Die Schattenseite des Empowerments

Vor ungefähr einem halben Jahr habe ich begonnen mich, zunächst eher sporadisch, dann sehr umfassend in die deutsche feministische Blogosphäre einzulesen. (Also Maedchenmannschaft.net und ihr erweitertes Umfeld). Ich habe dabei viel gelernt und erfahren, und trotzdem begegne ich diesen Blogs mit wachsendem Unbehagen, einem Unbehagen, das ich hier versuchen will in Worte zu fassen, ohne dabei in die gleiche Kerbe zu hauen, in die schon so viele Kritiker vor mir gehauen haben. Es gibt eine Grundhaltung, die ich zutiefst problematisch finde, die sich vielleicht in den folgenden Zeilen, die Nadine Lanztsch vor ein paar Monaten in ihr privates Blog schrieb, am extremsten artikuliert:

Ich schaffe es kaum, Bücher zu lesen. Meistens male ich mir vorher aus, was drin steht und habe dann das Gefühl, es schon gelesen zu haben. Denn irgendwie ist das ja auch so. Wenn du viel über das Funktionieren dieser Gesellschaft gelesen hast, ob es nun philosophische, gesellschaftstheoretische, aktivistische, poststrukturalistische oder blabla Theorie war, heruntergekürzt sagen sie alle das gleiche aus, nämlich, dass es Machtverhältnisse gibt, die Strukturen ausbilden und unser gesamtes Sein bestimmen. Theoretische Bücher, die das nicht sagen, nehme ich sowieso nicht ernst. Denn die sind wirklich banal.

Ja es gibt Machtverhältnisse, die Strukturen ausbilden. Aber gibt es denn nichts darüber hinaus? Gibt es nicht auch verschiedene Machtverhältnisse, die sich ineinander verkeilen und so Handlungsmöglichkeiten entstehen lassen? Gibt es keine Machtverhältnisse, die von sich aus einige blinde Stellen haben? Und muss man denn nicht genauer untersuchen, wie sich diese Machtverhältnisse konkret in unseren Leben äußern, wie sie uns belangen und wie eben auch nicht? Es gibt einen Begriff, den Lanztsch öfter benutzt, es ist der Begriff „entnennen“ , er bezeichnet das nicht-genannt werden als Akt der Gewalt, als Rausschmiss aus der Welt. Es ist nicht so sehr der Begriff, der problematisch ist, sondern der Absolutismus und die Kontextlosigkeit, mit der er benutzt wird. Das sieht man ganz besonders, wenn sich die feministische Blogosphäre gegen sich selber wendet, wie das im sog. Klassismusstreit geschehen ist, als einige Bloggerinnen ihren akademischer geprägten Kolleginnen vorwarfen, sie durch ihren Jargon und ihren Habitus auszuschließen. Bestimmend in dieser Diskussion war die panische Angst vom Gegenüber aus der Welt geschrieben zu werden:

“ wie kommst du denn auf die Idee, dass alle Menschen die von Rassismus betroffen sind, auch Englisch verstehen und lesen können? Das hieße nämlich im Umkehrschluss, dass die Hälfte meiner Familie, die aufgrund ihres geringen Bildungsstandes sehr schlecht oder gar kein Englisch spricht, nicht von Rassismus betroffen ist.“ – „Ich erstarre und finde meinen Ausdruck nicht. Ich bin kein Sonderfall. Ich will nicht hinausdefiniert werden.“ –   „Jedenfalls, wenn ich das lese als: im Feminismus oder irgendwie feministischen Umfeld oder so, online oder nicht, seien doch überhaupt in der Mehrzahl Akademiker_innen unterwegs? Das ist doch ganz schlicht ein klassistischer Ausschluss.“

In der feministischen Blogosphäre ist alles total und alles eineindeutig. Das führt dazu, dass die Werkzeuge, die einen befähigen („empowern“) sollen, weil sie Machtstrukturen erkennen und kritisieren lassen, am Ende das Gegenteil tun: Sie machen einen noch mehr abhängig von den Sprechakten anderer. Damit werden keine Handlungsmöglichkeiten und keine Souveränität gewonnen, sondern eins kann am Ende gar nicht anders, als sich vor den ganzen sprachlichen Gewalthandlungen zuhause zu verkriechen. „Es gibt keine Sprache vor dem Sprechen“ und „Es gibt keine Sprache hinter dem Sprechen“ postuliert Lann Hornscheid, Genderstudies-Professorin an der HU. Dann gibt es aber auch keinen Raum mehr für Spiel, keinen Raum für Ironie (und damit meine ich nicht den zur völligen Humorlosigket überdrehten Sarkasmus, der auf maedchenmanschaft.net so oft angeschlagen wird) und keinen Raum mehr für Fehler. „Sprachkritik ist Systemkritik“, schreibt Nadine Lantzsch im neuen Deutschland, da gebe ich ihr recht, aber ob Sprachkritik immer die beste und effektivste Systemkritik ist, wage ich zu bezweifeln. Wenn die totalitäre Auffassung von Sprache dazu führt, dass Feministinnen untereinander ständig Angst haben müssen, sich gegenseitig wegzudefinieren, dann schadet sie mehr, als sie nutzt. Die Bloggerin Bäumchen schreibt: Seit zwei Tagen arbeite ich an einem Artikel darüber, wie sich Überlebensstrategien Betroffener beißen können (aber ich werde nie fertig weil mein Kopf glaub ich zu klein dafür ist). Denn das ist gerade das, was bei diesem Thema Klassismus so krass abgeht. Und gerade zerbricht vieles an diesen Widersprüchen. Ich glaube ein neuer Umgang, der stärker von Intuition und Toleranz (ein zu Unrecht dämonisierter Begriff) statt von Prinzipienreiterei und immer weiter ausdifferenzierten Verkehrsregeln bestimmt wird, wären ein Anfang. Denn für alles im deutschen Feminismus gibt es Regeln, und jede Diskussionsstrategie, die der mutmaßlich Betroffenen nicht sofort recht gibt, hat ein Label (Derailing! Victim Blaming! Concern Trolling!) und ist verboten. Das Problem hier sind auch wieder nicht die Labels an sich, sondern die Art, wie sie angewendet werden.

Und dann gibt es noch die Art und Weise, wie der Deutsche Netzfeminismus auf die Welt reagiert. Feministinnen im Netz sind einem nicht enden wollenden Strom an sexistischer und verschmockter Gülle ausgesetzt, und wer das nicht glaubt, der besuche bitte hatr.org, wo all die Kommentare gesammelt sind, die von den jeweiligen Seiten gelöscht wurden. Als Reaktion auf diese dummen und unerträglichen Anfeindungen aber haben diese Bloggerinnen eine Wagenburg gebaut, die so eng ist, dass nichts mehr durchdringt. Es herrscht ein unglaublich schwarz-weißes Weltbild und die Tendenz, sich nur mit den schwächsten Argumenten seiner Gegner auseinandersetzen. Der afro-amerikanische Journalist Ta-Nehisi Coates schrieb kürzlich:

If you spend your time raging at the weakest arguments, or your most hysterical opponents, expect your own intellect to suffer. The intellect is a muscle; it must be exercised. There are cases in which people of great influence say stupid things and thus must be taken on. But you should keep your feuds with [these people] to a minimum.

Zwei Beispiele für diese Form der intellektuellen Erstarrung und Verkümmerung: Man kann die Sendung „Who wants to f*** my girlfriend“ für scheiße, schädlich und gescheitert halten. Das ist wahrscheinlich sogar eine Ansicht, die ich teilen würde. Was man aber nicht kann, ist diese Sendung so zu beschreiben, als sei sie keine Satire. Oder die Tatsache, dass diese Sendung als explizite Satire auf den Alltagssexismus gemacht wurde, in einem Nachsatz zu erwähnen und für irrelevant zu erklären. Es geht dabei nicht um die Gefühle von Christian Ulmen, sondern es geht darum, dass man die Phänomene, mit denen man sich als Bewegung beschäftigt, genau beschreiben muss, weil mit einer schlechten Beschreibung der Welt niemandem gedient ist, am allerwenigsten dem Feminismus selbst.

Anderes, wichtigeres Beispiel: Indien. Als die öffentliche Gruppenvergewaltigung in Indien und die Reaktionen darauf die Gemüter bewegten, las man auf Maedchenmannschaft.net darüber nichts. Wochen später dann doch noch ein Post, inhaltlich vollkommen vorhersehbar aus dem Setzkasten der Critical Whiteness zusammengesteckt: „Diese Sache die immer nur woanders passiert“. Es stimmt absolut, dass in Deutschland einiges zu tun ist, aber dass „Wir müssen uns erst mal an der eigenen Nase fassen“ das einzige ist, was dem deutschen Netzfeminismus dazu einfällt, ist wirklich ein Armutszeugnis. Themenverwandt gab es ein spannendes Interview mit der algerischen Feministin Yasmine, dass neben viel Kritik am weißen Feminismus auch folgende Sätze enthielt:

„wenn eine weiße frau von tatsächlichen gewaltätigen männern of color gegen frauen of color spricht, ist die reaktion der frauen of Color oft, eine solidarität mit den männern of Color gegen die weiße frau besonders aber gegen sich selbst als erste opfer. Ich glaube hier ist die frage für die frauen of Color […] zu überlegen welche prioritäten sie haben“ – „Was die solidarität der weißen frauen mit frauen of Color angeht glaube ich, dass es das am wichtigsten ist, keine schuldgefühle zu produzieren. Es geht nicht darum, dass jede sich um die eigenen baustellen kümmert und die augen vor der gewalt von männern of Color aus angst zu verschließen, als rassistische wahrgenommen zu werden.“

Das hätte der Beginn einer kontroversen und produktiven Debatte werden können. Hätte. Denn anstatt den Beitrag auf maedchenmannschaft.net zu publizieren wie ursprünglich geplant, hat die Interviewerin ihn nur auf ihr privates, sehr viel weniger bekanntes Blog gestellt, aus Angst er könnte für „rassistische Diskurse“ missbraucht werden. Sie schickt vorneweg: „Wer dies unterstützen will und sich solidarisch zeigen mag, liked und teilt den text mit menschen, die mit dem inhalt verantwortungsbewußt umgehen können.“

So sieht es also aus, wenn eine Bewegung ihren Kopf im Sand vergräbt.

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5 Antworten zu Die Schattenseite des Empowerments

  1. Pingback: Ein letztes mal CW und Anverwandtes | Kritik und Kunst

  2. Lothar Lammfromm schreibt:

    MM ist keine Bewegung bzw. repräsentiert eine Bewegung, sondern im Wesentlichen ein radikal queerfeministisches Blog mit einem sehr deutlichen Schwerpunkt auf CWS und anti-istische Aktion. So weit ich weiß, gibt es allerdings z.Zt. auch kein insgesamt breiter aufgestelltes feministisches Gruppenblog in der Bloglandschaft in D-Schland. Es gab in den letzten Jahren eine merkliche Verschiebung der Ausrichtung von MM.

    Vielleicht besteht ja seitens von MM Interesse, darüber zu diskutieren. Könnte ich mir gut vorstellen.

  3. Frederik Tidén schreibt:

    Ich glaube es besteht seitens der MM eher das Interesse mit super-lustigen Tweets und coolen Reaction-gifs auf den sog. „Aufreger der Woche“ einzudreschen, als sich mit irgendeiner Form von substantieller Kritik auseinanderzusetzen.

    • Lothar Lammfromm schreibt:

      Ich sehe das auch ziemlich kritisch (für mich ist so etwas „Dieter-Bohlen-Style“), andererseits ist das auch ein Ergebnis davon, dass MM und ihre Autorinnen viele Jahre Angriffspunkt von sehr eifrigen Maskulinisten und anderen Honks waren.

      Teils als Notwehr, teils aber zu umfassend gibt es auf MM eine massive Zensur, auch mit dem Ergebnis, dass es echte Debatten und echten Austausch im Kommentarbereich von MM immer seltener gibt. Wird aber auf diese Zensur bzw. dieses spezielle und autoritäre Diskursklima hingewiesen, so werden diese Hinweise sogleich als Angriff interpretiert oder als völlig unsachlich.

      Es kommt mir persönlich so vor, als habe MM in den letzten Jahren vielfach eine Art Verlautbarungston entwickelt – bzw. das Verhältnis der Autorinnen zu ihren Leser/innen etwas Dozentenhaftes bzw. „von der Kanzel runter“. Abweichlerinnen von der zentralen Linie (z.B. Katrin Rönnicke) wurden von der Kernmannschaft in den letzten Jahren auch mit viel Häme weggebissen.

      Mein Eindruck ist auch, dass diese Entwicklungen auch den (wichtigen!) Anliegen schaden, die u.a. von den Autorinnen von MM vertreten werden. Die „alte Mädchenmannschaft“ empfand ich als offener und demokratischer.

      Ist aber womöglich nur mein Eindruck.

  4. Rosie schreibt:

    @Abweichlerinnen von der zentralen Linie (z.B. Katrin Rönnicke) wurden von der Kernmannschaft in den letzten Jahren auch mit viel Häme weggebissen.

    Das waren keine Abweichlerinnen, sondern die ursprüngliche Kernmannschaft.

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