Zum Zehnten Todestag von Roberto Bolaño

Zehnte Todestage, hat man mir gesagt, sind sehr fakultativ. Fakultativ ist aber nicht, dass von dem Autor, der genau heute vor 10 Jahren und 5 Tagen gestorben ist, noch viele Todestage ins Land und in die Zeit gehen werden. Viele Todestage, an denen der ungeheure Einfluss eines ungeheuren Werks auf die Literatur des 21. Jahrhunderts genauso erinnert, verklärt und gewürdigt werden wird wie ein Leben, von dem man so wenig weiß wie von der Rückseite der eigenen Träume (unter Umständen sehr viel).

In gewisser Weise passt die Schreibsituation, in der ich gerade bin, gut zu ihrem Schreibgegenstand. Unterwegs im Auto, einen langen Trip vor mir, den Computer und die Verpflichtungen (unter Umständen nicht alle) zu Hause gelassen, versuchsweise auf einem Schwedisch kodierten Tablet hin- & hertippend, das mir Fred für die Reise (unter Umständen für immer) mitgegeben hat, erste Gehversuche meiner Fingerspitzen auf der dünnen Monitorschicht, unter der die Buchstaben liegen, aus denen 2666, Estrella Distante, Amuleto gehauen worden sind.

Ohne den Computer, das heißt: ganz dem eigenen, d.h. dem schlechten Gedächtnis ausgeliefert, das schon lange in Tausende von Word-Dokumente ausgelagert worden ist, dem Flackern der Sonne durch die Löcher in den Baumreihen, dem doppelt gleichmäßigen Rauschen von Motor und Fahrtwind, dem ungleichmäßigen Schaufeln in der Luft zeitgenössischer Windmühlen; Windmühlen, gegen die keiner mehr anreitet, vielleicht weil ihre Windarme so weit oben liegen, dass sie nicht mehr als Gefahr verkannt werden können, vielleicht weil die Reiterinnen schon wissen, dass den Pferden die (für uns unhörbaren) Rauschfrequenzen der Windräder unaushaltbar sind, die Pferde für einen Angriff ganz untauglich macht.

***

Der Unterschied von meiner Reise zu der, auf die man sich von der ersten Bolaño-Seite an begibt, ist: Ich werde, ich muss zurückkehren.

Bolaño-Buchdeckel sind Türen in eine gespenstisch unbekannte Welt, von der ersten Minute an (wenn dieses Zeitmaß auch hier gilt) weißt du, dass es sie schon immer gegeben hat, und du vielleicht schon immer halb in ihr gelebt hast, in dieser Halbwelt. Bolaño lesen heißt nicht, sich von der Welt abzuwechseln, Bolaño lesen heißt, die Welt zu wechseln.

Zu wechseln, ohne sie zu verlassen. Reise ohne Rückkehr, die echte Reise also, die nichts mit dem Auszug antiker Krieger und nichts mit dem Urlaub moderner Bürger zu tun hat. Wer zurückkehrt, gesteht sein Scheitern ein, hat Bolaño einmal gesagt. Bolaño selbst ist nur einmal in seinem Leben zurückgekehrt, von seinem Lebeland (Mexiko) in sein Geburtsland (Chile), um Allendes (scheiternde) Revolution zu unterstützen, und er sollte später eine Literatur schaffen, die sich das Scheitern nicht nur eingesteht, sondern es als Fest begeht.

Vielleicht sind Bolañobuchdeckel gar keine Türen, zumindest keine, die man auf- und absperren kann, sondern eher Schwingtüren, die, so wie sie in dem Raum hinein- auch wieder aus ihm herausführen, eine Unbestimmtheit, die keine Grenzen verwischt, sondern ihnen erst ihr Gesicht, ihre Fratze verleiht. Es ist wenig originell, aber nicht weniger wahr, dass diese Schwingtüren am Ende irgendwie immer in 2666 hinein (und unter Umständen immer wieder heraus) führen.

Wer auch nur wenig von Bolaño gelesen hat, weiß, wie da die Namen anderer Schriftsteller und deren Werke wachsen und wuchern wie Theaterplakate beim Festival in Avignon; echte, erfundene, und alles nur denkbare Halbgestaltige dazwischen. Meistens ist es weder besonders aufschlussreich noch überhaupt möglich, Großes und Kleines, Wichtiges und Unwichtiges, Spielerei und Ernst voneinander zu unterscheiden. Die Namen in Bolaños Werk bilden ein Meer, aus dem sich jede beliebige Artenverwandtschaft akademikertauglich nachweisen lässt – aber einer versteckte sich unter dem Meer: Jorge Luis Borges, unverzagt lächelnd, mit den schwachen, schlauen Augen in die Meersonne blinzelnd, die trotz der Altersflecken hellen zarten masselos übereinanderliegenden Hände auf den schlanken Gehstock gestützt.

Borges, der große Lehrmeister. Bolaño hat ihn mindestens neben sich gelassen, hat Borges‘ perspektivische Anspielungskunst wieder zurück in eine Poetik der Ausschweifung, der realisierten und nicht nur angedeuteten Unendlichkeit überführt.

***

Poetik der Unendlichkeit, Poetik der Hyperbole. Bolaño ist ein Meister der Übertreibung. Wer das vierte Kapitel von 2666, die endlose, erschöpfende Aufzählung der Frauenmorde in Santa Teresa, gelesen hat, weiß, was das heißen könnte. Dieser vierte Teil des monströsen Romans wird als die größte Bolaño-Herausforderung in die Geschichte der Weltliteratur eingehen: unerträglich lange, konzeptuell genial, die unerbittlich vollständige Realisierung einer ungeheuren Idee.

Realisierung statt Andeutung. Der vierte Teil ist die Umsetzung eines Traums, den ein anderer Schriftsteller geträumt hat: Nicanor Parra, der Begründer der lateinamerikanischen Antipoesie, neben Borges der wichtigste Lehrmeister Bolaños. Der hat wohl einmal diesen monströsen Traum geträumt, in dem er die Geschichte des II. Weltkriegs anhand einer vollständigen Aufzählung und monotonen Beschreibung aller Schlachten erzählt; erzählen muss.

Rêver un livre, hat Proust gesagt, c’est le propre de l’intellectuel. Ein Buch träumen ist das Eigentliche des Intellektuellen (man denke, übrigens, an diesen Satz und lese dann die ersten zwei Seiten der Recherche). Bolaño hat diese Rolle, die Rolle des Intellektuellen, nicht einfach pflichtgemäß erfüllt, sondern noch übertroffen und ein solches Alptraumgebilde nicht nur geträumt, sondern mit Fleisch & Blut in die Tat umgesetzt. Er hat die Geschichte der feminicidios in Ciudad Juárez nicht nur zu träumen gewagt, sondern in all ihrer hyperrealistischen Übertreibungsgestalt in Literatur übersetzt. Er hat, wie es in der jetzt schon legendären Apothekerschelte Amalfitanos heißt die rhythmisch genialen Fingerübungen hinter sich gelassen und Schneisen geschlagen ins Unbekannte.

Er ist als einer der ersten ernst zu nehmenden Schriftsteller endgültig aus dem Schatten der von Ironie und Konzeptkunst gekidnappten Postmoderne ausgetreten, hat sich nicht mehr mit dem permanenten (aber meistens stocknüchternen) Abfeiern der Überallzweideutigkeiten beruhigen lassen, in der man es sich schon seit mehr als einer Generation gemütlich macht. Er verabscheute Sterilität, aber liebte die Abstraktion und sehnte sich nach ihren Erhabenheitsexplosionen. Er durchlebte die unterschiedlichsten Avantgardismen und literarischen Lehren und streifte sie ab, um am Ende selbst eine zu begründen.

Für mich geht von jeder großen Künstlerin eine Lehre aus, und zwar keine zum Aufschreiben und Mitnehmen, sondern so wie vom Mont Sainte Victoire, den ich gerade vom TGV-Bahnhof Aix en Provence aus gesehen habe, für Cézanne eine Lehre ausgegangen ist. Und die Lehre, die von Bolaño ausgeht, lautet: Das Zeitalter der Ironie ist vorbei. Das Zeitalter der Hyperbole hat begonnen.

Als Pelletier und Espinoza, den desaparecido Benno von Archimboldi jagend, zum ersten Mal wirklich über eine mexikanischen Zeitung das Ausmaß der Frauenmorde an der mexikanischen Nordgrenze erahnen, sagt einer zum anderen (wenn ich mich jetzt, auf dem harten Teppichboden der Korsikafähre liegend, den schwankenden Boden des Mittelmeers unter mir, richtig erinnere): Übertreiben ist eine Art, seine Bewunderung auszudrücken. Erst sagst du, du kannst es nicht glauben, und dann, irgendwann, glaubst du es wirklich nicht mehr.

***

Es wäre noch viel zu sagen. Vor allem, wenn man die Bücher zur Hand hätte, in denen die Bolañowelt verdruckt ist. Aber es wird noch viele Gelegenheiten und viele Todestage geben. Weniger fakultative. Genauso traurige. Und genauso schöne.

Über Samir Sellami

istinalog.net
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