Snowden etc. pp.

800px-BigBrotherUm schließlich doch etwas zu der ganzen NSA-Geschichte zu sagen: Vergleiche mit der Stasi und der Welt von George Orwells „1984“ haben ja gerade Konjunktur. Ich halte das für problematisch. Auf Opendatacity gibt es eine hübsche Visualisierung, wie groß die NSA „Datenschränke“ im Vergleich zu denen der Stasi wären, und natürlich stellen die 5 Zettabytes der NSA die Zettelkästen der Stasi komplett in den Schatten. Was uns das aber vor allem zeigt ist, dass sich die Schwere der Unterdrückung durch einen Überwachungsapparat nicht daran messen lässt, wie viele Daten erhoben werden. Mit ihren vergleichsweise lächerlichen Datenmengen hat die Stasi den Bürgern der DDR sehr viel mehr Schaden zugefügt als die NSA den Bürgern der Bundesrepublik.

In einem FAZ-Gespräch mit Ranga Yogeshwar lässt sich Dietmar Dath, ganz Feuilletonredakteur, zu folgender Übertreibung hinreißen: „Erinnert man da an Orwells Roman „1984“, ist das fast eine Verharmlosung. Orwell beklagt, dass sein Held nur noch winzige Freiräume hat, das Tagebuch und die traurige Zwischenmenschlichkeit. Aber gerade in diesen Sphären sitzen jetzt die Sauger.“ Erstens: Winston Smith, Orwells Held, schreibt sein Tagebuch mit einem Stift in ein Buch aus Papier. Er wäre damit auch vor der NSA ziemlich sicher. Zweitens: Die Zwischenmenschlichkeit in „1984“ ist deswegen so traurig, weil den Menschen über tägliche Rituale der Gehirnwäsche die Gefühle zueinander ausgetrieben werden, zugunsten der totalen Hingebung an Big Brother. Sie kriegen von Geburt an eine neue Sprache eingeimpft, Doublespeak, mit der sich subversive Gedanken nicht mehr formulieren lassen. Noch ein Mal: die Schwere der Unterdrückung durch einen Überwachungsapparat lässt sich nicht daran messen, wie viele Daten erhoben werden.

Der Schöpfer der Serie „The Wire“, David Simon, hat mehrere Blogposts zu PRISM geschrieben, die ob man ihnen nun zustimmt oder nicht, das Niveau der Diskussion um ein vielfaches erhöhen. In einem davon schreibt er:

„Because thus far the folks who are outraged at the NSA for this particular affront are having a hard time making a case against the stated purposes of an actual program with actual goals. That stuff keeps getting in the way of what they really want to discuss, and discuss passionately, which is purely theoretical: The possibility that this kind of information, gathered together, crosses some sort of technological and moral rubicon, that it is here – with this use of this particular digitization — that we lose America to authoritarian overreach. And it’s in that hyperbole — indifferent as it is to legalisms and court-honored law enforcement strategies, and to what is politically possible to protect privacy and civil liberties, and what is not — that they lose me.“

Es gibt genug zu diskutieren und zu streiten im Fall PRISM. Ich bin auch froh, dass Edward Snowden ein immenses persönliches Risiko auf sich genommen hat, um diese Diskussion zu ermöglichen. Aber lasst uns über „an actual program with actual goals“ sprechen, über die Übertretungen und Übergriffe, die tatsächlich passiert sind, und nicht über eine Fantasiewelt, in der wir heroische Einzelkämpfer sind gegen eine gleichgeschaltete Orwell-Stasi-Gestapo-Krake.

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