Über die Unmöglichkeit, adäquat über den Klimawandel zu sprechen

Im Zusammenhang mit unserem Feminismusartikel stieß ich bei Kritik und Kunst auf ein sehr schönes Brecht-Zitat:

Dabei wissen wir doch:
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser.

Genau so komme ich mir vor, wenn ich mich jetzt schon wieder genötigt sehe, über den Klimawandel zu schreiben. Was ist passiert? Das Umweltbundesamt hat eine Broschüre mit dem Titel „Und sie erwärmt sich doch“ herausgegeben, die einige Leugner des menschengemachten Klimawandels der Lüge und der Manipulation bezichtigt. Alle Welt ist in heller Aufruhr und es schlägt wie immer die Stunde der Meinungs-Clowns. Meinungs-Clown Henryk M. Broder springt aus der Kiste und langweilt uns mit einem Nazi-Vergleich, Meinungs-Clown Jan Fleischauer sekundiert ihm mit einem verschmockten Höhö. Ich könnte anfangen zu versuchen, den ganzen Unsinn der zu diesem Thema geschrieben wurde, jetzt kleinteilig mit vielen Studien zu widerlegen, da ich aber aus Erfahrung weiß, dass das nicht viel bringt, will ich nur ein paar Punkte umreißen.

Viel Wind ist in den letzten Tagen um eine Studie gemacht worden, die behauptet, die Erde werde sich doch nicht so stark erwärmen wie befürchtet. Falls diese Studie recht behält, und das muss sich erst noch erweisen (!), dann ist es wohl so, dass die Forscher den Erwärmungstrend etwas überschätzt haben. Sicher ist aber auf jeden Fall, dass die Auswirkungen schon der geringen Erwärmung, die wir bis jetzt erlebt haben, grob unterschätzt worden sind. Das Ausmaß des Schmelzens an den Polen und auf Grönland, das Ausmaß und die Häufigkeit der Dürrekatastrophen, das Ausmaß der Wüstenbildung, das Ausmaß der Versauerung der Ozeane, das Ausmaß der Niederschlagsextreme sind alle höher als angenommen. Die Vorhersage der Modelle auf diesen Gebieten sind von den realen Messungen am Boden gravierend übertroffen worden. Das ist die eigentliche Geschichte aus der Klimaforschung der letzten Jahre und nicht irgendwelche E-Mails und auch nicht irgendwelche Broschüren.

In einem semi-tendenziösen Beitrag auf heute.de, der den Ansichten der sog. „Skeptiker“ viel Raum gibt, heißt es „Klima war und ist immer“. Das ist ungefähr so, als würde man am Strand einen Tsunami auf sich zurollen sehen und dann sagen „Was habt ihr denn? Wellen hat es doch schon immer gegeben!“. „Klima war und ist immer“. Ja, aber die Erde war nicht immer bewohnbar. Unsere Zivilisation ist in einem Klima-Equilibrium entstanden, das wir jetzt verlassen. Der Klimawandel wird den Raum und die Möglichkeiten der Unternehmung Menschheit drastisch beschneiden.

Ja, naturwissenschaftliche Forschung ist eine komplexe und widersprüchliche Sache. Aber es gibt so etwas wie wissenschaftlichen Konsens. Der Konsens der die These vom menschengemachten Klimawandel und seinen groben Ausmaße (= verheerend) stützt, ist genauso stark wie der Konsens dass Rauchen zu Lungenkrebs führt und dass HIV Aids hervorruft. Wer diesen Konsens immer wieder zugunsten längst widerlegter Behauptungen außer Acht lässt, zieht zu Recht den Verdacht auf sich, unlautere Motive zu haben. Ich weiß nicht, wann ihr das letzte mal jemanden im Fernsehen gesehen habt, der behauptet hat, Rauchen sei gut für die Gesundheit. Klimaleugner begegnen einem komischerweise ständig.  Das Fachmagazin Nature schrieb 2011 etwas über die Vorgehensweise der Lobbygruppe Heartland Institute, was sich komplett auf die Vorgehensweisen der Autoren, die das Umweltbundesamt kritisiert, anwenden lässt:

„Despite criticizing climate scientists for being overconfident about their data, models and theories, the Heartland Institute proclaims a conspicuous confidence in single studies and grand interpretations….makes many bold assertions that are often questionable or misleading…. Many climate sceptics seem to review scientific data and studies not as scientists but as attorneys, magnifying doubts and treating incomplete explanations as falsehoods rather than signs of progress towards the truth. … The Heartland Institute and its ilk are not trying to build a theory of anything. They have set the bar much lower, and are happy muddying the waters.“

Heute.de wirft dem Umweltbundesamt vor, sich im Ton zu vergreifen. Ich möchte schreien: „IF YOU DON’T LIKE MY TONE, YOU DON’T UNDERSTAND THE MAGNITUDE OF THE FUCKING PROBLEM!“ Aber ich weiß, dass ich das besser bleiben lasse. So etwas schadet mehr, als dass es nutzt. Ja, unsere Stimmen sind heiser und unsere Gesichter sind verzerrt. Zeigt mit dem Finger drauf und lacht uns aus. Das ändert alles nichts an dem, was uns bevorsteht.

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5 Antworten zu Über die Unmöglichkeit, adäquat über den Klimawandel zu sprechen

  1. Pingback: Über die Notwendigkeit, adäquat vom Klimawandel zu sprechen I | Istina

  2. Roberta schreibt:

    Welches sind denn Ihre Kriterien, wer Ihrer geneigten Meinung nach in die Kategorie Meinungsclown fällt – und wer entgeht diesem wohl vernichtend gemeintem Urteil bzw. Wo sortieren Sie sich selber ein?

    • Frederik Tidén schreibt:

      Ich halte den Begriff Meinungs-Clown für relativ selbsterklärend. Und wenn sie mich irgendwo einordnen wollen, dann müssen sie das schon selber tun, das kann ich ihnen nicht abnehmen.

  3. dieter zickert schreibt:

    „Das Ausmaß des Schmelzens an den Polen …“

    an dieser stelle habe ich aufgehört zu lesen. meine meinung zu der broschüre, die hier in rede steht bestätigen sie. oder haben sie kenntnis von weiteren vereisten polen unserer erde? soweit mir bekannt schmilzt im augenblick der nordpol ab; der südpol hingegen nimmt an eis zu.

    oder: „Falls diese Studie recht behält, und das muss sich erst noch erweisen (!)…“ das ist klassisches kabarett. ja selbstverständlich müssen sich studien jeglicher art an der realität messen. Klimawandelskeptische wie klimawandelarlarmistische.
    was wollen sie mitteilen?

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