People Mountain People Sea

mao

Eigentlich hatte ich vor, meine Eindrücke aus Peking fortlaufend in kleinen Häppchen auf dieses Blog zu stellen. Daraus ist natürlich nichts geworden. Stattdessen versuche ich jetzt die ganze Überforderung  und das ganze Chaos der letzten zwei Wochen in einem einzigen Anfall niederzuschreiben. So wie Samir das wahrscheinlich machen würde, aber Samir hat viel Erfahrung mit dem binge writing, ich nicht. Mal sehen also, wie weit ich komme.

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So wie wir heute reisen, werden wir um die Entfernung betrogen. Man sollte sich durchwühlen müssen nach China, durch Polen, die Ukraine, Russland und Kasachstan. Stattdessen ist der Flug schneller als meine Bahnreise Berlin-Zürich ein paar Tage vorher.

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Ich würde gerne den Smog beschreiben, aber da gibt es nicht viel zu sagen. Man riecht ihn nicht und schmeckt ihn nicht. Der Himmel ist so gut wie immer grau und man kann nicht sehr weit sehen. Es ist wie in einem alten Computerspiel, als es noch nicht genug Rechenpower gab, um einen weiten Blick über eine Landschaft zu rendern, und Häuser und Straßen aus einem sehr nahen grauen Nebel auftauchten. Manchmal denke ich der Mond sei aufgegangen, und muss dann feststellen, dass es doch die Sonne ist.

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Viel mehr setzen einem ohnehin die Hitze und die Luftfeuchtigkeit zu. Der Weg aus der klimatisierten Lobby nach draußen ist jedes Mal wie gegen eine Wand zu laufen.

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Das Hotel in dem wir untergebracht sieht aus, als sei es in zwei Wochen gebaut worden, und trägt den Namen Beijing Commercial Business Hotel. Beijing Business Hotel oder Beijing Commercial Hotel war den Betreibern wohl zu uneindeutig. Um jedes Missverständnis zu vermeiden, würde ich das Hotel in Beijing Commercial Business Money Profit Hotel umbenennen.

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Kennenlernen. Ein Schweizer Schauspielstudent und eine chinesische Schauspielstudentin kommen sich näher. Sie findet ihn attraktiv, und er sucht jemanden zum reden. Er quatscht sie den ganzen Tag von oben bis unten voll. „For me, Stanislawski is like this… and Chechov is like this…“ Sie nickt beflissen, aber versteht kein Wort von dem, was er sagt. Am nächsten Tag hat er vergessen, wie sie aussieht.

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Die chinesischen Studenten, mit denen wir zusammenarbeiten, tragen auffällig viel Kleidung mit Star-Sprangled-Banners und Union Jacks. Sie haben sich englische Namen gegeben, damit wir sie leichter ansprechen können. „My engrish name is Fuggers.“ sagt jemand zu mir. Ich frage ihn nochmal, was sein Name sei. „Fuggers“. Ich habe das Gefühl, dass jemand dem armen Kerl einen bösen Streich gespielt hat. Er schreibt mir seinen Namen auf einen Zettel. Ach so, Fergus.

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An einem Abend treffen wir eine Gruppe junger Briten, die als Englischlehrer für fünf bis achtjährige Kinder arbeiten. Sie sind, natürlich, sturzbetrunken und bleidigen sich gegenseitig. Nebenbei erzählen sie uns, dass sich auch bei ihnen die Kinder englische Namen geben, darunter IPod, Angry Wolf und Hello Kitty.

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Ein Chinese schlägt mir vor, Beijing Duck Pizza zu bestellen. Ich lehne dankend ab. Jemand anderes meint ich sähe aus wie Harry Potter. Alle stimmen zu. Als ich etwas später müde und schweigend m Tisch sitze, werde ich gefragt: „Wharts urp Harry? Do you miss Horwarts?“

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Meine neue Lieblingsfernsehsendung: Military Report, jeden Tag um halb acht auf CCTV 7. Ein Mann und eine Frau sitzen in Paradeuniform (!) in einem Nachrichtenstudio und verlesen das Neueste von der Volksbefreiungsarmee. Heute: Chinesische und russische Streitkräfte besprechen in einer verregneten Zeltbaracke einen gemeinsamen Trainingseinsatz, die Armee bringt Wasser in Dürregebiete und geheime Handykameraaufnahmen des neuen japanischen Flugzeugträgers.

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In einer anderen Sendung Aufnahmen eines schrecklichen Busunglücks. Ungefiltert und unzensiert sieht man die Leute durch den Bus und aus dem Fenster fliegen. Ein Mann in zerfetzten Hosen steht weinend vor den brennenden Trümmern des Kollisionsfahrzeugs. Dann erscheint eine Nachrichtensprecherin und neben ihr ein überdimensionaler Sicherheitsgurt.

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Morgens alleine auf dem Campus. Eine Katze gesellt sich zu mir, ganz anders, als die scheuen, europäischen Katzen, die ich kenne. Sie setzt sich zwischen meine Füße und starrt mir direkt in die Augen, ganz lange, ohne zu blinzeln, ohne wegzuschauen. Mir ist noch nie aufgefallen, wie unheimlich Katzenaugen eigentlich sind. Die Iris ist riesengroß, die Pupille ein schmaler senkrechter Strich. Wie ein Alien. Sie schnappt nach meinem Frühstück. Ich habe keine Ahnung, ob Katzen überhaupt Toastbrot essen sollten, aber da sie offensichtlich keinem gehört, wird sie gemischte Ernährung gewohnt sein. Dreimal werfe ich ihr was hin, aber es ist ihr nicht genug. Ich winke ihr ab, das vergrätzt sie, sie verzieht das Gesicht, buckelt und streckt die Pfoten nach vorne. So böse habe ich es gar nicht gemeint. Meinem Blick weicht sie jetzt aus. Ich versuche sie zu streicheln, um sie zu trösten, aber sie macht mir sehr deutlich, dass ich mich verpissen soll.

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In einer Bäckerei sehe ich mich plötzlich von drei oder vier Verkäuferinnen umringt, die mir alle gleichzeitig, kichernd und auf holprigem Englisch versuchen zu erklären, warum ich diesen Kaffee jetzt umsonst bekommen. „Money.. sorry.. no pay…“ -„Sorry“-„sorry…. It free…“ -„No pay“ -„Las time you… sorry“- “Sorry”- “Las time you pay too much…” . Ich weiß, dass das Unsinn ist, ich habe beim letzten mal genauso viel bezahlt wie heute. Lächelnd versuche ich mich zu bedanken. Es ist wirklich eine Frage, wie man mit der unermesslichen, selbstaufopfernden, geradezu beschämenden Gastfreundschaft dieser Menschen umgehen kann.

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Neben den ganzen Studenten ist auch eine vierzigjährige Frau Teil unserer Gruppe. Ihr Name ist Li und sie ist Peking-Opern-Darstellerin. Von Kindesbeinen hat sie es gelernt. Zum Probenbeginn bringt die eine dreiseitige Abhandlung über ein einziges Requisit der Peking Oper mit. Auf ihrem Handy zeigt sie mir traditionell chinesische Bilder, die ihre Kinder gemalt haben. Sie spricht sehr gut Englisch, denn sie hat sieben Jahre in New Jersey gewohnt. Ich frage sie, wie ihr die USA gefallen haben. Sie sagt, besser als China. Besser als China? Aber doch offensichtlich nicht wegen der Kultur? Sie sagt: „It’s a free country“. Es tut gut diesen Satz von jemandem zu hören, der weiß, was er bedeutet.

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Die stärkste Verbindung habe ich in unserer Gruppe zu Su. Su ist 1,85 m groß und breit wie ein Schrank. Wir haben einen Running Gag, dass wir uns gegenseitig mit bedrohlicher Stimme „Be careful!“ sagen, wobei man ihm das wohl eher abnimmt als mir. Er bringt mir chinesische Wörter bei und ich ihm Englische und ein paar Deutsche. An den deutschen Wörtern droht er regelmäßig zu ersticken. „Nikschtssudnkn“, „Kuglschlibrr“, „Schmttrring“.  Auf Englisch sagt er: „I am very happy today. I am very happy to be friends with you.“  Die Ehre ist ganz meinerseits, sage ich.

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Jetzt im Hochsommer wirkt Peking an manchen Orten fast schon verlassen, aber überall lässt sich erahnen, wie voll die Stadt sonst ist. Im Supermarkt schläft hinten ein Mädchen auf einer Palette Waschmittel. In einem kleinen Restaurant wird ein Kinderzimmer für uns freigeräumt. Nachts kann man Leute neben den Bäumen liegen sehen, ohne Decke, ohne Gepäck, sie haben es wohl einfach nicht rechtzeitig nach Hause geschafft. Auf Chinglish, das ist die Sprache, die man bekommt, wenn man Chinesisch Wort für Wort in Englische übersetzt, heißt „viele Leute“ „People mountain people sea“. Einer der Studenten fügt hinzu, das sei in China „very problem“ 

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Neben dem Campus ist ein riesiges Schotterfeld, das von einem Bauzaun umgeben ist. Dort soll, wie man den Plakaten am Zaun entnehmen kann, das Lize Finacial Business District entstehen, eine vibrant ecological business city. Wobei mir nicht ganz klar ist was an einem Finanzdistrikt mit Wolkenkratzern, Transrapid und unterirdischer Shopping-Mall ökologisch sein soll. Bei den Restaurants gegenüber gibt es ein Gemeinschaftsklo für den ganzen Straßenzug. Auf der einen Straßenseite baut man ein futuristisches 3D-Verkehrssystem, auf der anderen kackt man in ein Loch im Boden.

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Unser Dolmetscher erzählt uns, dass Mao Zedong erst seit zehn Jahren auf allen Geldscheinen abgedruckt ist. Das ist also gar kein Ausdruck ungebrochener Loyalität, sondern eher ein Versuch im Zuge der ganzen wirtschaftlichen Umbrüche die eigene Corporate Identity zu wahren. Ich bin ohnehin überrascht, wie schlecht man im privaten und halböffentlichen Kreis über die Regierung reden kann, ohne etwas befürchten zu müssen.

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Am Ende einer langen Nacht landen wir in einem Laden, der aussieht wie ein abgefuckter 70er-Jahre-Saloon, billiges Holz, braune Samtsofas und eine Galerie, von der man nichts sieht, weil ein Teil der Decke abgesenkt ist. Überall hängt Weihnachtsdeko, eine Santa-Claus Wimpelgirlande, Schneeflocken aus Schaumstoff, silberne Glöckchen. Auf der Bühne ein verwitterter chinesischer Rocker mit einer Stimme wie ein Truck, der über eine staubige Piste brettert. Am Tisch neben uns eine Vierergruppe, vielleicht eine Familie. Als erstes Fällt die Frau auf, sie ist entweder 25 oder 45, entweder eine liegengebliebene Raverin oder die Gespielin eines Drogenbosses. Sie lacht unentwegt wie eine sedierte Hyäne. Der Mann, (ihr Mann?) , stoisches Gesicht, grellblaues Poloshirt spielt ein kompliziertes Trinkspiel mit einem Würfelbecher. Die beiden Mädels ihm gegenüber sind vielleicht seine Töchter, erkennbar minderjährig, sie sind still und trinken Cola.   Von der Frau (seiner Frau?) angestachelt, lädt der Mann ein paar unserer Leute ein, gegen ihn zu spielen. Er schmettert den Becher auf unseren Tisch, dass die Gläser zittern, er hebt den Becher und… hat gewonnen. Er verzieht keine Miene. Erst als er ein paar Runden später besiegt wird, sieht man ihn lachen. Seine ganze „Familie“ lacht und der erfolgreiche Schweizer hebt die Hände wie ein Olympiasieger. Unterdessen kommt der verwitterte Rocker zum Ende seines Sets, er legt so richtig los, er geht ab, dass sich sein Pferdeschwanz auflöst und ihm die Saiten in Strähnen von der Gitarre fliegen, die Würfel knallen, die Hyänenbraut tanzt, die Töchter glotzen in ihr Handy, wir trinken Bier aus Singapur, das Tiger heißt, und ich fühle mich wirklich wie am anderen Ende der Welt.

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9 Antworten zu People Mountain People Sea

  1. literaturen schreibt:

    Danke für diesen hervorragenden Beitrag!

  2. Böllinch schreibt:

    Ja, solle Anfälle wünscht man jedem! Gefällt mir sehr gut.

  3. Böllinch schreibt:

    Bzw. natürlich „solche“.

  4. missbisbeeblue schreibt:

    Sehr erheiternde und interessante Anekdoten! Hast du noch mehr davon? ;)

  5. BambooBlog schreibt:

    Schöne Anekdoten! So vielfältig ist Peking.

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