Found in Translation

Rosetta_Stone_BW

Rosetta Stone – So heißen inzwischen auch Sprachlernkassetten

Ich bin zweisprachig aufgewachsen, deutsch und schwedisch. Unsere Eltern waren da sehr streng mit uns: ich kann mich noch an das bestürzte Gesicht meines Bruders erinnern, als er mit fünf Jahren zu Weihnachten statt der erhoffen Spielzeuge einen Berg von schwedischen Büchern unter dem Baum fand. Und auch wenn das zwei Sprachen sind, die nicht besonders weit auseinander liegen, hat mir das schon in einem frühen Alter sehr viel über Sprache beigebracht. Dass es Wörter gibt zum Beispiel, die in der anderen Sprache keine Entsprechung haben, wie das Schwedische lagom (mittel, aber genau richtig, wie in: das Badewasser ist lagom warm), und dass es deswegen Dinge gibt, die in der einen Sprache leichter fallen (Fluchen kann man auf Schwedisch generell sehr viel besser, dafür hat Schwedisch kein vernünftiges Wort für ficken). Allerdings sind mir dadurch viele Dinge entgangen, die man erfahren kann, wenn man sich strukturell in eine Sprache einarbeiten muss. Das habe ich nie gemacht. Englisch und Spanisch habe ich, faul wie ich war, über Gefühl und ein bisschen Vokabeln gelernt. Im Deutschen weiß ich ja heute noch nicht, wo die Kommata hingehören. Umso spannender ist es für mich von den Erlebnissen von Ta-Nehisi Coates zu lesen, einem der besten und renommiertesten Essayisten der USA, der mit 38 Jahren mit Französisch seine erste Fremdsprache lernt. Er hält Einsichten aus den Tiefen der Spracherfahrung parat, in die ich, der ich lange schon beschwerdefrei in der europäischen Lingo-Suppe herumschwimme, nie die Not hatte einzutauchen. Er schreibt:

It’s not a really good idea to approach a conversation by asking „How do I say this in French?“ A better approach would be to say „How would a French person express this?“ or better still, „How would my particular French self express this? […]

You can’t really do a „word to word“ translation to express the feeling of „missing“ in French. You have to put on the Mask, and then ask how your „character“ would express the feeling. The ability to do this depends on your knowledge of French. The more French you’ve been exposed to–and I don’t merely mean the more vocabulary you know–the more likely you are to find a way to express the notion correctly. In my tutoring class I often say, „En anglais, vite fais,“ when I need to speak in English. I can’t actually translate that phrase. But I know the notion it expresses.

We are not so much learning a second language, as we are creating another self. And that is incredibly exciting.

Ich werde im Sommer mehrere Wochen in China verbringen und versuche mich darauf vorzubereiten, indem ich mir etwas Mandarin aneigne. Da sehe ich mich mit einer Sprache konfrontiert, von der mir nichts bekannt oder ähnlich ist, und wo alle meine Tricks nicht funktionieren. Schon am Nachsprechen eines sehr simplen Dialogs scheitere ich. Ich sehe mir den dreiminütigen Youtube-Clip zwei Stunden lang in Dauerschleife an, um es einigermaßen hinzukriegen. Dabei verlassen Laute meinen Mund, die ich noch nie in meinem Leben gehört habe. Irgendwann kann ich den Satz „Ich bin nicht aus Peking, ich bin aus Shanghai“ nicht nur lautmalerisch nachformen, sondern ich verstehe beim Sprechen, was ich sage. Ich kenne mein neues chinesisches Selbst noch nicht, aber ich kann es schon hören.

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4 Antworten zu Found in Translation

  1. literaturen schreibt:

    Im Chinesischen hat man ja auch noch die Freude, genau auf Betonungen achten zu müssen, um nicht womöglich etwas völlig Anderes auszudrücken als beabsichtigt.
    Ich finde Sprache und Sprachen lernen auch total spannend, leider beherrsche ich nach wie vor nichts so gut wie meine deutsche Muttersprache. Englisch kann ich verstehen und sprechen, aber am besten lernt man eine Sprache eben mit der notwendigen Übung. Und die fehlt einfach, wenn man nicht zufällig jeden Tag Englisch spricht.

  2. Johan schreibt:

    Laien sind wir wohl vor allem in unserer eigenen Sprachen. Und so möchte ich nun natürlich auch ganz gerne wissen, weshalb dem deutschen Wort „ficken“ (als Lautbild oder Betätigungsverweis oder beides?) das schwedische „knulla“ auf keine, wie Du meinst, vernünftige Weise zu entsprechen vermag, obwohl doch beide Wörter ihr semantisches Potential in einem sehr vergleichbaren – teils transitiven, teils instransitiven – Anwendungsbereich zu entfalten pflegen. Nun will ich zugegebenermassen zwar nicht verhehlen, dass aus der Tatsache, dass in den Schaufenstern deutscher Läden ein besonders tolles Angebot nicht selten als „Knüller“ oder sogar als „Der Superknüller“ gekennzeichnet wird, sich aus schwedischer, unverändert laienhafter Sicht in der Regel ein äusserst verstörendes Gefühl entwickelt, an dem ein diskret eingeschobener Umlaut leider nichts ändern kann, das aber wohl nicht zuletzt in der angsteinflössenden Vermutung wurzelt, ein Deutscher könnte, würde er von unserem durchaus ernstgemeinten Ficken-Ersatz „knulla“ erfahren, an nicht anderes als den Ausverkauf von Matrazen, Stereoanlagen und Leberwurst denken. Ferner kann man sich vor dem ins Schwedische fürwahr nicht zu übersetzenden Namen der hervorragender Neuköllner Kneipe „Ficken 3000“ natürlich nichts anders als geschlagen geben… Und doch hat, wie ich meine, das schwedische Wort auch seine Vorteile. Man denke nur an das überragende Nominalisierungspotential, spricht man doch im Schwedischen ohne weiteres von einem gelungenen „söndagsknull“ (und was schwingt in diesem Begriff nicht alles mit!), wobei es im Deutschen deutlicher schwerer fällt, oder zumindest unsäglich umständlicher erscheint, noch einen von diesen unerträglichen substantivierten Infinitiven, die die deutsche Sprache ohnehin dermassen plagt, zu mobilisieren, um somit von einem „Sonntagsficken“ zu reden. Für ein deutsches Verb wie „leisten“, ein Nomen wie „Termin“, ein Adverb wie „immerhin“, und selbst eine Konjunktion wie „aber“ gibt es im Schwedischen nur recht unbefriedigende Entsprechungen, aber für ficken? Sieht es auf dem Gebiet wirklich so schlecht aus?

    • Frederik Tidén schreibt:

      Ich finde das „knulla“ eine gewisse Aggression und Derbheit fehlt. Das war kein Wort mit dem ich prahlen konnte, wenn ich auf dem Schulhof gefragt wurde, was „ficken“ auf Schwedisch heißt. Jetzt wo du sie mir schilderst, sehe ich aber die Vorteile von „knulla“ durchaus ein. ;)

  3. Erik Tiden schreibt:

    Priester
    , tid, åtminstone, men. Immerhin hatte er etwas geleistet, aber nicht genug. Åtminstone hade han presterat något, men inte tillräckligt. What’s the problem?

    Fick Dich ins Knie! Kann aber nicht ins Schwedische übersetzt werden. „Knulla Dig i knät“? Löjligt.
    Besonders schön mit dem zusätzlichen Pejorativ: Fick Dich ins Knie, Arschloch! Man versuche sich so etwas konkret vorzustellen und kommt fast ins Metaphysische. Löcher mit Knien?

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