Leider wird Schriftstellern in der Vielzahl der Nachrufe gerade durch Überhöhung ihrer Werke großes Unrecht getan. Die verklärten Entzückungen über die Ergüsse der jung Verstorbenen hinterlassen dann mit einigem Abstand einen faulen Nachgeschmack: so, als entzögen sich deren Werke plötzlich der irdischen Sphäre des Kritisierens, als seien sie über jeden Zweifel erhaben und Ausdruck eines Genies, „dem auf dieser Welt nicht zu helfen war“. Man könnte diesen Beigeschmack auch einfach Deutsch-LK-Feeling taufen.
    Ähnliches könnte mit Herrndorf passieren. Verklärung. Und das käme einer Katastrophe gleich, weil sich dann über die Unmittelbarkeit einzelner Passagen ein Schleier der Erhabenheit legen würde.
    Da sind alle Texte, die dem entgegenwirken, von einiger Bedeutung. In diesem Sinne vielen Dank für die obigen Zeilen.

    Nur der zweite Satz scheint mir etwas zu implizieren, was nicht gemeint ist. Müsste es nicht heißen: „Als ihn seine Sprache zu verlassen drohte, hat er seinem Leben ein Ende gesetzt.“? Oder ist tatsächlich gemeint, dass er seiner Sprache damit drohte, sie zu verlieren?

  3. iciar schreibt:

    Weiter so!

  4. Hans Merker schreibt:

    Herrndorf war nie in einer Fernsehsendung mit Kehlmann. Das ist einfach eine glatte Unwahrheit.

    • Samir Sellami schreibt:

      Vielen Dank für Ihren Hinweis. Nachforschungen haben ergeben, dass neben Herrndorf Ingo Schulze und die Literaturkritiker Martin Lüdke, Ijoma Mangold und (vermutlich) Verena Auffermann in der Sendung waren.
      Eine „glatte Unwahrheit“ würde ich es übrigens nicht nennen, da es sich um eine starke, wenn auch falsche Erinnerung handelt (die im Übrigen niemandem schadet). Mit einer „rauen Unwahrheit“ könnte ich aber leben.

      • Hans Merker schreibt:

        Nun, man könnte vielleicht schon sagen, daß die Formulierung „Der erste sitzt brav da und gibt zu allem, wonach er gefragt wird, seine Musterschülerantwort“ nicht niemandem, sondern ganz genau der Person, von der Sie nachweislich Falsches behaupten, also Daniel Kehlmann, schadet, nicht wahr?

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