Hoch- und Tiefpunkte eines großen Tags für die Kultur

Anfang der Woche wurde in Marseille das Museum der Kulturen des Mittelmeerraums (MUCEM) eröffnet. Ich sehe die überwältigenden Bilder des Baus und erinnere mich an die Groß-Baustelle, die dort noch vor genau einem Jahr das Hafenbild bestimmte. Die Leute vom Deutschlandradio, einsame Helden des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, haben zu diesem Anlass eine einstündige Sondersendung gebracht.

Mein Tiefpunkt der Woche hat einen eindeutigen Namen, es ist der des französischen Präsidenten François Hollande. Wir hören ihn in seiner Eröffnungsrede Folgendes sagen:

La culture c’est un investissement (1), c’est une économie (2), c’est une attractivité (3)…c’est une chance (4) formidable pour Marseille. C’est un symbole aussi de la beauté (5), de la réussite (6)…et donc de ce rayonnement (7) de Marseille…

Das Erstaunliche an diesem Zitat ist, dass man es auch versteht, ohne je ein Wort Französisch gelernt zu haben. An einem großen Tag der Kultur fällt Herrn Hollande nichts anderes ein als sieben dämliche Schlagwörter, von denen fünf ökonomisch sind (1-4, 6), eines physikalisch (7) und nur eines ästhetisch (5). Wobei „das Schöne“ nicht gerade die avancierteste aller ästhetischen Kategorien ist und in Hollandes Rede auch kaum Chancen hat, zwischen Investition, Ökonomie, Attraktivität und Erfolg seine Eigenständigkeit zu behaupten.

Das Geschwätz von Hollande macht mich in erster Linie traurig. Dass ein (sozialistischer) Präsident, noch dazu in einem Land wie Frankreich, wo die abstrakte und pathetische Rede anders als in Deutschland Tradition und Beliebtheit genießt, einen solchen uninspirierten Stuss daherredet, das kann einen nur traurig machen.

In diese Traurigkeit (die Sendung beginnt mit den Ausschnitten der Präsi-Rede) nisten sich dann nach und nach kleine Momente des Glücks ein. Glück, weil überhaupt ein deutscher Rundfunksender eine Stunde lang ausführlich von der Eröffnung eines Museums in Südfrankreich berichtet. Glück, weil das Ganze eingerahmt wird von Reportagen: über die brüchige Schönheit dieser Stadt, die sich selbst als außerhalb Frankreichs bezeichnet; über die Gratwanderung zwischen der Umgestaltung des öffentlichen Raums und der Verschärfung der sozialen Ausgrenzung durch die damit verbundenen Gentrifizierungen; über Ästhetik und Soziologie des südfranzösischen Rap. (Noch ein Tiefpunkt: Der weltbekannte Rapper Akhenaton von IAM muss berichten, wie die Hip-Hop-Szene nach dem Zuschlag für die Kulturhauptstadt Marseille 2013 von der Organisation in keine Planung mehr einbezogen wurde.)

Glück, weil durch das Radiogerät Begeisterung überschwappt für einen (nach allem, was man im Netz sehen kann) begeisterungswürdigen Bau. Der Architekturkritiker des Deutschlandfunks Nikolaus Bernau sagt:

Vor allem ist es ein ganz großes technisches Versprechen. Es ist nämlich das Versprechen, wir können in die Zukunft gehen. Wir müssen nicht irgendwie zurück gucken, wir müssen nicht mehr irgendwelche Schleier werfen. Sondern wir haben eine Konstruktion, der ganze Bau ist ja fast monolithisch aus Beton gebaut, aus einem sehr, sehr speziellen Beton, der sehr hoch verdichtet ist und der es überhaupt erst möglich macht, solche großen Spannweiten hinzukriegen, mit 120 Metern ohne Stahl drin, das ist ganz ganz selten…Das ist ein sensationelles Versprechen von Konstruktion.

Und der Architekt Rudy Riccioti ersteigt sich in wunderbar blumigen Satzkaskaden, die sich mit provenzalischem Zorn gegen die Fundamentalismen der Hauptstadt, der Moderne, der Postmoderne und der zeitgenössischen Sehnsucht nach neuen Orthodoxien richten:

Ich bin ein Architekt ohne besonderen Ehrgeiz, ich strebe keine internationale Karriere an. Ich bin ein Architekt aus der Provinz. Ich fühle mich wie ein Koch, der den Salat und das Gemüse aus dem Garten nebenan holt. Das, was man vielleicht als Schmuckwerk bezeichnen könnte, ist vom Leben unter Wasser inspiriert. Wir haben uns vorgenommen, den steinigen Meeresboden horizontal aufzuschneiden und dann vertikal aufzustellen, wie ein Korallenriff, und aus dem mikroskopischen Blick auf die Körnung haben wir einen Sonnenschutz für das Gesicht des Museums gemacht. Es ist eine Referenz auf Alfred Hitchcock, der sich geweigert hat, in seinen Filmen Frauen aus dem Mittelmeerraum zu zeigen, weil er meinte, diese Frauen tragen ihre Sexualität im Gesicht…
Es ist ein Gebäude, das sich gegen den angelsächsischen Imperialismus zur Wehr setzt, gegen die Mythen und die Gewissheit Nordeuropas. Es wehrt sich gegen den Terror des Minimalismus, gegen die moralische Bleikappe, die uns die Moderne seit so vielen Jahren übergestülpt hat. Für mich hat die Moderne sehr viel gemeinsam mit dem Salafismus, seinem Tugenddiskurs, der im Verschwinden des weiblichen Angesichts gipfelt, das Verbot der Erzählung. Minimalisten und Salafisten, beide verabscheuen das Gesicht und die Tugenden der Weiblichkeit.

Das Ende der Moderne, mit ihrem Byzantinismus der ästhetischen Kälte und Männlichkeit. Das Ende der Dekonstruktion, mit ihren Volksfesten der Unverbindlichkeit. Und der Beginn einer neuen Konstruktion, ohne Utopie, aber mit einer aus Material und Spekulation genährten Hoffnung.

Es ist also noch möglich zu schwärmen.

Über Samir Sellami

istinalog.net
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