Schuld

Was ist Glück? Sicher nicht das, was man sich lange erarbeitet oder was mit dem Aufbau irgendwelcher Strukturen zu tun hat. Wenn überhaupt, denke ich, nichts als diese blitzartigen Momente der Erlösung und Verschonung, die unseren Alltag, manchmal, unerwartet, durchqueren.

Einen dieser wirkungslosen Glücksmomente empfinde ich immer dann, wenn ich den Briefkasten aufschließe und nichts drin ist. Sogar heute, am Sonntag, habe ich mich dabei ertappt, wie ich das tue, den Briefkasten aufschließen, das Herz schlägt, in der Erwartung irgendeiner Unglücksbotschaft und erleichtert bei der Entdeckung von: nichts.

Ich bin kein großer Freud-Fan, genauso wie ich kein großer Dostojewski-Fan bin, aber manchmal passiert es, dass bei denen ein Satz dasteht, den du nicht vergessen kannst, der ganz einfach wahr ist und durch dich durchgeht wie etwas, was du immer schon irgendwie fühlen und denken wolltest, aber nicht konntest. Etwas, was dir jetzt so in den Alltag gerät, als ob es weit bevor du auf der Welt gewesen bist, schon für dich und durch dich hindurchgedacht und -gefühlt worden wäre.

augen zu

Irgendwo bei Freud und ich weiß nicht mehr wo und ich weiß auch nicht, ob Kafka das kannte, steht: Das Gefühl der Schuld, ohne etwas getan zu haben, ist für das moderne Individuum der Normalfall. Und genauso (grundlos?) schuldig fühle ich mich, bevor ich den leeren Briefkasten öffne, wie ein vergesslicher Schulbub, der irgendwas ausgeheckt hat, wovon er gar nicht wusste, dass es das überhaupt gibt.

Die Post ist also das Emblem der Erwachsenenwelt, der Generalkonsul, der die äußere Welt vertritt; die Welt, die auch dann noch weiterexistiert, wenn wir uns die Augen mit den Händen zuhalten, die auch dann noch bei uns zu Hause einbricht, wenn wir die Tür absperren. Und immer dann, wenn ich gerade noch einmal verschont worden bin, wer weiß wie lange, spüre ich diese Art von Glück, die erleichtert, (denn es gibt auch das Glück, das beschwert: Nina Simone) und einen unerbittlichen und unangemessenen und spießigen Hass auf die, die da draußen wirkliche Schuld auf sich laden, damit sie sich nicht mehr schuldig fühlen müssen.

Über Samir Sellami

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