Männlichkeit

113597-4Immer wenn irgendwo wieder die Debatte über die Krise der Männer aufgewärmt weiß ich, dass ich nicht gemeint bin. Nicht weil ich kein Mann bin, oder mich jemals nicht als Mann gefühlt hätte. Aber die „Krise“ die da beschrieben wird ist nicht meine. Und vielfältige Erlebnisse und Ausdrucksformen von Männlichkeit haben in diesen Diskussionen wenig Raum.

Mit meinem Coming -out bin ich was Männlichkeit angeht im Prinzip narrenfrei geworden. Der schlimmste Alptraum meiner Pubertät hat sich erfüllt. Ich habe Tage in Schockstarre verbracht, in einer zersetzenden gedanklichen Dauerschleife, um mir selbst zu beweisen, dass ich nicht schwul bin. Ich habe Zwangsneurosen entwickelt. Ich dachte, wenn irgendjemand in meinen Kopf kucken könnte, sie würden mich sofort hinter die Schule führen und mich da erschießen. Ich habe mich immer wieder gefragt mit welchem recht sich so ein schmächtiger Bücherwurm wie ich eigentlich ein Mann nennen kann. Und dann war ich schwul, und alle erfuhren es, und die Welt ging nicht unter. Und ich habe nie wieder so viel über Männlichkeit nachgedacht wie damals.

Das ist das was viele, die „tuckiges“, effeminiertes Verhalten von schwulen Männern befremdlich finden, nicht kapieren: die tut das nicht, weil sie es müssen, weil ihnen  die schwule Mafia das vorschreibt, sondern weil sie es können. Weil sie sich den Spaß leisten können, ohne sich hinterher fragen zu müssen, ob sie hart genug für diese Welt sind. Der Ernstfall ist bereits eingetreten. Die Festung ist schon gefallen. Es gibt nichts mehr zu verteidigen, und das ist unglaublich befreiend. Für die meisten heterosexuellen Männer ist das natürlich anders. Und selbst wenn es nur noch um Überbleibsel geht, irgendwo hat selbst der aufgeklärteste, gendergemainstreamteste Neuköllnbewohner Grenzen. „Frag nicht schon wieder nach dem Weg, das ist doch peinlich“. „Du kannst mir doch mit so nem Bier nicht zuprosten, und es danach nicht absetzen.“ Und plötzlich hängt der erhalt der eigenen Männlichkeit an winzigen zwischenmenschlichen Formalitäten.

normal_muscle_jesusIch habe meine Ausbildung an einem der Orte gemacht, an dem die gesellschaftliche Illusion der Männlichkeit hergestellt wird: an der Schauspielschule. Es beginnt jedes Jahr mit dem Seufzen, dass sich wieder zu wenige Männer beworben haben. Und von den Männern die sich beworben haben, sind zu wenige „echte Männer“. Und manchmal wird dann versucht aus einem nicht echten Mann einen echten Mann zu machen. Einer meiner Klassenkameraden, ein sehr begabter, humorvoller Schauspieler, aber eben kein „echter“ Mann, vom Typ her eine Kreuzung zwischen dem kleinen Prinzen und Tim von „Tim und Struppi“ hat das durchgemacht. Ab dem zweiten Studienjahr sah ich ihn in einer bösen Mackerrolle nach der nächsten, Schwuchteln in der Umkleide verprügelnd, frauenmordend, sklaventreibend. Wahrscheinlich hat es ihm als Schauspieler genutzt, in der Ausbildung Rollen zu spielen, die ihm nicht immer liegen. Im Ergebnis war es, gepaart mit dem Ehrgeiz der Dozenten, die einer nach dem anderen beweisen wollten, „dass der auch Eier haben kann“, ein Beispiel für das absurde Theater, dass diese Männlichkeitsvorstellungen sind.

Wenn ein Coming-Out wie die Kapitulation einer Festung ist, dann auch weil dabei, zumindest wenn es so hoch dramatisch verläuft wie meines, nicht nur die eigene Sexualität zu Tage tritt, sondern auch Teile der Angst und Scham die damit verbunden waren. Tiefe, enorm private Gefühle, die plötzlich für die ganze Öffentlichkeit zu sehen sind. Und für die meisten heterosexuellen Männer die ich kenne, ist diese Art von Gefühlen immer noch verschlossen in einer Festung, die unter allen Umständen und bis zum letzten Mann verteidigt werden muss. „Ich hätte kein Problem damit, es euch zu erzählen, ich verstehe halt nur nicht warum“ , der Satz eines von Familienproblemen zerfressenen Kommilitonen, der mir bis heute nachhallt. „Nothing to be sad about“, der lapidare Kommentar eines engen Freundes, als er mir, ein Jahr nachdem sie vorgefallen waren (!), von familiären Umwälzungen erzählte, die mich mehrere schlaflose Nächte gekostet hätten.

In einer Zeit wie der unseren allerdings, in der Emotionen fetischisiert und kommodifiziert werden, in der eines der größten Komplimente ist dass jemand „aus sich rausgehen“ oder „Schwäche zeigen“ kann, wird diese Form der Gefühlverdrängung zunehmend unpopulär. Viele moderne jungen Männer landen so in einem anstrengenden double-bind: sie signalisieren der Umwelt ständig, dass sie tiefe Gefühle haben, nach denen man sie aber nicht fragen darf, oder sie veräußern ihre Gefühle ständig und kommunizieren immer auf passiv-aggressive Weise mit, dass sie ja in dieser Hinsicht immer unterdrückt und verraten werden. Andere wählen den Rückzug in die Stoffeligkeit: wer Konflikte und Situationen, in denen Gefühle entstehen könnten, prinzipiell vermeidet, der muss sich auch mit seiner Unfähigkeit, diese Gefühle auszudrücken, nicht beschäftigen.

Das alles macht heterosexuelle Männer nicht zu schlechteren Menschen. Aber es würde sich lohnen, einige Dinge neu auszuhandeln. Und aushandeln heißt hier explizit nicht, jede Befindlichkeit in kleinteiligen, ewiglangen Partnerschaftsdiskussionen auseinanderzuklamüsern, sondern Möglichkeiten zu finden, offen und erwachsen mit den eigenen Gefühlen umzugehen. Naja, was weiß ich denn schon. Vielleicht reden heterosexuelle Männer auf ganz viel über ihren Seelenzustand, nur halt nicht mit mir. Gut möglich. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass sie im entscheidenden Moment immer wieder heimgesucht werden von einem Gespenst, von dem Phantasma einer Männlichkeit, dem sie gar nicht gerecht werden können.

Dieser Beitrag wurde unter Ich, Leben, Love abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Männlichkeit

  1. Sven schreibt:

    „offen und erwachsen mit den eigenen Gefühlen umzugehen“ find ich den besten Satz des generell sehr guten Artikels.

    Männlichkeit ist in meiner Welt nichts, was man mit Bier, Autos oder sonst welchen Status-Macho-Zeug zu tun hat. Es ist halt ein Gefühl ;-)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s