Unvollständig. Und offen

Das Thema „Leben“ hat in Kunst, Literatur und Philosophie in den letzten Jahren wieder einiges an Auftrieb erhalten. Der diesjährige Preis der Leipiziger Buchmesse ging an David Wagners Buch mit dem Titel Leben. Ein neuer Entwurf zur Lebensphilosophie des französischen Foucault-Spezialisten Frédéric Worms ist erst kürzlich im Merve-Verlag erschienen. Und Künstlerinnen wie Sophie Calle haben längst ihr Leben zum (fast) einzigen Gegenstand ihrer (großartigen) Kunst gemacht.

Am 27.5. war nun der große Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt an der FU Berlin, um dort über den Begriff Leben bei Shakespeare zu sprechen.

Kurz gesagt geht es darum, dass Shakespeare „Leben“ dynamisch denkt, als Abfolge von Geschehnissen, deren Reihenfolge eine Bedeutung hat, die als Geschichte erzählt werden kann: the story of my life. Die Formulierung taucht endlose Male in fast allen Stücken auf, das zeigt Greenblatt eindrucksvoll, indem er durch seine Powerpoint-Präsentation scrollt. In England war Shakespeare mit dieser Auffassung quasi allein, selbst berühmte Zeitgenossen wie Ben Jonson oder Christopher Marlowe hatten eine statische Vorstellung vom Leben, das aus der Zugehörigkeit zu einer Klasse, dem erlernten Beruf, den Familienverhältnissen und unveränderlichen Charaktereigenschaften aufgebaut ist. Der Zusammenhang und die Konstanz dieser Elemente ist wichtiger als der Sinn, den das Leben erst in einer Geschichte mit Anfang, Mitte und Ende erhält. (Das hat Chabrol so schön gesagt: Ein Film muss einen Anfang, eine Mitte und ein Ende haben. Und was wären Lebensgeschichten anderes als Filme, die schon abrollen, während man noch an ihnen weiterdreht?)

An Shakespeare ist also neu, dass er den Faktor Zeit wirklich ins Drama einführt. Meistens taucht die Formel the story of my life am Ende der Stücke auf. Etwa wenn Hamlet kurz vorm Abnippeln Horatio zuröchelt, dass der überleben muss, um Hamlets Geschichte weiterzugeben: And in this harsh world draw thy breath in pain/ to tell my story. Oder in Julius Caesar, wo Cassius und Brutus schon selbst darüber reden, wie ihr Leben später mal in states unborn and accents yet unknown auf den Bühnen gespielt wird. (Wunderbar ironisch: B&C glauben an die gute Version ihrer Lebensgeschichte, die sie in der Zukunft nicht als Königsmörder, sondern als Freiheitskämpfer erscheinen lässt!)

Greenblatt hat noch haufenweise absurdes und lustiges Zeugs aus der Pop- und Kulturgeschichte der Shakespeare-Zeit auf Lager, etwa die großartig gescheiterten Versuche des Irgendwie-Gelehrten William Harvey, der u.a. erklären wollte, warum Männer nach dem Koitus so traurig sind, Frauen aber noch Lust haben.

Was mich aber mehr interessiert, ist Greenblatts These vom Nachleben der Figuren. Dramatische Figuren sind etwas Künstliches, Erfundenes, auch wenn sie historischen Personen Leben einhauchen und ihre Namen tragen. Alle literarischen Figuren sind im Gegensatz zu wirklichen Menschen von einer grundsätzlichen Unvollständigkeit durchzogen. Wir lesen 500 Seiten Flaubert und der Wirklichkeitseffekt ist so groß, dass dem Franzosen für Verherrlichung des Ehebruchs ein juristischer Prozess gemacht wird, der ihn literarisch unsterblich macht. Wir lesen 500 Seiten, aber wir erfahren nicht einmal die Augenfarbe von Madame Bovary.

Die Kunst Shakespeares, so Greenblatt, besteht nun gerade darin, dass er uns da reinzieht, dass er uns auffordert, die Unvollständigkeit nicht einfach stehen zu lassen, sondern in der Phantasie auszufüllen. Die Aufgabe des Theaters ist es nicht, die Wirklichkeit so wie sie ist nochmal auf die Bühne zu bringen, sondern so zu verkürzen und zu übertreiben, dass sie noch wirklicher erscheint. Die Figuren Shakespeares leben nicht, aber sie erscheinen so übertrieben lebendig, dass wir ihnen ein Vor- und ein Nachleben unterstellen müssen. Was die Figuren Shakespeares so plastisch macht, ist ihre auffordernd offene Unvollständigkeit.

Es liegt mir völlig fern, den Unterschied zwischen realen Menschen und fiktiven Figuren zu verwischen, wie es gern getan wird, wenn nicht von Figuren, sondern von „Charakteren“ die Rede ist. Figuren als Charaktere zu bezeichnen ist unzutreffend und führt meistens zu langweiligen Diskussionen über das moralische Gewissen der Dramatikerin, das sich in ihrem Verhältnis zu den Figuren äußern soll. Nicht selten fällt dann der unerträgliche Satz: „Man darf seine Figuren (bzw. Charaktere) nicht verraten.“

Diese Art der Verwechslung von Figuren mit Menschen findet bei Shakespeare nicht statt. Darum ist er so verdammt gut. Eher die Verwechslung in die andere Richtung:

Auffordernd offene Unvollständigkeit. Das ist, vielleicht, auch die Situation der wirklichen Menschen. Unsere.

Über Samir Sellami

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