Über die Notwendigkeit, adäquat vom Klimawandel zu sprechen II

Ich will ein paar Dinge sagen, im Anschluss an die Kommentare zum ersten Beitrag dieser Serie, einer Debatte zwischen Fred und dem User „Dealy Lama“.

Zunächst gebe ich „Lama“ in weiten Teile seiner Analyse recht: Im Versuch, adäquat über den Klimawandel zu sprechen, ist das Ego zweitrangig. Die „Lösung“ der Probleme wird nicht aus dem Innern der Marktökonomie kommen können. Es gibt Asymmetrien in den sogenannten westlichen Gesellschaften, die das Feld in sehr Schuldige und Verantwortliche, etwas weniger Schuldige und Verantwortliche und Leidtragende unterteilt (immer noch: innerhalb des Westens). Es wäre absolut fatal, „gesellschaftliche Zwänge, Asymmetrien und damit unterschiedlich zu gewichtende Verantwortlichkeiten zu unterschlagen“. Es geht (auch) um Begehrensökonomien, um die Kritik daran, dass alles getan wird, um den Konsumfuror zu behalten und zu steigern; das Tomatenproblem (das sehr real ist) ist ein anschauliches Beispiel für die falsche Identifizierung von Konsum und Genuss. Es geht auch darum, dass die Ökosophie nicht nur davon redet, dass jetzt harte Zeiten anbrechen, sondern dass eine Umcodierung der kollektiven Libido von Lebensstandard auf Lebensqualität gefordert ist.

Soweit meine Zustimmung. Daneben widerspreche ich „Lama“ in einer Reihe anderer Punkte, die ausdrücklich gesagt oder eindrücklich mitgemeint sind.

Es stimmt: Das Ego muss zurückgedrängt werden, weil es einerseits an dem ganzen Schlamassel Schuld ist und es andererseits Perspektiven eines besseren Lebens im „Wir“ gibt, von dem der Kommentar spricht. Aber wir können das Ego trotzdem nicht ganz auslöschen, weder auf lange noch auf kurze Sicht. Das ist ein Grund für den Erfolg des Kapitalismus (auch in Zeiten der permanenten Krise, die nur die Katastrophe vor sich herschiebt), der von den Kritikern oft unterschlagen wird: Er hat Lebensläufe anzubieten, die sich als Ich-Karrieren, als egoistische Gestaltungserfolge mit oder gegen die Umwelt nacherzählen lassen. Ich gehöre nicht zu denen, die solche Karrieren anstreben und sich mit den dazu erzählten Geschichten zufriedengäben (daher mein Interesse an „anderen“ Geschichten der Gestaltung). Trotzdem: Wir sind völlig in diesen Ich-Geschichten aufgewachsen und baden in ihnen. Das kann man nicht so einfach wegstreichen.

Denken heißt Unterscheidungen treffen. Aber die Ökosophie bringt uns bei, dass Denken manchmal auch heißt, Unterscheidungen zu vergessen. Das müssen wir unter Umständen tun, wenn wir das Ganze wirklich global denken. Im Verhältnis Deutschland – Dritte Welt („Lama“ wird als Kulturanthropologe dieses Konzept „problematisch“ finden müssen, aber es ist deshalb nicht weniger real) verschwinden die innerwestlichen Differenzen ganz schnell. Wie sollen wir, die wir uns seit 150 Jahren trotz aller inneren Asymmetrien, allen Aufs und Abs, Krisen, Totalitarismen, Völkermord usw. in eine Lustmaschine des Egoismus hineingepusht haben, wie sollen wir denen, die vor den Grenzen Europas darauf warten, wenigstens ein bisschen was von Wohlstand, Abwechslung und Freiheit abzubekommen, wie sollen wir denen plausibel machen, dass die Zelte abgebaut werden, bevor für sie die Gaudi losgeht!? Frederiks Gedanke vom Kapitalismus als (notwendigem?) Zwischenschritt ist ja original ein Marx-Gedanke, aber wenn man ihn radikal zu Ende denkt, muss man feststellen, dass es global einfach noch zu viele gibt, die erst mal in ihn hineinkommen müssen, um überhaupt durch ihn hindurchkommen zu können.

Ich bleibe (erstmal) dabei: Es gibt keine eindeutige Antwort auf die Herausforderungen, die der Klimawandel uns allen bedeutet. „Begehrensökonomien dekonstruieren“ wäre eine Antwort, aber eine, die nur für einen kleinen Teil der Beteiligten und Betroffenen Geltung beanspruchen kann. Für den größten Teil gilt die Frage: Wie kann man den Zusammenhang von Ich, Gemeinschaft und Natur für das Problem sichtbar machen?

Es gibt keine eindeutige Antwort, aber es müssen trotzdem Antworten gewagt werden. Von allen Seiten. Diese Reihe wurde begonnen als bescheidener Versuch, einige Perspektiven von Kunst, Philosophie und Geisteswissenschaft auf die globale Umweltsituation vorzustellen und zu reflektieren. Auch diese elitären Tätigkeiten, so die Forderung, haben damit umzugehen, dass es eine äußere Welt gibt und Dinge in ihr, auf die sie reagieren müssen.

Was ist diese Welt? Ich weiß es nicht. Wirklich nicht. Natürlich glaube ich die meiste Zeit, ganz genau zu wissen, was da draußen los ist. Aber in Wirklichkeit weiß ich es nicht. Schreiben ist eine Form sich von diesem vermeintlichen Wissen zu distanzieren und Fragen zu stellen. Ich glaube nicht, dass man die Frage „Wie über den Klimawandel reden?“ mit der Antwort „Deleuze: Kapitalismus und Schizophrenie“ zufriedenstellend beruhigen kann. Aber ein Teil der Antwort könnte es sein.

(Demnächst: Don McKays Naturpoesie.)

Über Samir Sellami

istinalog.net
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