Why you need to stop what you’re doing…


So überlegen ist das amerikanische Fernsehen, dass selbst wenn man denkt schon alles gesehen zu haben, und eigentlich schon alles gesehen hat, wenn man langsam weiß wie der Hase läuft und das Format Fernsehserie langsam satt ist, immer noch eine Sendung um die Ecke kommen kann, die so spektakulär und neu und anders ist, dass man gar nicht anders kann, als sie in einem Rutsch komplett wegzukucken. Diese Sendung ist „Orange is the new Black“. Wobei „Sendung“ ein irreführendes Wort ist, weil sie gar nicht wirklich gesendet wird, sondern wie „House of Cards“ und die vierte Staffel von „Arrested Development“ zuvor, von der Online-Videothek Netflix auf den Server gestellt. Die Rezensionen in der Blogosphäre überschlagen sich und tragen Titel wie: „You Need to be Watching ‚Orange is the New Black'“ oder  „Why You Need To Stop What You’re Doing And Watch ‚Orange Is The New Black'“.

Also folgendes: wenn „Hinter Gittern – Der Frauenknast“ (es tut mir leid, dass ich eure Erinnerung daran jetzt wieder auffrischen muss) eine wirklich gute Serie gewesen wäre und nicht am Fließband produzierter Dauer-Schlock (16 Staffeln!), dann wäre dabei etwas ähnliches rausgekommen wie „Orange ist the new Black“.  Die Serie basiert auf den gleichnamigen Memoiren von Piper Kerman, einer eigentlich gutbürgerlichen jungen Frau, die handgemachte Öko-Badeprodukte verkauft, allerdings mit Anfang 20 eine wilde Phase hatte. Sie war mit einer lesbischen Drogendealerin zusammen und in deren Geschäfte verstrickt, und für diese Jugendsünden muss sie nun, Jahre später, bereits mit einem Mann verlobt und auf dem besten Weg ins Reihenhaus, mit einer Gefängnisstrafe von 15 Monaten büßen.

Piper Chapman, die fiktionalisierte Version von Piper Kerman, ist dabei zwar die Hauptfigur, aber nicht das alleinige Zentrum der Serie, und das ist ihre große Stärke. Weil es eben nicht nur um das blonde Hascherl bei den fiesen Knacki_innen geht, sondern um so viel mehr. Pipers Geschichte ist die Einstiegsdroge in einen ganzen Kosmos. Die beste Rezension der Serie, interessanterweise von den sonst sehr oberflächlichen und bissigen Fashion-Bloggern Tom & Lorenzo, fasst es so zusammen:

This is why it’s such a good show and why it sticks with you for days; because there isn’t an adult alive who can’t understand how hard it is to make choices and how devastating it is when those choices backfire and the punishments come.

But, in some ways, more importantly, this show isn’t just about general, universal truths. These are clearly and specifically women’s stories; about the choices women have to make in this world and about the millions of different ways the world conspires to rob women of their agency or hold them back from their potential. […]

But digging down even further, it’s clear to us that the strength of the tale isn’t that it’s universal and isn’t even that it’s women-specific, but that it tells the stories of the types of women who don’t get their stories told in our culture: black women, Hispanic women, fat women, butch women, bi women, old women, immigrant women, uneducated women – and even a trans woman’s story. When the season is done, you will be astonished at the vast range of women you’ve been exposed to and if you reflect on it, will probably be a little depressed that such stories are so rare in our culture.

Die Serie schafft das ohne in die Fallen des Fernsehfeminismus zu tappen, der die Frauen immer klüger sein lässt als die Männer und der immer wieder nach Momenten verlangt, in denen die weibliche Hauptfigur einem arroganten Pimmelträger zeigt, was eine Harke ist. (eine meiner anderen Lieblingsserien, „The Good Wife“, tut das zum Beispiel ständig) Hier muss niemand einem politisch korrekten Ideal entsprechen, hier sind alle so gut und schlecht und schrecklich  und mutig und feige und kompromittiert und widersprüchlich, wie das im wirklichen Leben wohl auch ist. Red zum Beispiel, die russische Küchenchefin, hat ein Herz wie ein Bergwerk und unter den anderen Insassinnen eine Gruppe loyaler „Töchter“, denen sie mit eiserner Konsequenz geholfen hat, ihre Drogensucht zu überwinden. Aber als Piper an ihrem ersten Tag, nicht wissend wer sie ist, das Gefängnisessen in ihrer Gegenwart ekelhaft nennt, serviert sie ihr das nächste mal ein Brötchen mit einem blutigen Tampon drin und hungert sie anschließend aus. „You called my food disgusting. You will leave this prison as a skeleton in a body bag”

Die Washington Post stellt fest, wie akkurat OITB die Situation in den tatsächlichen amerikanischen Frauengefängnissen abbildet. Von der ethnischen Zusammensetzung der Insassen, dem Einsatz von Einzelhaft als Druckmittel und der Behandlung von Transsexuellen. Ein Glück, dass all das nicht nur genau, sondern such sinnlich abgebildet wird. Die Serie lässt einen verstehen, was es heißt, nicht mehr zu leben, sondern verwahrt zu werden. Die Langweile und das Elend werden spürbar, ohne dass die Sendung dabei je langweilig oder elend würde.  Jeden Tag aufs hässlichste mit sich selbst konfrontiert zu sein, wenn jeder schützende Komfort von einem weggeschält wurde. Jeden Tag den anderen wunden, aufgekratzten, zudringlichen Menschen nicht ausweichen können. Jeden Tag brutaler Kampf um die wenigen mageren Privilegien, die das Gefängnisleben noch bietet. Jeden Tag Demütigung durch das inkompetente und/oder desinteressierte Wachpersonal.  Und trotzdem manchmal Liebe. Und trotzdem manchmal Solidarität. Und trotzdem Humor. Wie die hinreißende Parodie, die die beiden schwarzen Mädels Taystee und Poussey auf sozial engagierte weiße Vorstadtmuttis hinlegen.

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Und so entspinnt sich die Geschichte von Piper und ihren Mitgefangenen, zu denen, wie sie mit erschrecken feststellen muss,  auch ihre drogendealende Ex gehört, (Danger! Danger!) in einer sehr delikaten Balance zwischen Warmherzigkeit und Scharfsinn, aus der sie zumindest in dieser ersten Staffel nie abstürzt. Im Gegenteil, das erzählerische Selbstbewusstsein mit der sie einen vom freundlichen Geplänkel, zu bissiger Sozialsatire, zu schmerzhaftem Liebesdrama und immer wieder in unvorhergesehene, monströse Tiefen führt, ist bemerkenswert. Genauso wie die auf den Punkt geschriebenen Dialoge, der auf den Punkt besetzte Cast und der sehr geschickte Einsatz von Rückblenden, die mit flüchtigen Beobachtungen den Figuren Vergangenheit und Textur verleihen, ohne überkomplizierte Nebenstories aufzumachen.

Die Schauspielerin Kate Mulgrew, manchen noch bekannt als Captain Janeway aus „Star Trek: Voyager“, die hier die oben bereits erwähnte Küchenchefin spielt, sagt es so: „If you put a lot of women of different races, different cultures, different backgrounds, different crimes into a space as big as this room, guess what: shit’s gonna happen.“

And is it ever.

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