Kritsch im Müggelwald

Tetris-Forstwirtschaft

Constanza Macras‘ neueste Performance Forest: The Nature of Crisis, mit der die Schaubühne Berlin ihre neue Spielzeit eröffnet, wird von allen gelobt, ist aber unfassbar schlecht. Hätte ich 72 gute Kritiken gefunden, müsste ich an eine Verschwörung glauben. Ganz so schlimm ist es aber nicht, es handelt sich also wohl nur um den üblichen Fall von feuilletonistischer Wahrnehmungsverweigerung.

Die 3 ½-stündige Performance, die vor uns liegt, heißt nicht nur Forest, sondern spielt auch in einem, nämlich im Müggelwald am südöstlichen Stadtrand Berlins, zu dem wir erst einmal anderthalb Stunden anreisen müssen, um uns dann bei beginnendem Regen vom Kassentisch einen Campinghocker ausleihen zu dürfen. Der Regen wird im Verlauf des Abends immer stärker werden und am Ende das Einzige sein, was aus dieser Performance ein erinnerungswürdiges Erlebnis hätte machen können.

Die Performance beginnt, indem uns ein unterspannter Österreicher mit einem Headset kaum hörbar sagt, dass es jetzt losgeht („Wiir begiinnön jötzt unsörön Woldspatziirgong“). Von da an laufen wir ca. 20 Minuten durch den wirklich sehr schönen Müggelwald. Constanza Macras ist auch da und hat einen schönen gelben Regenmantel an. Nach 5 Minuten sehen wir 4 Müllsäcke an 2 Bäumen hängen. Nach 10 Minuten begegnet uns ein Comicwolf mit Bratwurstbauchladen, der in der Tonlage von Marktschreiern auf Mittelaltermärkten ruft: „Ko-hommt Leute, hier entlang. Ko-hommt, bevor die So-honne untergeht.“ Nach 15 Minuten rennt eine Frau mit langen Haaren den Hügel neben uns runter. Nach 16 Minuten rennt ein Mann mit kurzen Haaren den Hügel neben uns runter. Hinter einem Baumstamm steht die sehr charmante und talentierte Sängerin des Abends und singt eine Punkversion von Schuberts Der Tod und das Mädchen. Auf einem Matratzenhaufen wälzt sich eine Performerin von links nach rechts. Völlig überraschungsfrei laufen neben uns peinliche Zottelwesen lang, die sich hin und wieder auf den Waldboden werfen. Der Comicwolf beginnt einen dämlichen Monolog über das Unbewusste. Eine schöne Spanierin mit schlechtem Englisch und strenger Lippenmimik weist uns einen Platz zu, wo wir unseren Campinghocker aufstellen können.

Die restlichen 3 Stunden und 10 Minuten bestehen aus 6 weiteren Spaziergängen zwischen den einzelnen Waldlocations, den immergleichen, endlos wiederholten Tanzmoves derselben Tänzer, nichtssagenden Duetten, schlecht gesungenen Liedern, repetitiven Schlagwort-Monologen, Märchenerzählungen, die mit einer Patina aus den allerbekanntesten Fernsehnews, verpunktem deutschem Kunstliedgut  und lieblos recherchierten Wikipedia-Rudimenten aufs Billigste veraktualisiert werden. Außerdem bekommen wir irgendwann eine kleine rote Taschenlampe und werden ziemlich nass.

Wer das alles unvoreingenommen über sich ergehen lässt, kann sich beim Durchlesen der sogenannten Kritiken nur die übrigen Haare raufen. Ausgerechnet die taz(Vorsicht: nicht zahlen!) lobt die Auseinandersetzung des Stücks mit Wirtschaftskrise und Ökobewusstsein und zitiert affirmativ die folgende Interpretationsverweigerung:

„Der Wald ist ein Ort, an dem sich die Dinge zauberhaft verändern, wie in Grimms Märchen. In der Krise wird auch etwas komplett verändert. So bringe ich beides zusammen: Märchen und Spekulationsblasen“, erklärt Macras ihren Ansatz.

Zur Erklärung der Erklärung: In dem Märchen verändert sich etwas. In der Krise verändert sich etwas. Also gehören Märchen und Krise zusammen. Genial! Da wäre es doch noch besser gewesen, die Selbstaussage auf dem Blog von DorkyPark zu zitieren, um Ge- oder Misslingen des Stücks daran zu messen:

The performance asks whether, during an era of crisis, there can be a return to nature and explores the associated desires and the significance of the regional in times of a global crisis.

Aber das waren vielleicht selbst für die taz zu viele Performance-Floskeln und voll davon ist auch der Beitrag auf nachtkritik, dessen letzten Absatz man, Averroes-Style, Absatz für Absatz widerrufen müsste: Je länger der Abend wird, umso deutlicher tritt hervor, dass Macras‘ „thematische und ästhetische teils recht lose Enden“ nicht zusammen kommen. Nichts an der Stimmung ist „morbide“ und nichts verbreitet eine Atmosphäre „dunkler Romantik“. Das Wort „Romantik“ macht sich in allen möglichen Nichtbedeutungen derart breit; man glaubt kaum daran, dass das noch zu toppen ist, bevor man das Ende des Beitrags liest:

Immer wird subtil miterzählt, dass romantische Sehnsüchte auch heute ein Antrieb sind. Der dunkler werdende Wald liefert dazu die Kulisse, ohne dass sich Macras darin parasitär verbeißen würde und diesen Ausflug so zu einer sehr gelungenen Sache macht.

Hä!?

Schlimm genug, dass die wenigen kritischen Stimmen von kulturellen Leitmedien wie der Welt, SWR Landesschau aktuell und (immerhin) der NZZ kommen müssen. Selbst der Deutschlandfunk lässt sich trotz vorsichtiger Kritik an der Kohärenz des Abends zu Sätzen hinreißen wie:

Eine dunkle Romantik macht sich breit: Feuchter Nebel zieht seine Spuren, Bäume ragen hoch auf in der Schwärze, gebrochene Äste knacken leise, ein Hexenhäuschen leuchtet geheimnisvoll in der Nacht. Als Mythos und reale Lebenswelt, natürlicher Schutzraum und Furcht einflößender Ort, ist der nächtliche Wald nicht nur länger Bühne, sondern entfaltet zum Ende sein eigenes volles Performance-Potenzial.

Genau das stimmt aber eben nicht. Die Orte, an denen Forest spielt, sind effektbewusst ausgewählte, angenehm beleuchtete und dekorativ in Szene gesetzte Bühnenräume, die Distanz zwischen Performern und Publikum steht nie zur Debatte, genauso wenig wie die abgeklärte Souveränität der Aufführungssituation.

Für uns ist das alles Ausdruck eines Kritikerbankrotts, der darauf zurückzuführen ist, dass man sich bei einem etablierten Namen der Berliner Szene keine echten Wahrnehmungen mehr leisten will. Die ästhetischen Nerven werden ausgeschaltet und man lässt sich freiwillig von einer besonders zeitgenössischen Form des Aufführungskitschs berieseln, von dem man sich umso lieber täuschen lässt, wie er einem artig klingende Sätzchen ins Kritikernotizheft souffliert.

Die Tatsache, dass Künstlerinnen und Feuilletonisten derart Läppisches zum Thema Krise beizusteuern haben, zeigt, dass sie bei ihnen nicht angekommen ist.

Krise + Kitsch = Kritsch.

Über Samir Sellami

istinalog.net
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2 Antworten zu Kritsch im Müggelwald

  1. kulturgeschwaetz schreibt:

    Den Beitrag finde ich gleich aus mehreren Gründen super, denn erstens liebe ich Verrisse und zweitens nervt mich ebenfalls dieses Feuilleton-Phänomen (das man aber auch bei Bloggern gehäuft beobachten kann), dass es bei der Besprechung von etwas nicht mehr um eine kritische Betrachtung geht, sondern um die Positionierung in einem künstlerischen Feld, um das Entzücken an den eigenen ach-so-tiefgründigen Gedanken zu jedem Käse und vor allem: Die Angst davor, so etwas wie ein Profil zu haben, dass den Konsens stören könnte. Gerade vor ein paar Tagen habe ich in diesem Zusammenhang eine Rede von Böttiger aus dem letzten Jahr entdeckt, die da sicher viel Interessantes anspricht (http://www.boersenblatt.net/522825/).

  2. Böllinch schreibt:

    Und offensichtlich gab es noch nicht mal einen Rettungsschirm …

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