Levinas jetzt I

Auf den ersten Blick scheint wenig dafür zu sprechen, Emmanuel Lévinas als Denker für die Gegenwart mobil zu machen. Er verstand sich als Metaphysiker und setzte als oberstes Ziel der Philosophie das richtige Verständnis des Absoluten, des Unbedingten. Das Ganze hat einen unverkennbar theologischen Einschlag, das Wort Gott fällt nicht dauernd, aber doch immer mal wieder und ohne dass es historisch, ironisch oder polemisch gemeint wäre. Seine Prosa ist manchmal sehr schön, aber meistens schwierig, sie ist von permanenten Wiederholungs- und Ersetzungsbewegungen durchzogen, und dabei extrem voraussetzungsreich. Lévinas verschränkt zwei Wissensgebiete oder besser gesagt Erkenntnispraktiken miteinander, die nicht gerade ganz oben stehen, wenn wir heute darüber nachdenken, wie man am besten die Welt beschreiben kann: Phänomenologie und negative Theologie jüdischer Tradition. Vor so einem Hintergrund ist es nicht weiter verwunderlich, dass sich Lévinas wenig bis gar nicht um materielle Phänomene und konkrete Lebensbedingungen, um Technik und Kunst, um harte Realitäten wie Ökonomie und Medien kümmert.

Trotzdem lohnt es sich, Lévinas zu lesen, gerade heute, gerade jetzt, in diesem Moment. Ich will und kann das nicht resümierend auf einmal erklären, sondern lieber hin und wieder mal, ausgehend von einem Gedanken oder einem Zitat, versuchen, meine gerade beginnende Faszination für diesen Denker darzulegen. Eine wunderbare Gelegenheit also, mal wieder eine Reihe anzufangen, von der Fred befürchtet, dass sie nicht fortgesetzt wird.

***

Berühmt geworden ist Lévinas durch sein Konzept des „Anderen“, das in der Folge (natürlich ohne dass Lévinas gelesen wurde) in vielen Beriechen des Denkgedöns erfolgreich popularisiert und in exzessivem Humanismus-Genudel genauso erfolgreich sinnentleert worden ist.

Lévinas ist auch Humanist, ja, es stimmt, und das wäre eigentlich ein Grund für mich, ihn nicht zu mögen, zumindest skeptisch zu sein. Aber er behauptet eben gerade nicht, dass es für eine Ethik (für Lévinas die erste und wichtigste Philosophie, die alle anderen Philo-Teilgebiete begründet) darauf ankommt, den Anderen zu verstehen, sich in ihn einzufühlen, eins mit ihm zu werden.

Viel mehr kommt es darauf an, die Distanz zwischen mir und dem Anderen, den Bruch, die Trennung, die unaufhebbare Differenz aufrechtzuerhalten. Ich finde das extrem wichtig, in einer Zeit, wo uns schon wieder die großen Ganzheitsphantasien um die Ohren gehauen werden, die uns erlösen sollen, EINE Welt zu werden, EINER Idee zu folgen, EINS mit der Mutter Erde zu werden, um so die globale Klimakatastrophe abzuwehren. Ich finde das extrem bemerkenswert, wenn alle sich den Kopf zerbrechen (so halb), wie man ein Ganzes schaffen kann, in dem alle unterkommen und eins werden, wenn da einer herkommt und sagt, nein, wir müssen alles tun, dass dieses Ganze nicht entsteht, uns und die Dinge nicht in seinem System und seiner Totalität erfasst, eingliedert, ihren ewigen Platz zuspricht.

Es geht hier überhaupt gar nicht um so einen seichten Liberalismus, im Sinne von: Jeder hat seinen Freiraum, den man respektieren muss, jeder darf tun, was er will undsoweiter. So ein Liberalismus ist zynisch in einer Zeit, wo den meisten diese Art von Freiraumbildung erst gar nicht möglich ist, während die wenigsten gar nicht wissen wohin vor lauter Freiheit und offenen Horizonten.

Stattdessen sagt Lévinas: Jede Philosophie, die von der individuellen Freiheit ihren Ausgang nimmt, ist totalitär. Der Kult der Freiheit ist barbarisch. Das heißt gerade nicht, dass es eine richtige Ideologie gäbe, unter der sich alle einordnen. Das heißt auch nicht, dass Freiheit nicht wichtig wäre, dass Freiheit kein Wert wäre, den es unter gewissen Umständen hochzuhalten gälte. Aber eben unter gewissen Umständen. Und dieser Umstand ist für Lévinas die Gerechtigkeit. Gerechtigkeit heißt: Bewahrung des Abstands vor dem Andern, Respekt vor seiner Unantastbarkeit, Antwort auf den Ruf, der von seinem „Angesicht“ (kein Gesicht, das man in einzelne Körperteile beschreibend zergliedern könnte) immer schon ausgeht, der Ruf danach, mit ihm ein sprachliches Verhältnis einzugehen, mit ihm zu reden.

Von Jorge Luis Borges gibt es eine Erzählung mit dem Titel „Deutsches Requiem“. Der Protagonist, Otto Dietrich Zur Linde, während des 2. Weltkriegs Aufseher in einem KZ, wird zum Tod verurteilt und erzählt noch letzte Dinge vor seiner Hinrichtung. Er erzählt von seiner humanistischen Erziehung und Bildung, zitiert seine illustre Verwandtschaft her (v.a. Großmilitärs), wobei er den berühmten Theologen und Hebraisten in seiner Familie unterschlägt, wie uns Borges in einer Fußnote wissen lässt.

Neben diesem anderen Verwandten, den zur Linde aus seinem Schlusstestament tilgt, ist der große Andere in dieser Erzählung anwesend als David Jerusalem, Dichter und, wie zur Linde sagt, physiognomischer „Prototyp“ des sephardischen Juden (obwohl Jerusalem Aschkenasi ist). Im KZ hat zur Linde den jüdischen Dichter zu Tode gefoltert. In seiner Rede spricht er von der notwendigen Verdrängung der Opfergesichter im KZ, also auch dem Gesicht Jerusalems. In seinem Gefühlshabitus der Kälte darf kein Platz sein für Mitleid und Gnade. Andererseits spricht er von seiner Sympathie und Bewunderung für den jüdischen Dichter, seine Poetik und seine Erscheinung. An der heftigsten Stelle im ganzen Text schreibt er: Ich kämpfte den Todeskampf mit ihm, ich starb mit ihm, ich, der ich mich auf eine gewisse Art und Weise in ihm verloren hatte.

Ich, der ich mich auf eine gewisse Art und Weise in ihm verloren hatte. Das ist Einfühlung, die nicht die Achtung vor dem Anderen bewahrt oder wiedereinsetzt, sondern die auch noch seinen Tod sich anzueignen versucht. Dieser zynische Humanismus, der hier aus zur Linde spricht, ist nicht die Gelegenheit, bei der die Moral in Form von Reue wieder in die Welt zurückkehrt, wie diejenigen es sich wünschen, die immer von Versöhnung schwafeln, wenn es um Dinge geht, die Unversöhnliches hinterlassen.

Worum es Borges hier im Kern geht, ist genau das, was mich bei Lévinas so fasziniert. Es geht nicht darum, dass man seine eigene begrenzte Subjektivität (freiwillig) überschreitet, um den Anderen zu verstehen, ihn sich erkennend anzueignen. Es geht darum, ihn in dieser totalen Differenz gelten zu lassen, die erst die Bedingung ist für Dialog, Beziehungen, Gemeinsamkeit. Es geht darum, seinem ersten von allen Rufen zu GEHORCHEN, der da heißt: „Du darfst mich nicht töten.“

Und das Besondere bei Borges ist, dass er diese unvergleichliche Auslöschung, die da stattgefunden hat, nicht ungeschehen machen will, nicht in eine beschämende Versöhnung (wer sollte sich da mit wem versöhnen?) überführen will, auch keine runtergekochte moralische Lehre daraus ziehen will („So etwas darf nie wieder geschehen“), aber zugleich das vergessene Gesicht David Jerusalems wieder in den Text, ins Bewusstsein, in die Erinnerung zurück holt.

Ohne zu behaupten, dass er weiß, wie dieses Gesicht aussieht. Noch, wer David Jerusalem war. Aber es hat ihn gegeben. Nicht nur in der Dichtung.

Über Samir Sellami

istinalog.net
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