Paris 20stes Arrondissement, 1 Uhr 27

Paris 20ème

Ich bin unterwegs. Paris ist nicht meine erste Station. Ich war diesen Sommer schon in Avignon und Montpellier, in der Ardèche und in Burgund, auf Korsika wacklig auf einem Brett stehend (warum nur?) und wandernd oberhalb der Baumgrenze, in Toulon und in Nîmes, zu dritt auf der Rückbank eines Renault 5, Baujahr 94. Aber so heiß wie hier, hier in Paris, Stadt des vornehm köchelnden Asphalts, Stadt der abstandlos aneinander parkenden Autos (vergesst die Romantik, vergesst die Liebe), Stadt der in den wenigen Einfahrten Fußball spielenden Migrantenkinder (wie wir früher: Flanken schlagend, Kopfball und Seitfallzieher), Stadt der plötzlichen linken Buchläden (matte Blumen aus Steinritzen), Stadt der obligatorischen Kurzbadehosen und Badekappen, Stadt der Vorschriften und Ausnahmen, ein vornehmes Dickicht aus Beton, gepflegten Wiesen und bunten Markisen, Paris, so heiß wie hier war es noch nie. 31 Grad zeigt jetzt, Freitag, 1 Uhr 27, noch die elektronische Warntafel, in der auch auf Deutsch zu lesen ist: Hitze in Paris — Hut, Sonnenschutzcreme und Sonnenbrille — unbedingt empfohlen.

Ich bin kein Reiseschriftsteller. Reiseschriftsteller können reisen und schreiben. Gleichzeitig. Ich kann immer nur eins von beidem, reisen oder schreiben. Entweder oder. Und meistens weder das eine noch das andere.

Und trotzdem der Versuch, immer wieder, als ob es das frühere Scheitern nicht gegeben hätte oder mit dem neuen Versuch entwertet, nichtig gemacht würde. Auch jetzt, Freitag 1 Uhr 27, ein neuer Versuch, Freitag 1 Uhr 27, hoffnungslos falsche, immer schon zu frühe Zeitangabe, immer schon vergehende Zeit, wobei die Zeit jetzt mindestens genauso schräg und launisch in den Straßen steht wie die Hitze.

Die Hitze. Ich ertappe mich dabei einen Satz zu schreiben wie: „Ich versuche der Hitze zu entfliehen und gehe hinaus auf die Straße.“ Ein typischer Satz eines Reiseschriftstellers, ein typischer Reiseschriftstellereröffnungssatz. Aber das, von der Hitze hinaus auf die Straße zu gehen, wäre albern, von mir aus gesehen: es zu tun, es zu schreiben, es zu versuchen, es überhaupt zu wollen.

Woher aber kommt dieser Drang, doch etwas aufschreiben zu wollen, nicht nur von der Reise, über die Reise, sondern reisend etwas aufzuschreiben, aufschreiben zu müssen? Doch wohl nicht (wie man reiseschriftstellerisch jetzt sagen müsste, weil einen die Zeitung druckt), um etwas festzuhalten von der Reise, sondern vielmehr um etwas loszulassen von ihr. Auf keinen Fall etwas festhalten: selbst wenn man dabei zeigt, dass das Festzuhaltende nicht festzuhalten ist.

Ich lasse die Hitze los; gehe die zwei Treppen hinunter, höre im Halbdunkel das leise Quietschen meiner Schuhe auf den gebohnerten Treppenstufen, drücke den Türöffner und stoße die Tür nach außen auf (nein: ich ziehe die Tür nach innen auf), gehe nach links (rechts!), eine ganze Weile den Boulevard Voltaire hinunter, an einem jungen, irgendwie gut aussehenden Penner vorbei, der mit übergroßen Plüschhausschuhen, Tigerpranken imitierend, auf einer 1,60 mal 2 Meter-Matratze liegt und – entspannt aussieht. Plötzliches Verlangen, ein Bier mit ihm zu trinken, aber ich sehe, wie er hinter sich drei Sodadosen (Sprite, Cola light, Oasis) als Türmchen aufgebaut hat, und habe Angst, dass er kein Alkohol trinkt, die nächsten zwei Tage an meiner Backe hängt und mir Lebensphilosophiesätze, die kein Interesse an Angreifbarkeit haben, an die Ohren hängen wird.

Ich gehe weiter und biege nach links ein, auf die Rue Montreuil, direction Periphérique, Banlieue, dunkle Fenster fast überall, gepflasterte Sackgassen zu mikrometrischen Autowerkstätten oder ins Leere, vorbei an nächtlich stillgelegten Parks oder Zwischenhofgärten, Araber auf der Straße, ausschließlich Männer, manchmal eine schwer atmende Matrone mit Äbtissinnenblick mit am Tisch, selten ein junges Paar Freundinnen mit Kopftuch.

Ich suche irgendwie die Bar „Les pères populaires“, weil im Guide irgendeine unrealistische Lobeshymne darauf steht, ich suche und ich finde sie nicht, und es macht keinen Unterschied, denn morgen werde ich etwas anderes nicht finden, das sich an die Stelle des jetzt Ungefundenen drängen kann, um es zu erlösen. Ich denke mir manchmal, man muss sich hier, in dieser Stadt, nachdem man sie lange genug kennt, völlig frei machen von irgendwelchen Erwartungen, nichts suchen, nichts finden wollen; auch dann wird das Wunder ausbleiben, auch dann nichts Überwältigendes, nichts Außerirdisches oder Außereuropäisches passieren, aber es ist gut so.

Es ist gut so wie für die arabischen Männer, die da fern ihrer Herkunft sitzen, als ob sie sich kaum einen Meter von ihr wegbewegt hätten. Die Fähigkeit des Herumsitzens ist für mich seit vielen Jahren Gegenstand der größten Faszination für die arabische Kultur geworden, und ich meine das wirklich so, völlig frei von irgendwelchem Zynismus, herablassendem Zivilisationsbewusstsein oder sonst irgendeiner Überheblichkeit. Ich glaube wirklich, dass in diesem ziellosen Aufderstraßesein das Potential zu einer zukunftsschaffenden Fähigkeit liegt, die zugleich unglaublich wichtig ist und wahnsinnig unterschätzt wird.

Ich sehe die arabischen Männer dort herumsitzen, auf nichts wartend, auf nichts hoffend, völlig im Einklang mit dem Augenblick, Erwartungen und Sorgen unter sich lassend, ohne sie aufzulösen, abgehängt für einen Moment, um sie später mit all ihrer Last wieder aufzunehmen. Ich will ihnen zurufen: Ihr könntet, so sitzend, die Zivilisation der Zukunft sein, eure Stunde könnte bald geschlagen haben, aber es bedarf noch einer großen Anstrengung, ihr müsst den Unterschied zwischen Frauen und Männern, den Unterschied, den ihr macht, vergessen, ganz und gar vernichten. Aber eher wird ein Kamel…

Auf dem Weg zurück, den ich auf derselben Straße laufe, Rue Montreuil, direction Voltaire, Centre, einsam beleuchtetes Äderchen inmitten einer abgedunkelten Normalität, die in Paris fast unrealistisch erscheint, auf dem Weg zurück, laufen hinter mir drei Typen, die irgendeiner Fankultur angehören und unterhalten sich mit dem von allen geteilten, wunderbar nichtssagenden Pariser Slang, den ich mitsamt seiner Oberflächlichkeit sehr liebe und indem das Wort genre (Gattung, Art) wie aus einer stotternden Wasserspritzpistole regelmäßig geschossen kommt. Ich ärgere mich ein wenig, dass in Deutschland kein 17jähriger Nerd das Wort Gattung als Füllsel in seinen ehrlich gemeinten Nicht-Sätzen verwendet. Eine stille junge Frau läuft mit den Jungs mit und man hört nur manchmal ihr schüchternes oder höfliches oder zögernd aus dem Kehlkopf tröpfelndes Lachen. Wir laufen zu fünft an einem grell erleuchteten Lebensmittelgeschäft vorbei (es ist jetzt wahrscheinlich halb 3), auf einem Tapeziertisch davor stapelt sich glitzerndes Gebäck (es ist Ramadan) und aus einem miniaturhaften Renault 5 mit 93er-Kennzeichen steigen zwei Männer aus, der eine groß und schlank, der andere klein und dick, beide mit längeren, ärgerlich gepflegten Bärten, beide im schwarzen Thawb, darunter Nike-Sneakers, sie gehen in den Laden, um sich eine Coke zu holen und kaufen auch ein bisschen Gebäck. Ich kann mich nicht entscheiden, ob mich ihre bemühte Ernsthaftigkeit traurig oder aggressiv macht. (Jetzt bin ich mir sicher: aggressiv.)

Als ich zurück auf den Boulevard Voltaire einbiege, sitzen drei Jugendlichen mit ihren absurdschönen Freundinnen, wie man sie in Paris überall sieht, noch immer auf der Treppenstufe eines geschlossenen Bistros, reden lachen streichen sich durch die Haare vergeuden ihre ganze selbstverständliche Glücksperformance an die dunkle, breite, zuschauerentleerte Straße, einer steht auf, kommt mir entgegen, lächelt mich an, hinter ihm tapst seine Freundin her, er dreht sich um, nimmt sie in den Arm, und sagt, als ich vorbeigehe, zu mir: Là je voulais tellement acheter des bières que j’avais presque oublié ma copine. Und sie, obwohl sie fast größer ist als er, schaut an ihm hoch, hängt sich an ihn wie an einen Fahnenmast, fasst ihm ins Haar und streicht seine modische Kippa vom Kopf auf den Asphalt.

Es ist heiß. Ich gehe in den gerade schließenden Laden neben der Wohnung, will eigentlich ein Bier kaufen, aber nehme dann doch eine eiskalte Orangina, kaltgestellte Getränke in den Pariser Läden mit den grünen Markisen sind immer, fast immer eiskalt. Die Orangina ist auf eine beinah erlösende Art und Weise erfrischend, und ich kann, wie so oft, nicht anders als an das Buch zu denken, das ich gerade lese, Mrs. Dalloway, Virgina Woolf: What is this terror? What is this ecstasy? What is it that fills me with extraordinary excitement?

Berlin-Wedding, 16 Uhr 19

Über Samir Sellami

istinalog.net
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